Im Labyrinth der Titel gefangen - Deutsche Exkolonie Samoa wählt neuen Staatschef
Malte Olschewski - Würdevoller und langatmiger Streit um die Nachfolge des Staatsoberhauptes ist zu erwarten, denn kaum etwas ist bei den
Samoanern beliebter als der Kampf um Titel und Würden. Da der mit der Unabhängigkeit 1962 auf Lebenszeit gewählte Staatschef Malietoa Tanumafili kürzlich mit 94 Jahren verstorben ist, muss laut Verfassung der ehemaligen deutschen Kolonie das Parlament seinen Nachfolger bestimmen. Dieses Parlament aber ist keine Volksvertretung, sondern ein Plenum der Häuptlinge, der Matais. Nur ein solcher Matai kann in das 49-köpfige Parlament gewählt werden.
Die polynesischen Inseln von Samoa waren durch den Vertrag von 1899 zwischen USA und Deutschland geteilt worden. Bereits 1857 hatte ein Hamburger Handelshaus eine Filiale in Apia an der Küste Upolus gegründet. Streitigkeiten führten zur Samoa-Akte. Die östlichen Inseln gingen an die USA. West-Samoa wurde deutsche Kolonie, während England mit anderen Inseln im Südpazifik abgefunden wurde. Zwischen den preussischen Kolonialherren und den Samoanern entwickelte sich nach einer eher milden Repressionsphase die wahrscheinlich einzige Idylle der Kolonialgeschichte. Berlin hatte den Sanskritgelehrten Rudolf Solf als Gouverneur eingesetzt. Solf hatte bald entdeckt, dass Kämpfe und blutige Rivalitäten immer nur durch Titelkämpfe verursacht worden waren. Der Gouverneur aus Berlin schuf einen Titelgerichtshof, vor dem nun alle Streitigkeiten mit Worten und ohne Waffen ausgetragen werden mussten.
Das übergeordnete Interesse der Samoaner galt seit jeher den Verschiebungen, Käufen, Häufungen und dem Verlust der unzähligen Titel. Im Prinzip ist jedes männliche Familienoberhaupt ein Matai. Über die vielen Buchten, Regionen und Dörfer herrschen schwache oder starke Häuptlinge. Fast scheint es, als ob eine jede Bucht, Klippe oder Palme von einem Matai regiert werden soll. Jedem Matai steht ein paralleler Palaverhäuptling zur Seite. Der eine muß nur Macht und Würde repräsentieren, der andere muß reden und verhandeln können. Beim Tod eines Matais kann sein Titel vererbt, aber auch an andere Bewerber weitergegeben werden, so er nicht gekauft oder gar gestohlen wird. Es muss sich der Tuletufugu gegen den Seinafolava behaupten. Der Luatuanu verteidigt sich gegen den Leaupepe. Der Faletufuga sieht sich vom Tuinalatu betrogen usw.
Die Titel sind nicht gleichwertig. Ethnologische Darstellungen zeichnen die Titellandschaft als ein zerklüftetes Gebirge. Viele Titel sind die Namen früherer, heldenhafter Familienchefs. Sie können aus mythologischen Zeiten stammen, in denen die Südseegötter noch Namen verliehen haben. Es kann aber auch das Dorf oder die Region Verleiher eines Titels sein. Auch von Helden der Geschichte wird ein Titel wie der des „Malietoas“ abgeleitet. Der Führer des siegreichen Krieges gegen die tonganischen Besatzer war vor langer Zeit mit dieser Würde ausgezeichnet worden. Der Rang des Malietoa blieb durch die Jahrhunderte in der Familie und wurde gegen alle Anfechtungen verteidigt.
Auch die anderen Titel sind auf diese Weise mit der Bedeutung ihrer Entstehung verknüpft. Der allgemeine historische Respekt ist aber nicht automatisch mit Machtansprüchen verknüpft. Die Macht muss zusätzlich zum Titel errungen oder vielmehr erredet werden. So konnte auf einer Klippe ein Matai sitzen, dessen Titel alle anderen an Bedeutung überragte, obwohl sich niemand mehr an Heldentaten seiner Ahnen erinnern konnte. Doch da er es unterliess, diese seine hohen Würden zu festigen und wortreich zu verteidigen, wurde ihm der Rang streitig gemacht. Sein Titel verlor nach der Ankunft der „Papalagi“ (wörtlich: „Der aus den Wolken Kommenden“ i.e. Europäer) an Bedeutung, während andere Würden wie Sterne am samoanischen Himmel erschienen.
Es gibt kaum ein Volk auf der Welt, dem Geld, Prunk und Reichtümer so wenig bedeuten wie den Samoanern. Regierungsbauten sind meist große und schöne Hütten. In der Politik, im Parlament und in der Regierung geht es weniger um die Macht, sondern eher um die Erringung und Akkumulierung hoher Würden und historischer Titel. Es gibt zwar Parteien, die aber meist nur die Landschaft der Würden widerspiegeln. Im Parlament herrscht heftiger Fraktionswechsel. Der gewählte Matai zieht von einer Partei zur anderen.
Der Streit um Titel hatte vor 1899 ständig zu Konflikten und Kriegen geführt. Die deutschen Kolonialherren machten mit Aufmärschen einiger Dutzend Pickelhauben bald klar, wer nun der oberste Matai war: Kaiser Wilhelm II. Wegen seines martialischen Aussehens wurde er auch klaglos als Oberhäuptling oder „Tupou Sili“ akzeptiert. Die Streitigkeiten vor dem Titelgericht können auch heute noch Monate dauern, aber blutige Kämpfe zur Erringung von Würden sind ab 1900 nicht mehr ausgebrochen. Siedler aus Deutschland haben damals samoanische Frauen geheiratet und mit ihrer Arbeit die Insel wohlhabend gemacht. Diese koloniale Idylle ging 1914 zu Ende, als ein neuseeländischer Flottenkonvoi im Hafen von Apia er-schien und die Übergabe forderte. Beim Abschied des Gouverneurs haben viele Samoaner geweint. West-Samoa wurde ein Mandatsgebiet des Völkerbundes und später der UNO.
Am 1.1.1962 wurde West-Samoa als „Fale Tupe o Samoa i Sisifo“ ein unabhängiger Staat im Commonwealth. Die Wahl eines Parlaments war wegen der Titelstreitigkeiten extrem schwierig. Eine jede Partei musste nun als der Versuch eines Matais erscheinen, über die Demokratie höhere Würden zu stehlen. Jede Partei musste sich auch mit anderen Titelansprüchen überschneiden. Am 1.1.1962 wählte eine Versammlung möglichst vieler Matais aus ihrer Mitte zwei ungefähr gleichrangige Häuptlinge zu parallelen Staatschefs, weltweit ein einzigartiges Phänomen.
Der eine trug schon seit 1940 den Rang eines Malietoas, der andere stammte aus der Titelregion eines Tamaseses. Da dieser Tamasese Meoble bald danach starb, wurde am 5.4.1963 der andere Präsident Malietoa Tanumafili für Lebzeiten in diesem Amt bestätigt. Er hatte nicht viel zu tun. Er residierte in dem Haus des britischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“), der auf Samoa gelebt und dort auch gestorben war. Das samoanische Aussenministerium suchte nach dem Ableben Malietoas Tanumafilis vielfach richtig zu stellen: Es sei der Verstorbene keinesfalls der „König von Samoa“ gewesen. Er sei indes oberster Reprä-sentant der typisch samoanischen Häuptlings-Aristokratie gewesen. Dieses System sei in der Faa Samoa verwurzelt. Das ist die samoanische Lebensart, die fast alle erwachsenen Männer zu Adeligen macht.

Die polynesischen Inseln von Samoa waren durch den Vertrag von 1899 zwischen USA und Deutschland geteilt worden. Bereits 1857 hatte ein Hamburger Handelshaus eine Filiale in Apia an der Küste Upolus gegründet. Streitigkeiten führten zur Samoa-Akte. Die östlichen Inseln gingen an die USA. West-Samoa wurde deutsche Kolonie, während England mit anderen Inseln im Südpazifik abgefunden wurde. Zwischen den preussischen Kolonialherren und den Samoanern entwickelte sich nach einer eher milden Repressionsphase die wahrscheinlich einzige Idylle der Kolonialgeschichte. Berlin hatte den Sanskritgelehrten Rudolf Solf als Gouverneur eingesetzt. Solf hatte bald entdeckt, dass Kämpfe und blutige Rivalitäten immer nur durch Titelkämpfe verursacht worden waren. Der Gouverneur aus Berlin schuf einen Titelgerichtshof, vor dem nun alle Streitigkeiten mit Worten und ohne Waffen ausgetragen werden mussten.
Das übergeordnete Interesse der Samoaner galt seit jeher den Verschiebungen, Käufen, Häufungen und dem Verlust der unzähligen Titel. Im Prinzip ist jedes männliche Familienoberhaupt ein Matai. Über die vielen Buchten, Regionen und Dörfer herrschen schwache oder starke Häuptlinge. Fast scheint es, als ob eine jede Bucht, Klippe oder Palme von einem Matai regiert werden soll. Jedem Matai steht ein paralleler Palaverhäuptling zur Seite. Der eine muß nur Macht und Würde repräsentieren, der andere muß reden und verhandeln können. Beim Tod eines Matais kann sein Titel vererbt, aber auch an andere Bewerber weitergegeben werden, so er nicht gekauft oder gar gestohlen wird. Es muss sich der Tuletufugu gegen den Seinafolava behaupten. Der Luatuanu verteidigt sich gegen den Leaupepe. Der Faletufuga sieht sich vom Tuinalatu betrogen usw.
Die Titel sind nicht gleichwertig. Ethnologische Darstellungen zeichnen die Titellandschaft als ein zerklüftetes Gebirge. Viele Titel sind die Namen früherer, heldenhafter Familienchefs. Sie können aus mythologischen Zeiten stammen, in denen die Südseegötter noch Namen verliehen haben. Es kann aber auch das Dorf oder die Region Verleiher eines Titels sein. Auch von Helden der Geschichte wird ein Titel wie der des „Malietoas“ abgeleitet. Der Führer des siegreichen Krieges gegen die tonganischen Besatzer war vor langer Zeit mit dieser Würde ausgezeichnet worden. Der Rang des Malietoa blieb durch die Jahrhunderte in der Familie und wurde gegen alle Anfechtungen verteidigt.
Auch die anderen Titel sind auf diese Weise mit der Bedeutung ihrer Entstehung verknüpft. Der allgemeine historische Respekt ist aber nicht automatisch mit Machtansprüchen verknüpft. Die Macht muss zusätzlich zum Titel errungen oder vielmehr erredet werden. So konnte auf einer Klippe ein Matai sitzen, dessen Titel alle anderen an Bedeutung überragte, obwohl sich niemand mehr an Heldentaten seiner Ahnen erinnern konnte. Doch da er es unterliess, diese seine hohen Würden zu festigen und wortreich zu verteidigen, wurde ihm der Rang streitig gemacht. Sein Titel verlor nach der Ankunft der „Papalagi“ (wörtlich: „Der aus den Wolken Kommenden“ i.e. Europäer) an Bedeutung, während andere Würden wie Sterne am samoanischen Himmel erschienen.
Es gibt kaum ein Volk auf der Welt, dem Geld, Prunk und Reichtümer so wenig bedeuten wie den Samoanern. Regierungsbauten sind meist große und schöne Hütten. In der Politik, im Parlament und in der Regierung geht es weniger um die Macht, sondern eher um die Erringung und Akkumulierung hoher Würden und historischer Titel. Es gibt zwar Parteien, die aber meist nur die Landschaft der Würden widerspiegeln. Im Parlament herrscht heftiger Fraktionswechsel. Der gewählte Matai zieht von einer Partei zur anderen.
Der Streit um Titel hatte vor 1899 ständig zu Konflikten und Kriegen geführt. Die deutschen Kolonialherren machten mit Aufmärschen einiger Dutzend Pickelhauben bald klar, wer nun der oberste Matai war: Kaiser Wilhelm II. Wegen seines martialischen Aussehens wurde er auch klaglos als Oberhäuptling oder „Tupou Sili“ akzeptiert. Die Streitigkeiten vor dem Titelgericht können auch heute noch Monate dauern, aber blutige Kämpfe zur Erringung von Würden sind ab 1900 nicht mehr ausgebrochen. Siedler aus Deutschland haben damals samoanische Frauen geheiratet und mit ihrer Arbeit die Insel wohlhabend gemacht. Diese koloniale Idylle ging 1914 zu Ende, als ein neuseeländischer Flottenkonvoi im Hafen von Apia er-schien und die Übergabe forderte. Beim Abschied des Gouverneurs haben viele Samoaner geweint. West-Samoa wurde ein Mandatsgebiet des Völkerbundes und später der UNO.
Am 1.1.1962 wurde West-Samoa als „Fale Tupe o Samoa i Sisifo“ ein unabhängiger Staat im Commonwealth. Die Wahl eines Parlaments war wegen der Titelstreitigkeiten extrem schwierig. Eine jede Partei musste nun als der Versuch eines Matais erscheinen, über die Demokratie höhere Würden zu stehlen. Jede Partei musste sich auch mit anderen Titelansprüchen überschneiden. Am 1.1.1962 wählte eine Versammlung möglichst vieler Matais aus ihrer Mitte zwei ungefähr gleichrangige Häuptlinge zu parallelen Staatschefs, weltweit ein einzigartiges Phänomen.
Der eine trug schon seit 1940 den Rang eines Malietoas, der andere stammte aus der Titelregion eines Tamaseses. Da dieser Tamasese Meoble bald danach starb, wurde am 5.4.1963 der andere Präsident Malietoa Tanumafili für Lebzeiten in diesem Amt bestätigt. Er hatte nicht viel zu tun. Er residierte in dem Haus des britischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“), der auf Samoa gelebt und dort auch gestorben war. Das samoanische Aussenministerium suchte nach dem Ableben Malietoas Tanumafilis vielfach richtig zu stellen: Es sei der Verstorbene keinesfalls der „König von Samoa“ gewesen. Er sei indes oberster Reprä-sentant der typisch samoanischen Häuptlings-Aristokratie gewesen. Dieses System sei in der Faa Samoa verwurzelt. Das ist die samoanische Lebensart, die fast alle erwachsenen Männer zu Adeligen macht.
sfux - 22. Mai, 11:53 Article 1462x read