Der Staatsbeton neuer Metropolen
Malte Olschewski - Diktatoren und Gewaltherrscher fühlen sich unwohl inmitten brodelnder Menschenmassen und im Lärm von Millionenstädten. Oft suchen sie als Mahnmal ihrer Herrschaft eine neue Hauptstadt aufzurichten. So hat sich auch Burmas Militärdiktator Than Swe nahe einer Holzfällersiedlung eine neue Metropole aus dem Dschungel stampfen lassen. Naypyidaw (Königliche Stadt) ist dieser Tage mit einer Militärparade eingeweiht wurde.

Naypyidaw : Neue Hauptstädte für alte Diktatoren.
Die „Königliche Stadt“ besteht aus Triumphbauten, Betonklötzen und breiten Avenuen. Die Beamten aus der bisherigen Hauptstadt Rangun hatten auf Befehl der Militärregimes binnen kürzester Zeit zu übersiedeln, obwohl in der neuen Hauptstadt noch nicht genug Unterkünfte errichtet worden waren. Als Grund für die völlig unnötige Metropole wurde angegeben, dass sich Naypyidaw im Zentrum des Landes befinden würde. Des weiteren könne man von hier aus die aufständischen Stämme der Shan und Karen besser bekämpfen.
Der tieferer Grund dürfte woanders liegen: Burmas Militärherrscher sehen sich als Erben historischer Königsdynastien, die immer wieder neue Hauptstädte gebaut haben. Schon Diktator Ne Win (1911- 2002) war in dem Irrtum befangen, der neunte König der einst mächtigen, aber schon lange erloschenen Alaungpaya-Dynastie zu sein. Daher schaffte er das Zehner-System ab und richtete das ganze Land nach der Zahl „9“ aus. So wurden neue Banknoten eingeführt, deren Wert durch neun teilbar waren Seine Nachfolger liessen die „9“ wieder gerade sein und bemühten sich um eine neue Hauptstadt.
Im Thailand ist der letzte Hauptstadtwechsel schon über 200 Jahre her. Nach Zerstörung der alten Hauptstadt Ayutthaya 1767 durch die Burmesen, errichtete König Thaksin in Thonburi am Ufer des Chao Piya-Flusses eine neue Hauptstadt. Thaksin wurde bald von seinem General Chakri gestürzt und exekutiert. Chakri verlegte 1882 die Hauptstadt in ein Dorf (Ban) auf der anderen Seite des Flusses, in dem bisher vor allem Pflaumen (Kok) angebaut worden waren. Der mit Japan verbündete Militärdiktator Phibulsongkram plante um 1942, in Petchabun eine neue Hauptstadt zu errichten, die seinen Namen tragen sollte. Das Heiligtum des Emerald-Buddha war aus Bangkok bereits nach Petachbun gebracht worden, als der Diktator gestürzt wurde.
Sri Yaya Vardhana Pura Kotte war lange Zeit die Hauptstadt Sri Lankas, bis 1515 der Regierungssitz in das benachbarte, besser geschützte Colombo verlegt wurde. Der langjährigen Regierungschef Junius Yayawardene wollte um 1980 nicht länger über den Lärm und das Elend Colombos regieren. Er sah auch die grosse Ähnlichkeit der alten Hauptstadt mit seinem eigenen Namen. Die Insel war von Massenarmut und Bürgerkrieg betroffen, was Sir Junius nicht hinderte, für sich und die Regierungskaste das Programm „Schöner Wohnen“ durchzusetzen. 1983 übersiedelte die Regierung in die modernen Bauten der neuen Hauptstadt von Kotte.
In Pakistan war ähnliches geschehen. Die Regierenden wollten nicht in dem Getöse der hässlichen und schmutzigen Millionenstadt Karatschi verbleiben. Auch Rawalpindi war ihnen nicht gut genug. Daher wurde von Militärdiktator Ayub Khan ab 1958 in der Nähe von Rawalpindi mit Islamabad eine nagelneue Hauptstadt aus dem Boden gestampft. Später sind viele moderne Bauten der Stadt islamisiert worden. Um die herrschende Hitze zu dämpfen, hat man drei grosse, künstliche Seen geschaffen.
Aber auch in der kasachischen Metropole Alma Ata war es dem Langzeitdiktator Nursultan Nasarbayew zu eng geworden. Es drängte ihn, nach Zusammenbruch des Kommunismus die neue Epoche der Unabhängigkeit auch mit einer neuen Hauptstadt zu feiern. Er liess Vermessungen anstellen. Bald kamen seine Gelehrten mit der Mitteilung gelaufen, dass sich die Siedlung Akmola im Mittelpunkt von Ost und West und genau im Zentrum Eurasiens, wenn nicht des ganzen Universiums, befinden würde. Das genügte: Nasarbayew liess um das ehemaligen Kosakenfort Akmolinsk eine neue Hauptstadt mit dem Namen „Astana“ (etwa: Sternenhauptstadt) in die Höhe wachsen. Beamte, Ministerien und ausländische Botschaften hatten 1997 zu übersiedeln. Ausländische Botschaftsangehörige fühlen sich in dieser Stadt bald „wie auf einen anderen Stern.“
Auch in Nigeria wollten die Militärherrscher schöner wohnen, da die verdreckte, lärmende Hafenstadt Lagos Regierungsarbeit immer schwerer machte. Also wurde 300 Kilometer nördlich die neue Hauptstadt Abuja mit auffallend vielen Prachtbauten errichtet. Die Bevölkerung ist mit 178 000 Menschen angenehm klein. Zuzug von auswärts wird unmöglich gemacht. Leere Avenuen führen vom Parlament zum Stadion, weiter zur riesigen Moschee und zum Luxushotel. Für neuen Beton reichen die Gelder allemal, nur nicht zu Steigerung des allgemeinen Lebensstandards.
Malawis Langzeitpräsidenten Hastings Banda (1896 - 1997) wollte die Hauptstadt Blantyre nicht gefallen, da es eine Stadt gleichen Namens auch in Schottland gab. Die britischen Kolonialherren hatten den grössten Ort des von ihnen regierten Njassalandes so genannt, weil der Afrikaforscher David Livingstoin im schottischen Blantyre geboren worden war. Banda mit dem Ehrennamen „Kamuzu“ (Würzelchen) übersiedelte 1964 mit der Unabhängigkeit nach Zomba, wo er sich aber auch nur zehn Jahre wohl fühlte. Schliesslich liess sich der Präsident in der Stadt Lilongwe nieder, die er dann mit reichhaltigem Staatsbeton übergoss. Bandas Tod dürfte einen weiteren Standortswechsel verhindert haben.
Zaires Diktator Mobutu wollte sein Heimatdorf zur neuen Hauptstadt ausbauen, doch ist ihm das nicht gelungen. Der Herrscher über die Elfenbeinküste, Felix Houphouet-Boigny, war indes mit ähnlichen Plänen erfolgreich. Er war lange Zeit Häuptling des Dorfes von Yamoussoukro. Mit der Unabhängigkeit wurde er zum Präsidenten des Landes gewählt. Durch enorme persönliche Bereicherung konnte er sich alle folgenden Wahlen kaufen.
Schon kurz nach der Unabhängigkeit hatte er 1964 mit der Realisierung seiner grossen Idee begonnen. Yamoussoukro sollte nicht nur neue Hauptstadt, sondern auch Standort der grössten katholischen Kirche der Welt werden. Am 10.9.1900 wurde die Basilika „Notre Dame de la Paix“ in Anwesenheit des Papstes feierlich eingeweiht. Ein kostbares Glasfenster stellte Jesus und seine zwölf Apostel dar. Wer genau hinsah, konnte auch einen 13. Apostel mit den Gesichtszügen des größenwahnsinnigen Präsidenten erkennen.
In vielen grossen Städten der Dritten Welt wird Regierung tatsächlich durch die Millionen Menschen auf dichtestem Raum immer schwerer. Staatsgäste müssen oft per Hubschrauber vom Flugplatz in das Regierungsviertel geflogen werden. Für Fahrten der Staatslimousinen müssen weite Strecken von der Polizei abgesperrt werden, was zum einem urbanen Chaos führt. Daher werden etwa in Kairo, Seoul, Djakarta und Mexico City Pläne für eine neue Hauptstadt diskutiert.

Naypyidaw : Neue Hauptstädte für alte Diktatoren.
Die „Königliche Stadt“ besteht aus Triumphbauten, Betonklötzen und breiten Avenuen. Die Beamten aus der bisherigen Hauptstadt Rangun hatten auf Befehl der Militärregimes binnen kürzester Zeit zu übersiedeln, obwohl in der neuen Hauptstadt noch nicht genug Unterkünfte errichtet worden waren. Als Grund für die völlig unnötige Metropole wurde angegeben, dass sich Naypyidaw im Zentrum des Landes befinden würde. Des weiteren könne man von hier aus die aufständischen Stämme der Shan und Karen besser bekämpfen.
Der tieferer Grund dürfte woanders liegen: Burmas Militärherrscher sehen sich als Erben historischer Königsdynastien, die immer wieder neue Hauptstädte gebaut haben. Schon Diktator Ne Win (1911- 2002) war in dem Irrtum befangen, der neunte König der einst mächtigen, aber schon lange erloschenen Alaungpaya-Dynastie zu sein. Daher schaffte er das Zehner-System ab und richtete das ganze Land nach der Zahl „9“ aus. So wurden neue Banknoten eingeführt, deren Wert durch neun teilbar waren Seine Nachfolger liessen die „9“ wieder gerade sein und bemühten sich um eine neue Hauptstadt.
Im Thailand ist der letzte Hauptstadtwechsel schon über 200 Jahre her. Nach Zerstörung der alten Hauptstadt Ayutthaya 1767 durch die Burmesen, errichtete König Thaksin in Thonburi am Ufer des Chao Piya-Flusses eine neue Hauptstadt. Thaksin wurde bald von seinem General Chakri gestürzt und exekutiert. Chakri verlegte 1882 die Hauptstadt in ein Dorf (Ban) auf der anderen Seite des Flusses, in dem bisher vor allem Pflaumen (Kok) angebaut worden waren. Der mit Japan verbündete Militärdiktator Phibulsongkram plante um 1942, in Petchabun eine neue Hauptstadt zu errichten, die seinen Namen tragen sollte. Das Heiligtum des Emerald-Buddha war aus Bangkok bereits nach Petachbun gebracht worden, als der Diktator gestürzt wurde.
Sri Yaya Vardhana Pura Kotte war lange Zeit die Hauptstadt Sri Lankas, bis 1515 der Regierungssitz in das benachbarte, besser geschützte Colombo verlegt wurde. Der langjährigen Regierungschef Junius Yayawardene wollte um 1980 nicht länger über den Lärm und das Elend Colombos regieren. Er sah auch die grosse Ähnlichkeit der alten Hauptstadt mit seinem eigenen Namen. Die Insel war von Massenarmut und Bürgerkrieg betroffen, was Sir Junius nicht hinderte, für sich und die Regierungskaste das Programm „Schöner Wohnen“ durchzusetzen. 1983 übersiedelte die Regierung in die modernen Bauten der neuen Hauptstadt von Kotte.
In Pakistan war ähnliches geschehen. Die Regierenden wollten nicht in dem Getöse der hässlichen und schmutzigen Millionenstadt Karatschi verbleiben. Auch Rawalpindi war ihnen nicht gut genug. Daher wurde von Militärdiktator Ayub Khan ab 1958 in der Nähe von Rawalpindi mit Islamabad eine nagelneue Hauptstadt aus dem Boden gestampft. Später sind viele moderne Bauten der Stadt islamisiert worden. Um die herrschende Hitze zu dämpfen, hat man drei grosse, künstliche Seen geschaffen.
Aber auch in der kasachischen Metropole Alma Ata war es dem Langzeitdiktator Nursultan Nasarbayew zu eng geworden. Es drängte ihn, nach Zusammenbruch des Kommunismus die neue Epoche der Unabhängigkeit auch mit einer neuen Hauptstadt zu feiern. Er liess Vermessungen anstellen. Bald kamen seine Gelehrten mit der Mitteilung gelaufen, dass sich die Siedlung Akmola im Mittelpunkt von Ost und West und genau im Zentrum Eurasiens, wenn nicht des ganzen Universiums, befinden würde. Das genügte: Nasarbayew liess um das ehemaligen Kosakenfort Akmolinsk eine neue Hauptstadt mit dem Namen „Astana“ (etwa: Sternenhauptstadt) in die Höhe wachsen. Beamte, Ministerien und ausländische Botschaften hatten 1997 zu übersiedeln. Ausländische Botschaftsangehörige fühlen sich in dieser Stadt bald „wie auf einen anderen Stern.“
Auch in Nigeria wollten die Militärherrscher schöner wohnen, da die verdreckte, lärmende Hafenstadt Lagos Regierungsarbeit immer schwerer machte. Also wurde 300 Kilometer nördlich die neue Hauptstadt Abuja mit auffallend vielen Prachtbauten errichtet. Die Bevölkerung ist mit 178 000 Menschen angenehm klein. Zuzug von auswärts wird unmöglich gemacht. Leere Avenuen führen vom Parlament zum Stadion, weiter zur riesigen Moschee und zum Luxushotel. Für neuen Beton reichen die Gelder allemal, nur nicht zu Steigerung des allgemeinen Lebensstandards.
Malawis Langzeitpräsidenten Hastings Banda (1896 - 1997) wollte die Hauptstadt Blantyre nicht gefallen, da es eine Stadt gleichen Namens auch in Schottland gab. Die britischen Kolonialherren hatten den grössten Ort des von ihnen regierten Njassalandes so genannt, weil der Afrikaforscher David Livingstoin im schottischen Blantyre geboren worden war. Banda mit dem Ehrennamen „Kamuzu“ (Würzelchen) übersiedelte 1964 mit der Unabhängigkeit nach Zomba, wo er sich aber auch nur zehn Jahre wohl fühlte. Schliesslich liess sich der Präsident in der Stadt Lilongwe nieder, die er dann mit reichhaltigem Staatsbeton übergoss. Bandas Tod dürfte einen weiteren Standortswechsel verhindert haben.
Zaires Diktator Mobutu wollte sein Heimatdorf zur neuen Hauptstadt ausbauen, doch ist ihm das nicht gelungen. Der Herrscher über die Elfenbeinküste, Felix Houphouet-Boigny, war indes mit ähnlichen Plänen erfolgreich. Er war lange Zeit Häuptling des Dorfes von Yamoussoukro. Mit der Unabhängigkeit wurde er zum Präsidenten des Landes gewählt. Durch enorme persönliche Bereicherung konnte er sich alle folgenden Wahlen kaufen.
Schon kurz nach der Unabhängigkeit hatte er 1964 mit der Realisierung seiner grossen Idee begonnen. Yamoussoukro sollte nicht nur neue Hauptstadt, sondern auch Standort der grössten katholischen Kirche der Welt werden. Am 10.9.1900 wurde die Basilika „Notre Dame de la Paix“ in Anwesenheit des Papstes feierlich eingeweiht. Ein kostbares Glasfenster stellte Jesus und seine zwölf Apostel dar. Wer genau hinsah, konnte auch einen 13. Apostel mit den Gesichtszügen des größenwahnsinnigen Präsidenten erkennen.
In vielen grossen Städten der Dritten Welt wird Regierung tatsächlich durch die Millionen Menschen auf dichtestem Raum immer schwerer. Staatsgäste müssen oft per Hubschrauber vom Flugplatz in das Regierungsviertel geflogen werden. Für Fahrten der Staatslimousinen müssen weite Strecken von der Polizei abgesperrt werden, was zum einem urbanen Chaos führt. Daher werden etwa in Kairo, Seoul, Djakarta und Mexico City Pläne für eine neue Hauptstadt diskutiert.
sfux - 2. Apr, 08:00 Article 1873x read