Die Schlacht um den Bronzesoldaten
Malte Olschewski - Die Vergangenheit hat das nördliche Musterländchen eingeholt: Bei Unruhen sind in der estnischen Hauptstadt Tallin bisher rund tausend Personen verhaftet worden. Es gab einen Toten und über fünfzig Verletzte. Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Auslöser der Krise war das Denkmal eines Sowjetsoldaten im Zentrum von Tallin. Tiefere Ursache sind wachsende Spannungen zwischen den 800 000 Esten und den Nachkommen jener Russen, die nach zwei von Stalin angeordneten Deportationswellen ab 1947 im Land angesiedelt worden waren.
Die Esten sind ein kleines finnugrisches Volk, das in der Geschichte von Dänen, Schweden, Russen und Deutschen regiert worden war. Nach der russischen Oktoberrevolution ist Estland von deutschen Truppen besetzt worden. Mit dem Ende des Krieges kam es zur Erklärung der Unabhängigkeit, die 1919/20 gegen bolschewistische Truppen verteidigt werden musste. Der Vertrag von Tartu vom 2.2.1920 brachte mit einer Grenzziehung auch einen Verzicht auf sowjetische Ansprüche. Estland wurde wie die beiden anderen Baltenstaaten Lettland und Litauen eine unabhängige Republik. Am 24.4.1934 putschte Präsident Konstantin Päts und regierte vier Jahre ohne Parlament.
Im Hitler-Stalin-Pakt hat Deutschland die Baltenstaaten der sowjetischen Einflußsphäre überlassen. Die Sowjets installierten ein Kollaborationsregime und besetzten dann das ganze Land. Schon vorher hatten kommunistische Vertrauensleute Listen von bürgerlichen Personen zusammengestellt, die nun zusammengetrieben und mit Viehwaggons nach Sibirien deportiert wurden. Nach dem Angriff Hitlers auf die UdSSR wurde Estland 1941 von NS-Truppen besetzt. 1944 rückten wieder die Sowjets heran. 75 000 Esten sind damals geflüchtet. Estland wurde eine Sowjetrepublik. In den Kriegsjahren hat das Land 30 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Im März 1949 kam es zu einer zweiten Deportationswelle. Neuerlich wurden über zehntausend Esten hinter den Ural verschickt. Trotz seiner schweren Verluste hat sich Estland zu der Sowjetrepublik mit dem höchsten Lebensstandard entwickelt.
Schon am 23.8.1987 war es in Tallin zu einer ersten Demonstration für die Unabhängigkeit des Landes gekommen. Es entwickelte sich die „Singende Revolution“, bei der mit Liedern und Chören ein „Freies Estland“ gefordert wurde. Am 19.8.1991 erklärte der „Oberste Rat“ in Tallin als Reaktion auf den Putschversuch in Moskau die Unabhängigkeit.
Die russische Volksgruppe stellte sich bald als Belastung heraus. Die im Land lebenden Russen erhielten nicht automatisch die estnische Staatsangehörigkeit. Voraussetzung dafür war unter anderem die Kenntnis der estnischen Sprache, die für Russen extrem schwierig zu erlernen ist. Es bildete sich vor allem in den Städten ein arbeitsloses Jugendproletariat, das schon mehrmals für Unruhen verantwortlich gewesen war. Zu Beginn des Jahres 2007 verabschiedete das estnische Parlament ein Gesetz, durch das alle Denkmäler verboten wurden, die „Feindschaft schüren und Staaten verherrlichen, die Estland in der Vergangenheit okkuptiert hatten.“
In einem weiteren Gesetz wurde festgelegt, dass Überreste von Gefallenen, die an „unpassenden Plätzen“ begraben sind, in Friedhöfe umgebettet werden sollen. Die Parlamentsbeschlüsse richteten sich in erster Linie gegen das über zwei Meter hohe Denkmal eines Sowjetsoldaten, das 1947 am Tonismägi-Hügel im Zentrum von Tallin über den Gräbern von 13 gefallenen Sowjetsoldaten errichtet worden war. Das Denkmal in typischem Sowjetstil steht für Russland und die russische Minderheit des Landes für alle Opfer, die in Estland im Kampf gegen Hitler-Deutschland gefallen sind. Für die meisten Esten ist der Bronzesoldat ein Symbol der Sowjetherrschaft.
Die estnische Regierung unter Ministerpräsident Andrus Ansip zeigte wenig Fingerspitzengefühl, als die die Statue plötzlich entfernen und an einen unbekannten Ort verwahren liess. Am Hügel selbst wird unter einem Zelt nach den Überresten der Soldaten gegraben. Am 26.4. versammelten sich um den Hügel hundert Demonstranten. Als die Polizei mit übermässiger Härte eingriff, trafen aus den Vorstädten russische Jugendliche ein. Die Situation geriet ausser Kontrolle. Seitdem kommt es jede Nacht zu neuen Unruhen und Verhaftungen. Das russische Parlament drohte Estland Massnahmen an. Präsident Wladimir Putin erklärte sich bereit, unerwünschte Gräber aus Estland auf den Boden der Russischen Föderation zu transferieren.
Die Esten sind ein kleines finnugrisches Volk, das in der Geschichte von Dänen, Schweden, Russen und Deutschen regiert worden war. Nach der russischen Oktoberrevolution ist Estland von deutschen Truppen besetzt worden. Mit dem Ende des Krieges kam es zur Erklärung der Unabhängigkeit, die 1919/20 gegen bolschewistische Truppen verteidigt werden musste. Der Vertrag von Tartu vom 2.2.1920 brachte mit einer Grenzziehung auch einen Verzicht auf sowjetische Ansprüche. Estland wurde wie die beiden anderen Baltenstaaten Lettland und Litauen eine unabhängige Republik. Am 24.4.1934 putschte Präsident Konstantin Päts und regierte vier Jahre ohne Parlament.
Im Hitler-Stalin-Pakt hat Deutschland die Baltenstaaten der sowjetischen Einflußsphäre überlassen. Die Sowjets installierten ein Kollaborationsregime und besetzten dann das ganze Land. Schon vorher hatten kommunistische Vertrauensleute Listen von bürgerlichen Personen zusammengestellt, die nun zusammengetrieben und mit Viehwaggons nach Sibirien deportiert wurden. Nach dem Angriff Hitlers auf die UdSSR wurde Estland 1941 von NS-Truppen besetzt. 1944 rückten wieder die Sowjets heran. 75 000 Esten sind damals geflüchtet. Estland wurde eine Sowjetrepublik. In den Kriegsjahren hat das Land 30 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Im März 1949 kam es zu einer zweiten Deportationswelle. Neuerlich wurden über zehntausend Esten hinter den Ural verschickt. Trotz seiner schweren Verluste hat sich Estland zu der Sowjetrepublik mit dem höchsten Lebensstandard entwickelt.
Schon am 23.8.1987 war es in Tallin zu einer ersten Demonstration für die Unabhängigkeit des Landes gekommen. Es entwickelte sich die „Singende Revolution“, bei der mit Liedern und Chören ein „Freies Estland“ gefordert wurde. Am 19.8.1991 erklärte der „Oberste Rat“ in Tallin als Reaktion auf den Putschversuch in Moskau die Unabhängigkeit.
Die russische Volksgruppe stellte sich bald als Belastung heraus. Die im Land lebenden Russen erhielten nicht automatisch die estnische Staatsangehörigkeit. Voraussetzung dafür war unter anderem die Kenntnis der estnischen Sprache, die für Russen extrem schwierig zu erlernen ist. Es bildete sich vor allem in den Städten ein arbeitsloses Jugendproletariat, das schon mehrmals für Unruhen verantwortlich gewesen war. Zu Beginn des Jahres 2007 verabschiedete das estnische Parlament ein Gesetz, durch das alle Denkmäler verboten wurden, die „Feindschaft schüren und Staaten verherrlichen, die Estland in der Vergangenheit okkuptiert hatten.“
In einem weiteren Gesetz wurde festgelegt, dass Überreste von Gefallenen, die an „unpassenden Plätzen“ begraben sind, in Friedhöfe umgebettet werden sollen. Die Parlamentsbeschlüsse richteten sich in erster Linie gegen das über zwei Meter hohe Denkmal eines Sowjetsoldaten, das 1947 am Tonismägi-Hügel im Zentrum von Tallin über den Gräbern von 13 gefallenen Sowjetsoldaten errichtet worden war. Das Denkmal in typischem Sowjetstil steht für Russland und die russische Minderheit des Landes für alle Opfer, die in Estland im Kampf gegen Hitler-Deutschland gefallen sind. Für die meisten Esten ist der Bronzesoldat ein Symbol der Sowjetherrschaft.
Die estnische Regierung unter Ministerpräsident Andrus Ansip zeigte wenig Fingerspitzengefühl, als die die Statue plötzlich entfernen und an einen unbekannten Ort verwahren liess. Am Hügel selbst wird unter einem Zelt nach den Überresten der Soldaten gegraben. Am 26.4. versammelten sich um den Hügel hundert Demonstranten. Als die Polizei mit übermässiger Härte eingriff, trafen aus den Vorstädten russische Jugendliche ein. Die Situation geriet ausser Kontrolle. Seitdem kommt es jede Nacht zu neuen Unruhen und Verhaftungen. Das russische Parlament drohte Estland Massnahmen an. Präsident Wladimir Putin erklärte sich bereit, unerwünschte Gräber aus Estland auf den Boden der Russischen Föderation zu transferieren.
sfux - 1. Mai, 08:22 Article 1671x read