Mittwoch, 15. August 2007

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Fritz Goergen und das "schillernde" Stiftungsleben

Ursula Pidun - Lange war es still um Fritz Goergen, der vor seiner letzten Ehe noch Fliszar hieß. Nun bläst der "freie Stratege" und Kommuniaktionsberater erneut zur Jagd. Während es 2004 noch die vermeintliche "Skandal FDP" war, die ihn so erzürnte, dass eine in gelb-blaue Farbtöne umhüllte Provokation daraus wurde, sind seine Opfer diesmal politische Stiftungen.

Der Grund: Pläne politischer Stiftungen, sich auch europaweit zu etablieren, hält er für reine "Abzocke". Und weil Geplauder aus dem Nähkästchen zu Goergens Spezialitäten gehört, gibt es gratis zur aktuellen Stiftungs-Kritik tiefe Einblicke in das "schillernde" Stiftungsleben. Dort nämlich reisen in seiner Sicht Mitarbeiter "für lau", also auf Steuerzahlerkosten, in der Weltgeschichte herum, betreiben sinnlose Konversation und beherbergen zu allem Überfluss ausgediente Polit-Ikonen, die sich sonst nirgendwo mehr unterbringen lassen.

Auf Steuerzahlerkosten rund um die Welt?
Nur Sommerloch-Getöse oder ist etwas dran an Goergens Vorwürfen? Der ehemalige FDP- Bundesgeschäftsführer muss es wissen. Immerhin steuerte er eines der vielen Stiftungs-Schiffe und zwar ganze 13 Jahre lang. Folgt man seiner These, ließ er es sich als Chef der FDP-nahen Friedrich-Naumann Stiftung also über diesen langen Zeitraum so richtig gut gehen, reiste "für lau" in der Weltgeschichte herum, ließ sich mit eigenem Dienstwagen und Chauffeur durch die Gegend kutschieren, führte sinnlose Konversation und beherbergte Polit-Ikonen die sich sonst nirgendwo unterbringen ließen. Und auch eine üppige Abfindung im Rahmen seines Ausscheidens aus der Stiftung als Folge von Inkompatibilitäten mit Otto Graf Lambsdorff nahm er wie selbstverständlich an. Alles auf Steuerzahlerkosten versteht sich und auch heute, mit 65 Jahren, profitiert er von diesem "sinnlosen" beruflichen Einsatz, denn nun gibt es eine gute Rente für die vielen Jahre der Qualen.

Doch Goergens Hauptkritik zielt nicht nur auf internes Pöstchengeschiebe, fröhliches Festefeiern und als Arbeit getarnte Weltreisen. Vielmehr lenkt er sein Augenmerk auf die immensen Summen, die in Stiftungen einfließen. Er glaubt an ein Fass ohne Boden und daran, dass mit einer europaweiten Aufstockung nicht automatisch neue Aufgaben einher gehen, die es zu lösen gilt und in der Folge solche immensen Summen rechtfertigen könnten. Die Stiftungen, allen voran die Friedrich-Naumann Stiftung, seien weltweit bereits extrem gut aufgestellt, säßen auf einem Geldsack und verfügten schon jetzt über rund 500 Millionen Euro an Steuergeldern, also dem 50-fachem Betrag vergleichbarer Parteien anderer Ländern, beklagt er. Besonders sieht Goergen jedoch auch die Neutralität der Stiftungen gegenüber den jeweiligen Parteien als nicht mehr zuverlässig gegeben.

Unverzichtbar: policy communities
Viel Geld also für vermeintlich sinnloses Agieren, parteipolitische Abhängigkeiten und Alibi-Pöstchen als Karriereknick-Vertuscher, womit sich der Blick auf die Frage richtet, welches Aufgabensprektrum Stiftungen tatsächlich wahrnehmen. Wer sich damit ernsthaft befasst, begreift schnell die Bedeutung solcher Institutionen, die ganz besonders in unserer heutigen globalisierten Welt einen immensen Stellenwert genießen. So agieren solche Stiftungen nicht nur als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Staat und zeichnen sich mit weitreichenden Bildungsoffensiven als Paten, Berater und Unterstützer unseres Nachwuchses aus. Sie dienen dem Land im ganz besonderen Maße auch als außenpolitische Stütze und nicht zuletzt als inzwischen international anerkanntes Instrument in der Entwicklungspolitik. Ihrem diplomatischem, zähem und geduldigem Agieren und einer Dialogfähigkeit auch in schwierigen und komplexen Bereichen dieser Thematik ist es mit zu verdanken, wenn in Hinblick auf die Geißel des Jahrhunderts, dem Terror, Fortschritte erzielt werden können.

Gerade Globalisierungsfaktoren erwarten angesichts tief greifender ökonomischer, aber auch sozialer Veränderungen eine kompetente Richtungsweisung. Ungleichgewichte können geebnet werden, wenn Dialog und Kommunikation zwischen den einzelnen Ländern funktionieren. Konflikte können entkräftet und Lösungen gefunden werden, wenn unterschiedliche Gesellschaften miteinander ins Gespräch kommen und untereinander im Gespräch bleiben. All diese Aufgaben sind keine Kleinigkeiten und ganz sicher handelt es sich nicht um laue Vergnügungsreisen und sinnloses Geplapper, wenn sich renommierte und einsatzbereite Mitarbeiter tagtäglich um gerade diese wichtigen Herausforderungen unserer Zeit bemühen. Dass innerhalb solcher Institutionen auch einmal einzelne Aufgaben abgearbeitet werden, deren Sinn nicht unbedingt jedem sofort zugänglich wird, kann vorkommen. Dort, wo sich viele Menschen um viele Probleme bemühen, gibt es Fehler. Sie sind zu einem gewissen Grad natürlicher Bestandteil in der Gesamtheit der Abarbeitung vielfältiger Aufgabenstellungen und lassen sich auch in den besten Unternehmen nicht immer ganz ausschließen.

Saulus und Paulus
Und die Kosten? Die weitreichenden Erfolge der Stiftungsarbeit lassen sich zumindest steuerrechtlich nicht bilanzieren, relativieren aber dennoch die Klage Goergens, Stiftungen müssten über keine Eigenmittel verfügen. Die Ergebnisse sind - wenngleich auch nicht formal-juristisch - Eigenmittel und oftmals von unschätzbarem Wert. Soll nun ein Staat, wie beispielsweise Deutschland, auf den Ausbau dieser wichtigen Arbeiten auch europaweit verzichten, weil Fritz Goergen glaubt, man könne das Geld besser einsetzen? Wer die immense Aufgabe in ihrer Komplexität nicht wirklich erkennt, kann auch ihren Wert nur schlecht definieren.

So stellt sich am Ende die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines deutschen Historikers mit österreichischen Wurzeln, der etwas anprangert, was er selbst über viele Jahre in vollen Zügen genossen hat. Aus Goergens Worten sprechen Verbitterungen durch ernüchterten Größenwahn, zumindest aber verletzte Eitelkeit und angekratztes Selbstwertgefühl. Seine Publikation im Jahr 2004 über die Skandal FDP und das aktuelle Stern-Interview wirken wie ein Katalysator tief verwurzelter Abneigung gegen Zustände, deren Umstände er immer für sich selbst zu nutzen wusste.

"Bedenke wohl die erste Zeile, dass Deine Feder sich nicht übereile" hieß es schon in Goethes Faust. Und so wird es Goergen kaum verwundert haben, dass seinem noch vor gut einem Jahr geäußertem Begehren, für die Friedrich-Naumann-Stiftung wieder als Freier Mitarbeiter tätig zu werden, auf taube Ohren stieß. Und auch nach seinem "Stern"-Interview wird sich mit tatkräftiger und europaweiter expansiver Unterstützung der politischen Stiftungen die Welt weiter drehen - zum Ärger von Goergen und zum Vorteil des Fortschritts.

linkDieser Artikel erschien erstmalig bei Spreerauschen

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