Abenteuer auf Lust, Trost und Dramen
Herr Suske, haben sie heute auch schon so viel gelogen?
Was?! Ob ich heute schon viel gelogen habe...Wie meinen sie das? Das ist eine Frage der Definition... Lassen sie mich mal sehen: andere willentlich Belügen, oder sich selber in die Tasche lügen... ich denk die Dunkelziffer beim sich selber belügen ist wohl ungemein grösser, nicht?

Durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit
Oh ja, bestimmt! Ich habe vor einigen Tagen versucht herauszufinden wie viel ich Lüge und bereits um 10 Uhr morgens wieder aufgehört zu zählen.
Ha! Das ist grossartig, sind ihnen die Nummern ausgegangen?
Quasi. Es wurde mir zu peinlich. Angeblich lügt ein Durchschnittsmensch täglich rund 200 mal. Erstaunlich nicht? Offensichtlich ist der Mensch von Natur aus ein manischer Lügner. Jetzt aber mal ehrlich, da sind doch Schauspieler auf der Bühne wohl noch exponierter. Sie schlüpfen in die Rollen anderer und belügen ihr Publikum so gut sie nur können...
Das ist die Frage, ob das Lüge ist oder der Wahrheit nicht näher kommt. Abgesehen von der mutwilligen Lüge sind Lüge und Wahrheit manchmal Schwestern. Oder anders gesagt, durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit. Es sind Betrachtungsweisen.
Ist nicht das ganze Leben in dem Sinne ein grosses Schauspiel?
Ja?? In der Schweiz auch, Fragezeichen? Eigentlich zu wenig für meine Begriffe. Ich glaube das hierzulande dem Theater, ganz speziell dem Schauspiel gegenüber viel „Skepsis“ entgegengebracht wird. Alles Theatralische, alles was mit Show und mit Selbstdarstellung zu tun hat ist hier eher verpönt, oder sagen wir mal negativ besetzt. Mehr als das in anderen Ländern der Fall ist. Das hat vielleicht mit dem Calvinismus zu tun.
Das Alpenland Schweiz, als Flachland der Mittelmässigkeit?
Naja, es macht manchmal so den Eindruck. Das sieht man auch in der Politik. Ein Politiker, ganz egal aus welchem Lager, einer der Ecken und Kanten hat und sich zu weit aus dem Fenster lehnt, der wird hier häufig geschnitten. In Deutschland und in Österreich, da kracht’s ab und zu mal verbal, da ist auch die Show ein wichtiger Aspekt und auf dieser Schiene passiert ein wichtiger Diskurs. In der Schweiz kennt man diese Kommunikationsform weniger.
Jean Ziegler, so wie ich das damals miterlebt habe, ist so ein Beispiel. Was geschehen kann wenn man sich zu sehr ins Rampenlicht schiebt. Damals wurde über Ziegler ein Dokumentarfilm gedreht und durch ein komisches zeitliches Zusammentreffen gab es auch eine Abstimmung über das Filmförderungsgesetz und dabei wurde das Budget radikal um eine Million gekürzt. Nur weil die Bürgerlichen sauer waren, dass gerade über den unbequemen Ziegler ein Film gedreht wurde. Hätte man gleichzeitig auch einen Film über einen konservativen Politiker gedreht, wäre die Abstimmung wohl anders ausgegangen. Jean Ziegler ist gewiss kein einfacher Mann. Er setzt sich bewusst in Szene, um seine Inhalte besser verkaufen zu können. Im angrenzenden Europa aber, da ist er eine angesehene Person.
Das Muster zieht sich doch durch die ganze Gesellschaft.
Natürlich, aber das Laute, Grelle, Polarisierende ist das eine, dann gibt es aber, um wieder aufs Theater zu kommen, Stücke die leben nur von Zwischentönen und Schwebezuständen, wo sich die Menschen nicht immer direkt ins Gesicht sagen was sie denken. Das ist auch interessant: wenn sich etwas verbirgt und Absichten verheimlicht werden. Das kann sehr spannend, manchmal mystisch sein.
Sind sie ein Mystiker?
Mmmnö. Ein Beobachter. Ich bin nicht einer der sich gerne in den Vordergrund stellt. Mir reicht es, wenn ich auf der Bühne stehe. Im privaten bin ich ein stiller Mensch. Ich fühle mich da wohl, wo ich einen Fundus an Beobachtung habe, dann bin ich nahe dran und sehe die Dinge, eben auch die Lügen, die ich im Theater umsetzten kann. Da entsteht die Substanz, die man im Schauspiel spürt. Schauspiel ist ein Spiegel der Gesellschaft, manchmal ein Katalysator.
Nahe dran sein. Den Puls der Gesellschaft fühlen, da sein wo es knistert, da gleichen sich unsere Berufe sehr. Wohl auch bei der Jagd nach neuen Quellen.
Ja, da haben sie recht. Man kann einerseits aus dem Innenleben viel schöpfen. Das ist ein Königreich, das aber auch Gefahren beinhaltet. Es gibt ganz selten SchauspielerInnen, die derart spannend sind, dass sie ein Leben lang aus sich selbst schöpfen können. Die Gefahr besteht darin, dass es schwierig ist herauszufiltern, wann das Ego überbordet und sich alle anderen mit der Frage was in dir vorgeht, nur noch langweilen. Ich finde mich übrigens selber nicht so interessant, als das ich daraus lange schöpfen könnte. Die meisten Rollen spiele ich aus der Beobachtung. Das ist meine Art der Arbeit. Mich interessieren gesellschaftliche und historische Zusammenhänge und andere Menschen. Wenn ich da weit genug komme, was meine eigenen Ansprüche betrifft, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden.
Ist der Beobachtungswinkel nicht auch eine Verfälschung der Realität?
Nun die Qualität der Beobachtung ist natürlich individuell. Beobachtung kann auf einer Physischen Ebene, wie bewegt sich der, wieso macht er das, wieso handelt er so, was denkt er, et etc. gemacht werden. Das gibt schon eine grosse Menge an Information, die man dann filtern muss und sich so einen „neuen“ Charakter zulegt. Das ist eine spannende Aufgabe. Man kann aber auch beobachten in dem man etwas selber tut. In England zum Beispiel, machen sich das die Schauspieler fast zum Sport. Die meisten müssen, gezwungenermassen neben der Schauspielerei, noch irgendwo arbeiten gehen und die meisten jobben dann in einer Kneipe. Die erarbeiten sich einen grossen Reichtum an Erfahrung, der in der Arbeit umgesetzt werden kann. In der Schweiz sollten das die SchauspielerInnen vor allem an den Schulen vielleicht auch vermehrt machen: mehr rausgehen, hinschauen. Ich hab manchmal das Gefühl, in den Schauspielschulen geht es zuviel um Kunst und zu wenig um Realität. Hier, da wo wir leben, dieses Land, diese Stadt, diese Kneipe und dieser Tisch. Hier findet das Leben statt und von hier geht’s auf die Bühne. Nahe dran sein, das ist es. So kann Schauspiel auch auf Aktualitäten Bezug nehmen. Obwohl es dauert, bis ein Stück bühnenreif ist. Manchmal ist es auch ein Risiko, ob das Stück dann tatsächlich noch a jour ist.
Im Prinzip kann Schauspiel als Nachrichtenagentur verstanden werden.
Theater sollte darüber hinausgehen, muss das Gesehene ja umsetzen, kann Elemente aus der „Weltlage“ ganz anders bearbeiten, ist dadurch langsamer, aber nicht wirkungsloser.
Insofern erlebe ich das Dreispartenhaus auch nicht als fossile Institution. Wir haben in Bern eine enorme Chance, eine riesige Bereicherung. In dem Haus steckt viel Energie, kreative Macher, fantastische Musiker, Tänzer und Schauspieler. Das alles kann genutzt werden. Oper, Ballett, Schauspiel, wir haben alles was man braucht. Was wir jetzt machen müssen ist, für diese Chance und Qualität ein Bewusstsein bei den BernerInnen zu fördern. Wir müssen raus, müssen den Menschen in Bern sagen: Kuckt es euch an. Wir zeigen euch Dinge, die euch berühren. Wir zeigen Dinge aus eurem Leben.
Also kein Shakespeare mehr?
Aber doch und wie: „Der Sturm“ von William Shakespeare ist das erste was wir zeigen werden. „Der Sturm“ könnte zeitgenössischer nicht sein. Zaubermärchen und Rachedrama, Weltmodell und Politstück zugleich. Shakespeare aufzuführen, heisst nicht alten Kaffee aufzuwärmen, sondern ist in der Interpretation vom Regisseur, Christoph Frick, ein packendes Stück, ganz auf unsere schwierige Zeit bezogen. Im Stück geht es um hochaktuelle Themen; Mythos versus Business, wie verträgt sich die Zivilisation mit der Freiheit und wann schlägt Freiheit in Anarchie und Zerstörung um. Fragen die aktueller gar nicht sein können.
O lala... In der Tat brisante Auseinandersetzungen mit der heutigen Zeit. Sagen sie, haben sie nicht Angst, dass viele Abonnenten dem Stadttheater den Rücken kehren werden?
Nein. Es wird vielleicht einige geben die sich von uns verabschieden, aber davor habe ich keine Angst. Wir sind nun mal in einer toten Ecke gelandet in Bezug auf Zürich, Basel, und Luzern und müssen neue Wege gehen. Unsere Produktionen sollen wieder zum Stadtgespräch werden. Das wäre ein Geschenk für das Stadttheater. Wir möchten Produktionen zeigen, die anregen, die berühren, über die man spricht,
Wird die neue Dynamik auch den Austausch mit anderen Häusern beinhalten?
Im Schauspiel im Augenblick nicht. Der interne Austausch hat Vorrang. Sicher wird eine vermehrte Zusammenarbeit mit dem hauseigenen Ballett stattfinden. Wir können viel von einander lernen und die Qualität beider Sparten noch mehr steigern. Für die zweite Spielzeit ist mit Stijn Celis, dem neuen Ballettdirektor, eine Koproduktion geplant. Da wird vielleicht ein Austausch mit anderen Theatern möglich.
Bern überhaupt hat wirklich viel Potential. Ein riesiges Potential. Diese Energien müssen wir jetzt bündeln , damit das Publikum zum vollen Genuss kommt
Panik?
Warum? überhaupt nicht! Wir gehen entspannt und zuversichtlich an unsere Aufgabe.
Wird sich aber die ältere Generation noch erfreuen können an ihrem Haus der schönen Künste?
Wieso sollte sie nicht? Weil wir neue Wege gehen, heisst das noch lange nicht dass wir Unsinn spielen. Wir spielen Stücke die verführen, die nachdenklich machen, die auch humorvoll und spannend sind. Und überhaupt, die ältere Generation lebt doch heute mit ähnlichen Bedürfnissen wie jüngere.
Welche Bedürfnisse.
Das Bedürfnis nach Antworten, auf Abenteuer, auf Lust, Trost, Dramen. Da wo die tägliche Informationsflut endet, da beginnt das Schauspiel.
Hach! Das erinnert mich an Jonas Raeber, den Trickfilmer. Der meinte beim Ensuite Interview, dass Zeichentrick da beginnt wo Schauspiel aufhört. Das ergibt doch eine schöne „Chronologie de l’art“. Und ich gebe euch beiden recht. Doch hat die Kunst überhaupt eine Chance gegen die Informationsflut und dem daraus resultierenden Dessintresse an aktiver Kunstbetrachtung wie dem Schauspiel gegenüber?
Oh ja, da bin ich überzeugt davon. Schauen sie es sich an. Das letzte was dem Mensch in Zeiten grosser Desorientierung, von Chaos, oder in der Angst bleibt, das sind einzelne Passagen aus Liedern, Phrasen die daraus gesungen werden, Klänge auf einer Geige, die aus der Erinnerung heraus gespielt werden, Fetzen aus Dramen und Dichtungen die einem geblieben sind, Tänze die man nicht vergessen hat. Dachau, Buchenwald, da wo der Mensch am Ende seiner Würde steht, da wird Kunst wieder zu einem Instrument des Überlebens. Nicht dass wir soweit sind, überhaupt nicht, Gott sei Dank, aber wir leben in einer Angst, im Zorn, oder in der Trauer und in einem Zustand des „wie geht’s denn weiter“. In dem Moment werden alte Geschichten wie z.B das Gilgamesch-Epos wieder lebendig. Dieser Stoff wäre übrigens eine adäquate Antwort auf den Irak-Krieg gewesen.
Wir haben eine wichtige Arbeit vor uns.
Ja, das habt ihr. Herr Suske, ich wünsche ihnen viel Erfolg als Schauspieldirektor und bedanke mich herzlich für das Gespräch mit ihnen.
Stefan Suske ist ab August 2004 neuer Schauspieldirektor des Stadttheater Bern. Seit 1991 ist er im Ensemble des Stadttheaters. Daneben war er immer wieder in Hauptrollen von Kinofilmen wie „Einstweilen wird es Mittag“, „Schweinegeld“ und „Liebe Lügen“ zu sehen, zuletzt in Christoph Schertenleibs „Grosse Gefühle“. Für seine Darstellung des Linus in „Grosse Gefühle“ wurde er mit dem Schweizer Filmpreis 2000 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Das Interview mit Stefan Suske, fand im Juli 2004 in Bern, Schweiz statt.
Was?! Ob ich heute schon viel gelogen habe...Wie meinen sie das? Das ist eine Frage der Definition... Lassen sie mich mal sehen: andere willentlich Belügen, oder sich selber in die Tasche lügen... ich denk die Dunkelziffer beim sich selber belügen ist wohl ungemein grösser, nicht?

Durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit
Oh ja, bestimmt! Ich habe vor einigen Tagen versucht herauszufinden wie viel ich Lüge und bereits um 10 Uhr morgens wieder aufgehört zu zählen.
Ha! Das ist grossartig, sind ihnen die Nummern ausgegangen?
Quasi. Es wurde mir zu peinlich. Angeblich lügt ein Durchschnittsmensch täglich rund 200 mal. Erstaunlich nicht? Offensichtlich ist der Mensch von Natur aus ein manischer Lügner. Jetzt aber mal ehrlich, da sind doch Schauspieler auf der Bühne wohl noch exponierter. Sie schlüpfen in die Rollen anderer und belügen ihr Publikum so gut sie nur können...
Das ist die Frage, ob das Lüge ist oder der Wahrheit nicht näher kommt. Abgesehen von der mutwilligen Lüge sind Lüge und Wahrheit manchmal Schwestern. Oder anders gesagt, durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahrheit. Es sind Betrachtungsweisen.
Ist nicht das ganze Leben in dem Sinne ein grosses Schauspiel?
Ja?? In der Schweiz auch, Fragezeichen? Eigentlich zu wenig für meine Begriffe. Ich glaube das hierzulande dem Theater, ganz speziell dem Schauspiel gegenüber viel „Skepsis“ entgegengebracht wird. Alles Theatralische, alles was mit Show und mit Selbstdarstellung zu tun hat ist hier eher verpönt, oder sagen wir mal negativ besetzt. Mehr als das in anderen Ländern der Fall ist. Das hat vielleicht mit dem Calvinismus zu tun.
Das Alpenland Schweiz, als Flachland der Mittelmässigkeit?
Naja, es macht manchmal so den Eindruck. Das sieht man auch in der Politik. Ein Politiker, ganz egal aus welchem Lager, einer der Ecken und Kanten hat und sich zu weit aus dem Fenster lehnt, der wird hier häufig geschnitten. In Deutschland und in Österreich, da kracht’s ab und zu mal verbal, da ist auch die Show ein wichtiger Aspekt und auf dieser Schiene passiert ein wichtiger Diskurs. In der Schweiz kennt man diese Kommunikationsform weniger.
Jean Ziegler, so wie ich das damals miterlebt habe, ist so ein Beispiel. Was geschehen kann wenn man sich zu sehr ins Rampenlicht schiebt. Damals wurde über Ziegler ein Dokumentarfilm gedreht und durch ein komisches zeitliches Zusammentreffen gab es auch eine Abstimmung über das Filmförderungsgesetz und dabei wurde das Budget radikal um eine Million gekürzt. Nur weil die Bürgerlichen sauer waren, dass gerade über den unbequemen Ziegler ein Film gedreht wurde. Hätte man gleichzeitig auch einen Film über einen konservativen Politiker gedreht, wäre die Abstimmung wohl anders ausgegangen. Jean Ziegler ist gewiss kein einfacher Mann. Er setzt sich bewusst in Szene, um seine Inhalte besser verkaufen zu können. Im angrenzenden Europa aber, da ist er eine angesehene Person.
Das Muster zieht sich doch durch die ganze Gesellschaft.
Natürlich, aber das Laute, Grelle, Polarisierende ist das eine, dann gibt es aber, um wieder aufs Theater zu kommen, Stücke die leben nur von Zwischentönen und Schwebezuständen, wo sich die Menschen nicht immer direkt ins Gesicht sagen was sie denken. Das ist auch interessant: wenn sich etwas verbirgt und Absichten verheimlicht werden. Das kann sehr spannend, manchmal mystisch sein.
Sind sie ein Mystiker?
Mmmnö. Ein Beobachter. Ich bin nicht einer der sich gerne in den Vordergrund stellt. Mir reicht es, wenn ich auf der Bühne stehe. Im privaten bin ich ein stiller Mensch. Ich fühle mich da wohl, wo ich einen Fundus an Beobachtung habe, dann bin ich nahe dran und sehe die Dinge, eben auch die Lügen, die ich im Theater umsetzten kann. Da entsteht die Substanz, die man im Schauspiel spürt. Schauspiel ist ein Spiegel der Gesellschaft, manchmal ein Katalysator.
Nahe dran sein. Den Puls der Gesellschaft fühlen, da sein wo es knistert, da gleichen sich unsere Berufe sehr. Wohl auch bei der Jagd nach neuen Quellen.
Ja, da haben sie recht. Man kann einerseits aus dem Innenleben viel schöpfen. Das ist ein Königreich, das aber auch Gefahren beinhaltet. Es gibt ganz selten SchauspielerInnen, die derart spannend sind, dass sie ein Leben lang aus sich selbst schöpfen können. Die Gefahr besteht darin, dass es schwierig ist herauszufiltern, wann das Ego überbordet und sich alle anderen mit der Frage was in dir vorgeht, nur noch langweilen. Ich finde mich übrigens selber nicht so interessant, als das ich daraus lange schöpfen könnte. Die meisten Rollen spiele ich aus der Beobachtung. Das ist meine Art der Arbeit. Mich interessieren gesellschaftliche und historische Zusammenhänge und andere Menschen. Wenn ich da weit genug komme, was meine eigenen Ansprüche betrifft, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden.
Ist der Beobachtungswinkel nicht auch eine Verfälschung der Realität?
Nun die Qualität der Beobachtung ist natürlich individuell. Beobachtung kann auf einer Physischen Ebene, wie bewegt sich der, wieso macht er das, wieso handelt er so, was denkt er, et etc. gemacht werden. Das gibt schon eine grosse Menge an Information, die man dann filtern muss und sich so einen „neuen“ Charakter zulegt. Das ist eine spannende Aufgabe. Man kann aber auch beobachten in dem man etwas selber tut. In England zum Beispiel, machen sich das die Schauspieler fast zum Sport. Die meisten müssen, gezwungenermassen neben der Schauspielerei, noch irgendwo arbeiten gehen und die meisten jobben dann in einer Kneipe. Die erarbeiten sich einen grossen Reichtum an Erfahrung, der in der Arbeit umgesetzt werden kann. In der Schweiz sollten das die SchauspielerInnen vor allem an den Schulen vielleicht auch vermehrt machen: mehr rausgehen, hinschauen. Ich hab manchmal das Gefühl, in den Schauspielschulen geht es zuviel um Kunst und zu wenig um Realität. Hier, da wo wir leben, dieses Land, diese Stadt, diese Kneipe und dieser Tisch. Hier findet das Leben statt und von hier geht’s auf die Bühne. Nahe dran sein, das ist es. So kann Schauspiel auch auf Aktualitäten Bezug nehmen. Obwohl es dauert, bis ein Stück bühnenreif ist. Manchmal ist es auch ein Risiko, ob das Stück dann tatsächlich noch a jour ist.
Im Prinzip kann Schauspiel als Nachrichtenagentur verstanden werden.
Theater sollte darüber hinausgehen, muss das Gesehene ja umsetzen, kann Elemente aus der „Weltlage“ ganz anders bearbeiten, ist dadurch langsamer, aber nicht wirkungsloser.
Insofern erlebe ich das Dreispartenhaus auch nicht als fossile Institution. Wir haben in Bern eine enorme Chance, eine riesige Bereicherung. In dem Haus steckt viel Energie, kreative Macher, fantastische Musiker, Tänzer und Schauspieler. Das alles kann genutzt werden. Oper, Ballett, Schauspiel, wir haben alles was man braucht. Was wir jetzt machen müssen ist, für diese Chance und Qualität ein Bewusstsein bei den BernerInnen zu fördern. Wir müssen raus, müssen den Menschen in Bern sagen: Kuckt es euch an. Wir zeigen euch Dinge, die euch berühren. Wir zeigen Dinge aus eurem Leben.
Also kein Shakespeare mehr?
Aber doch und wie: „Der Sturm“ von William Shakespeare ist das erste was wir zeigen werden. „Der Sturm“ könnte zeitgenössischer nicht sein. Zaubermärchen und Rachedrama, Weltmodell und Politstück zugleich. Shakespeare aufzuführen, heisst nicht alten Kaffee aufzuwärmen, sondern ist in der Interpretation vom Regisseur, Christoph Frick, ein packendes Stück, ganz auf unsere schwierige Zeit bezogen. Im Stück geht es um hochaktuelle Themen; Mythos versus Business, wie verträgt sich die Zivilisation mit der Freiheit und wann schlägt Freiheit in Anarchie und Zerstörung um. Fragen die aktueller gar nicht sein können.
O lala... In der Tat brisante Auseinandersetzungen mit der heutigen Zeit. Sagen sie, haben sie nicht Angst, dass viele Abonnenten dem Stadttheater den Rücken kehren werden?
Nein. Es wird vielleicht einige geben die sich von uns verabschieden, aber davor habe ich keine Angst. Wir sind nun mal in einer toten Ecke gelandet in Bezug auf Zürich, Basel, und Luzern und müssen neue Wege gehen. Unsere Produktionen sollen wieder zum Stadtgespräch werden. Das wäre ein Geschenk für das Stadttheater. Wir möchten Produktionen zeigen, die anregen, die berühren, über die man spricht,
Wird die neue Dynamik auch den Austausch mit anderen Häusern beinhalten?
Im Schauspiel im Augenblick nicht. Der interne Austausch hat Vorrang. Sicher wird eine vermehrte Zusammenarbeit mit dem hauseigenen Ballett stattfinden. Wir können viel von einander lernen und die Qualität beider Sparten noch mehr steigern. Für die zweite Spielzeit ist mit Stijn Celis, dem neuen Ballettdirektor, eine Koproduktion geplant. Da wird vielleicht ein Austausch mit anderen Theatern möglich.
Bern überhaupt hat wirklich viel Potential. Ein riesiges Potential. Diese Energien müssen wir jetzt bündeln , damit das Publikum zum vollen Genuss kommt
Panik?
Warum? überhaupt nicht! Wir gehen entspannt und zuversichtlich an unsere Aufgabe.
Wird sich aber die ältere Generation noch erfreuen können an ihrem Haus der schönen Künste?
Wieso sollte sie nicht? Weil wir neue Wege gehen, heisst das noch lange nicht dass wir Unsinn spielen. Wir spielen Stücke die verführen, die nachdenklich machen, die auch humorvoll und spannend sind. Und überhaupt, die ältere Generation lebt doch heute mit ähnlichen Bedürfnissen wie jüngere.
Welche Bedürfnisse.
Das Bedürfnis nach Antworten, auf Abenteuer, auf Lust, Trost, Dramen. Da wo die tägliche Informationsflut endet, da beginnt das Schauspiel.
Hach! Das erinnert mich an Jonas Raeber, den Trickfilmer. Der meinte beim Ensuite Interview, dass Zeichentrick da beginnt wo Schauspiel aufhört. Das ergibt doch eine schöne „Chronologie de l’art“. Und ich gebe euch beiden recht. Doch hat die Kunst überhaupt eine Chance gegen die Informationsflut und dem daraus resultierenden Dessintresse an aktiver Kunstbetrachtung wie dem Schauspiel gegenüber?
Oh ja, da bin ich überzeugt davon. Schauen sie es sich an. Das letzte was dem Mensch in Zeiten grosser Desorientierung, von Chaos, oder in der Angst bleibt, das sind einzelne Passagen aus Liedern, Phrasen die daraus gesungen werden, Klänge auf einer Geige, die aus der Erinnerung heraus gespielt werden, Fetzen aus Dramen und Dichtungen die einem geblieben sind, Tänze die man nicht vergessen hat. Dachau, Buchenwald, da wo der Mensch am Ende seiner Würde steht, da wird Kunst wieder zu einem Instrument des Überlebens. Nicht dass wir soweit sind, überhaupt nicht, Gott sei Dank, aber wir leben in einer Angst, im Zorn, oder in der Trauer und in einem Zustand des „wie geht’s denn weiter“. In dem Moment werden alte Geschichten wie z.B das Gilgamesch-Epos wieder lebendig. Dieser Stoff wäre übrigens eine adäquate Antwort auf den Irak-Krieg gewesen.
Wir haben eine wichtige Arbeit vor uns.
Ja, das habt ihr. Herr Suske, ich wünsche ihnen viel Erfolg als Schauspieldirektor und bedanke mich herzlich für das Gespräch mit ihnen.
Stefan Suske ist ab August 2004 neuer Schauspieldirektor des Stadttheater Bern. Seit 1991 ist er im Ensemble des Stadttheaters. Daneben war er immer wieder in Hauptrollen von Kinofilmen wie „Einstweilen wird es Mittag“, „Schweinegeld“ und „Liebe Lügen“ zu sehen, zuletzt in Christoph Schertenleibs „Grosse Gefühle“. Für seine Darstellung des Linus in „Grosse Gefühle“ wurde er mit dem Schweizer Filmpreis 2000 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Das Interview mit Stefan Suske, fand im Juli 2004 in Bern, Schweiz statt.
sfux - 17. Nov, 22:19 Article 1560x read