Das vergessene Foto der Freundin
Harald Haack – Der unentwickelte Fotoabzug lag in der Bibel. Vor 30 Jahren hatte ich das Bildchen in das alte Buch gelegt.
Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Freundin fotografiert. Sie brauchte Bewerbungsbilder. Ich schoss mit meiner Zenit-80, einem russischen Hasselblad-Nachbau, eine Serie von 12 Fotos. Mehr gingen auf einen 6x6-cm-Rollfilm nicht drauf. Eines der Fotos, fachmännisch auf gutem Fotopapier vergrößert und sauber entwickelt, fixiert, lange mit leider eisenhaltigem Brunnenwasser gewässert und getrocknet, hatte Erfolg. Meine Freundin kriegte damit den Job, für den sie sich beworben hatte.
Etwas anderes als dieses eisenhaltige Brunnenwasser, das in Waschbecken und Badewanne ständig hässliche rostbraune Flecken hinterließ, gab es in jener Zeit in der „Durchgangswohnung“ in der Bredenbekstraße in Hamburg-Ohlstedt nicht. Jedes Haus hatte dort seinen eigenen Brunnen und seine eigene Sickergrube für die Fäkalien. Die von mir für eine Monatsmiete von 450 D-Mark gemietete Wohnung erstreckte sich über zwei Etagen. Ganz unten, mit nicht zulässiger, niedriger Deckenhöhe, gab es ein ganz kleines Zimmer, ein Badezimmer mit uralter Badewanne und eine Küche mit Steingut-Spüle, schrottigem, alten Küchenschrank und eine Art Speisekammer. Der Fußboden wies an einer Stelle eine Aufwölbung auf, wie sie Kriminalisten häufig in Häusern vorfinden, wenn Leichen unter dem Estrich verscharrt wurden. Der cholerische Vermieter bestritt jedoch dort eine Leiche zu haben. Das Haus sei immerhin in der baustoffearmen Zeit der Zwanziger Jahre errichtet worden. Wenn man versuchte Löcher in die Wände zu bohren, um zum Beispiel ein Regal zu installieren, dann rieselte einem der Sand nur so entgegen und man glaubte es ihm. Und er nannte es „Durchgangswohnung“, weil ganz oben unter dem Dach eine Diakonisse hauste. Die musste zwangsläufig den selben Wohnungsflur benutzen, um in ihre beiden Zimmerchen zu gelangen.
Meine Filme entwickelte ich gelegentlich im Badezimmer. Das Fenster war nur eine schmale Luke und ließ sich problemlos abdunkeln. Aber die Frau des Vermieters stellte mir immer gerade dann, wenn ich das Wasser zur Wässerung der Filme dringend brauchte, die Wasserversorgung ab. Es nervte sie, dass die Pumpe, die nebenan im Keller des Haupthauses unter ihrer Küche anlief, dröhnte. Dort Filme zu entwickeln, wurde also zu einem Wagnis. So war ich froh, dass ich bald das Fotolabor eines Freundes, das sich im „wilden“ Schanzenviertel befand, nutzen durfte.
Nachdem ich dort für die Fotozeitschrift „Color-Foto“ des Verlages Laterna Magica mit „Colorvir“, das waren Chemikalien zum nachträglichen Einfärben von Fotoabzügen auf Kunststoffbasis, experimentiert hatte, kam ich eines Tages auf die Idee, eine andere Möglichkeit auszuprobieren. Ich wollte, wie ich das schon mittels der „Colorvir“-Chemikalien getan hatte, unter Verzicht der Entwicklerchemikalien aus Schwarzweiß-Fotos „farbige“ Fotos machen. Die Bilder sollten absolut trocken entstehen und die von mir verwendeten Materialien der Schwarzweiß-Fotografie angehören.
Ich erinnerte mich, wie meine Großmutter, von der ich die Bibel geerbt hatte, als Fotolaborantin meines Urgroßvaters dessen Negative zusammen mit Fotopapier in einen Rahmen gesteckt und stundenlang dem Licht ausgesetzt hatte. Mit den damals gebräuchlichen Papieren – ich glaube, das waren die ersten Chorsilberpapiere – war das möglich und es entstanden auf diese Weise die Abzüge; daher auch die Bezeichnung „Abzug“. Aber diese Papiere gab es längst nicht mehr. Die Welt war auf Bromsilberpapier umgestiegen. Die waren wesentlich lichtempfindlicher, brauchten allerdings auch Chemikalien, um aus dem latenten Bild ein sichtbares zu machen.
Doch auch Bromsilberpapiere verfärbten sich bei Lichteinwirkung. Häufig wurden sie rosa. Dies brachte mich auf die Idee.
Und so legte ich ein Negativ aus der Fotoserie, auf der meine Freundin zu sehen war, auf ein Blatt Fotopapier und setze es nicht nur stundenlang, sondern tagelang dem Tageslicht aus. Das was ich mir erhofft hatte, funktionierte tatsächlich: Das positive Abbild des Negativs wurde durch die extrem lange Belichtung nahezu lichtbeständig. Jedenfalls verblasste es nicht sofort. Doch wenn man es ohne Negativ weiterhin belichtete, dann verfärbten sich auch die Stellen, die weniger Licht erhalten hatten. Das dauerte allerdings länger als bei einem frischen, unbelichteten Blatt Brompapier.
Ich schilderte dem damaligen Chefredakteur von „Color-Foto“ von meinem Experiment. Doch der hielt mein Vorhaben, mittels Schwarzweiß-Fotomaterials ohne Einsatz von Chemikalien „Farbbilder“ herzustellen, für Spinnerei und brach den Kontakt zu mir ab.
In jener Zeit hatte noch niemand es für möglich gehalten, dass es die auf lichtempfindliche Chemie-Materialien basierende Fotografie, die viele gesundheitsgefährdende Stoffe benötigte, zum Sterben verdammt war. Heute, wo wir digital fotografieren, umschreiben wir die alten fotografischen Verfahren mit dem Begriff „analog“.

Nach 30 Jahren in einer Bibel wiederentdeckt: Das Bild im unbearbeiteten Zustand. Fotoabzug ohne Entwicklerchemikalien.

Das fotografische Mädchenbildnis nun digitalisiert und im Tonwertumfang bearbeitet - im Stil zwischen Pop und Nostalgie der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Weitere Version nach umfangreicher digitaler Bearbeitung. Die Risse in der Gelatineschicht des Bromsilberpapieres treten deutlicher hervor.
Ich hatte den kleinen Abzug mit dem Bild meiner Freundin, die inzwischen meine Ehefrau ist, in die Bibel gelegt. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es mir nach meinem Kirchenaustritt als sicherster Ort für dieses Bild erschien. Wer sollte denn bitteschön in diesem angeblichen „Buch der Bücher“ blättern und das Bildchen erneut dem Licht aussetzen? Irgendwann später, so ahnte ich, gäbe es eine Möglichkeit das Bild vollends zu fixieren und sogar um es zu vergrößern. Das Bild überdauerte die Zeit, und ich hatte es schon längst vergessen. Nur meine Recherchen brachten mich dazu, die Bibel durchzublättern…
Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Freundin fotografiert. Sie brauchte Bewerbungsbilder. Ich schoss mit meiner Zenit-80, einem russischen Hasselblad-Nachbau, eine Serie von 12 Fotos. Mehr gingen auf einen 6x6-cm-Rollfilm nicht drauf. Eines der Fotos, fachmännisch auf gutem Fotopapier vergrößert und sauber entwickelt, fixiert, lange mit leider eisenhaltigem Brunnenwasser gewässert und getrocknet, hatte Erfolg. Meine Freundin kriegte damit den Job, für den sie sich beworben hatte.
Etwas anderes als dieses eisenhaltige Brunnenwasser, das in Waschbecken und Badewanne ständig hässliche rostbraune Flecken hinterließ, gab es in jener Zeit in der „Durchgangswohnung“ in der Bredenbekstraße in Hamburg-Ohlstedt nicht. Jedes Haus hatte dort seinen eigenen Brunnen und seine eigene Sickergrube für die Fäkalien. Die von mir für eine Monatsmiete von 450 D-Mark gemietete Wohnung erstreckte sich über zwei Etagen. Ganz unten, mit nicht zulässiger, niedriger Deckenhöhe, gab es ein ganz kleines Zimmer, ein Badezimmer mit uralter Badewanne und eine Küche mit Steingut-Spüle, schrottigem, alten Küchenschrank und eine Art Speisekammer. Der Fußboden wies an einer Stelle eine Aufwölbung auf, wie sie Kriminalisten häufig in Häusern vorfinden, wenn Leichen unter dem Estrich verscharrt wurden. Der cholerische Vermieter bestritt jedoch dort eine Leiche zu haben. Das Haus sei immerhin in der baustoffearmen Zeit der Zwanziger Jahre errichtet worden. Wenn man versuchte Löcher in die Wände zu bohren, um zum Beispiel ein Regal zu installieren, dann rieselte einem der Sand nur so entgegen und man glaubte es ihm. Und er nannte es „Durchgangswohnung“, weil ganz oben unter dem Dach eine Diakonisse hauste. Die musste zwangsläufig den selben Wohnungsflur benutzen, um in ihre beiden Zimmerchen zu gelangen.
Meine Filme entwickelte ich gelegentlich im Badezimmer. Das Fenster war nur eine schmale Luke und ließ sich problemlos abdunkeln. Aber die Frau des Vermieters stellte mir immer gerade dann, wenn ich das Wasser zur Wässerung der Filme dringend brauchte, die Wasserversorgung ab. Es nervte sie, dass die Pumpe, die nebenan im Keller des Haupthauses unter ihrer Küche anlief, dröhnte. Dort Filme zu entwickeln, wurde also zu einem Wagnis. So war ich froh, dass ich bald das Fotolabor eines Freundes, das sich im „wilden“ Schanzenviertel befand, nutzen durfte.
Nachdem ich dort für die Fotozeitschrift „Color-Foto“ des Verlages Laterna Magica mit „Colorvir“, das waren Chemikalien zum nachträglichen Einfärben von Fotoabzügen auf Kunststoffbasis, experimentiert hatte, kam ich eines Tages auf die Idee, eine andere Möglichkeit auszuprobieren. Ich wollte, wie ich das schon mittels der „Colorvir“-Chemikalien getan hatte, unter Verzicht der Entwicklerchemikalien aus Schwarzweiß-Fotos „farbige“ Fotos machen. Die Bilder sollten absolut trocken entstehen und die von mir verwendeten Materialien der Schwarzweiß-Fotografie angehören.
Ich erinnerte mich, wie meine Großmutter, von der ich die Bibel geerbt hatte, als Fotolaborantin meines Urgroßvaters dessen Negative zusammen mit Fotopapier in einen Rahmen gesteckt und stundenlang dem Licht ausgesetzt hatte. Mit den damals gebräuchlichen Papieren – ich glaube, das waren die ersten Chorsilberpapiere – war das möglich und es entstanden auf diese Weise die Abzüge; daher auch die Bezeichnung „Abzug“. Aber diese Papiere gab es längst nicht mehr. Die Welt war auf Bromsilberpapier umgestiegen. Die waren wesentlich lichtempfindlicher, brauchten allerdings auch Chemikalien, um aus dem latenten Bild ein sichtbares zu machen.
Doch auch Bromsilberpapiere verfärbten sich bei Lichteinwirkung. Häufig wurden sie rosa. Dies brachte mich auf die Idee.
Und so legte ich ein Negativ aus der Fotoserie, auf der meine Freundin zu sehen war, auf ein Blatt Fotopapier und setze es nicht nur stundenlang, sondern tagelang dem Tageslicht aus. Das was ich mir erhofft hatte, funktionierte tatsächlich: Das positive Abbild des Negativs wurde durch die extrem lange Belichtung nahezu lichtbeständig. Jedenfalls verblasste es nicht sofort. Doch wenn man es ohne Negativ weiterhin belichtete, dann verfärbten sich auch die Stellen, die weniger Licht erhalten hatten. Das dauerte allerdings länger als bei einem frischen, unbelichteten Blatt Brompapier.
Ich schilderte dem damaligen Chefredakteur von „Color-Foto“ von meinem Experiment. Doch der hielt mein Vorhaben, mittels Schwarzweiß-Fotomaterials ohne Einsatz von Chemikalien „Farbbilder“ herzustellen, für Spinnerei und brach den Kontakt zu mir ab.
In jener Zeit hatte noch niemand es für möglich gehalten, dass es die auf lichtempfindliche Chemie-Materialien basierende Fotografie, die viele gesundheitsgefährdende Stoffe benötigte, zum Sterben verdammt war. Heute, wo wir digital fotografieren, umschreiben wir die alten fotografischen Verfahren mit dem Begriff „analog“.

Nach 30 Jahren in einer Bibel wiederentdeckt: Das Bild im unbearbeiteten Zustand. Fotoabzug ohne Entwicklerchemikalien.

Das fotografische Mädchenbildnis nun digitalisiert und im Tonwertumfang bearbeitet - im Stil zwischen Pop und Nostalgie der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Weitere Version nach umfangreicher digitaler Bearbeitung. Die Risse in der Gelatineschicht des Bromsilberpapieres treten deutlicher hervor.
Ich hatte den kleinen Abzug mit dem Bild meiner Freundin, die inzwischen meine Ehefrau ist, in die Bibel gelegt. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es mir nach meinem Kirchenaustritt als sicherster Ort für dieses Bild erschien. Wer sollte denn bitteschön in diesem angeblichen „Buch der Bücher“ blättern und das Bildchen erneut dem Licht aussetzen? Irgendwann später, so ahnte ich, gäbe es eine Möglichkeit das Bild vollends zu fixieren und sogar um es zu vergrößern. Das Bild überdauerte die Zeit, und ich hatte es schon längst vergessen. Nur meine Recherchen brachten mich dazu, die Bibel durchzublättern…
sfux - 9. Feb, 08:04 Article 1250x read