Kultur des Grauens
Stephan Fuchs - Die "Kultur des Grauens" ist allgegenwärtig. Nicht nur im Film oder in der Musik wird der Konsument mit Entsetzen und Erschütterung konfrontiert. Ganz generell hat sich in der Massenkultur ein konstanter Schock Effekt etabliert und sich in der Gesellschaft so verankert, dass sich ein Betrachter längstens schon daran gewöhnt hat. Durch Werbung, Video Spiele, Printmedien, Comics und TV Shows werden wir täglich mit dem schockierenden Augenblick konfrontiert. Die Kultur des Grauens generiert einen Massen Trend des Unwohlseins und noch schlimmer eine Gewöhnung des Unwohlseins. Ein seltsamer Faktor, mit interessanten Folgen: Es scheint offensichtlich, dass Kunst nicht nur das Grauen darstellen kann, sondern das Grauen selbst antreibt. Spannungen werden trainiert, bis gar nichts anderes mehr erwartet wird als die blanke Panik.
Andererseits, kann die Kultur des Grauens auch immer wieder als warnendes Symbol verstanden werden. Künstler stehen vielfach ungehört da wenn es darum geht, Gesellschaftsdramen in einem kritischen Kontext durch eine Kunstform zu zeigen. Nur zu oft werden ihre Botschaften nicht wahrgenommen oder enden, wie im Fall des "Critical Art Ensembles", in den Mühlen der Justiz.
Vorauseilendes Gerücht
Neu ist dieser Disput freilich nicht. Zu Zeiten der rein mündlichen Überlieferungen eilten die Gerüchte von Gräueltaten einem Kriegsheer voraus, teils geschürt von den Kriegsherren selber. Doch seit es Bilder und Fotos gibt, kommt jeder Horror zweimal vor: Erst in der Realität und dann im Bild. Seit es nun bewegte Bilder und eine atemberaubende Computertechnologie gibt, ist es genau anders herum. Nun ist der Horror zuerst im Bild und anschließend in der nacheifernden Realität. Lange bevor das World Trade Center angegriffen wurde, konnten Kinder auf dem Flugsimulator die Twin Towers auf dem Heimcomputer von zu Hause aus angreifen. Lange vor dem Krieg gegen den Terror, wurden Filme über Katastrophen in N. Y. und Kriegsfilme gegen irgendwelche "Barbaren" in der Wüste zum abendfüllenden Erfolg in den Kinos. Langeweile schleicht sich in den Kinos ein, sofern nicht mindestens ein Stadtteil brennt, dutzende von Autos explodieren und Kinohelden über Leichenberge gehen können. Schon Napoleon Bonaparte erklärte: "Befehlen heisst zu den Augen zu sprechen", Kafka schliesslich bekräftigte: "Das Kino bedeutet eine Uniformierung des Auges". Und beide haben sie Recht, denn das Auge ist in der Tat das Fenster zur Seele.

Kriegs-Spiel oder Spielkrieg
Explosionen im Hirn
In Japan zum Beispiel haben Ärzte herausgefunden, dass Videospiele die extrem schnelle abfolgen von Explosionen und Blitzen darstellen, bei Kindern epileptische Anfälle erzeugen können. Jedes Jahr werden Verbindungskonferenzen mit Kriegspiel Herstellern, an denen Firmen wie GTInteractive und Fachleute der militärischen Defense Intelligence Agency DIA teilnehmen für den gegenseitigen Meinungsaustausch organisiert. Was dabei rauskommt sind Spiele wie Soldier of Fortune, das sich rühmt einen "bislang unerreichten Grad an Gewalt" zu zeigen. Eine Information freilich, auf die Spielhersteller mit besonderem Stolz hinweisen. Das von id-Software entwickelte Spiel Doom (1993) wurde über Lizenzen vom Marine Corps Combat and Development Command, zum Marine Doom weiterentwickelt, welches als virtuelles Training für Elitesoldaten eingesetzt wird. Die Produzenten des Spieles Carrier Strike Fighter bekamen sogar eine Befugnis auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln zu Filmen um so eine möglichst realitätsnahe Visualisierung des zivilen Spieles zu erreichen. Das Spiel BattleZone von Atari wurde für das Militär konzipiert und ist auch zivil, jedoch unter anderem Namen zu kaufen. Weit über zwanzig Spiele die öffentlich zugänglich sind wurden so modifiziert, dass sie einen Dual use Charakter haben. Kriegsspiele können somit im zivilen Spektrum genau so verwendet werden, wie für das Training der Soldaten.
Mediale Blutgeilheit
Immer wieder hört man aus den Medien, dass verübte Gräueltaten aus Sequenzen von Horror Filmen und Computer Spielen, oder von "Shock Musikern" übernommen worden sind. Marilyn Manson, dem Dark Wave Musiker, oder Slipknot der ultra brutalen Powerband wird vorgeworfen jugendliche Fans so beeinflusst zu haben, dass ein Massaker wie jenes an der Colombine Highschool in Amerika erst möglich wurde. Solche Urteile über "verteufelte Musik" kennt man bereits aus der Beatnik Zeit… Sind das nicht auch Propagandatricks, ähnlich deren der Kriegsherren, die erst den richtigen Sumpf bereiten um anschliessend den erforderten Absatz zu finden? Ist es dann nicht ein Trick der PR Abteilungen die den Journalisten Informationen mit all den möglichen Gräueltaten und okkulten Hintergründen der Bandmitglieder zustecken? Ist es dann folglich nicht die "Blutgeilheit" der Medien die Bands wie Sklipknot dafür verwendet die Kultur der Angst zu nutzen um bessere Umsätze für ihre Zeitung zu erheischen? Da herum generiert sich wohl der Kult um Blut, Abenteuer und Horror in der Massenkultur.
Der seelische Zustand
Kann man den seelischen Zustand einer Gesellschaft anhand der Kunst ablesen? Auf jeden Fall! Wie angetönt gibt es auch Künstler die durch Gesellschaftsanalysen Warnungen in ihre Arbeit einfliessen lassen. Richard Huelsenbeck, einer der Begründer des Dadaismus, meinte 1918 in einem Vortrag in Berlin über die neuen Tendenzen der Kunst: "Wir waren für den Krieg und der Dadaismus ist noch heute für den Krieg. Die Dinge müssen sich stossen: es geht noch lange nicht grausam genug zu." Die Futuristen betrachteten in einem Manifest von 1908 den "Krieg als Hygiene der Welt". "Der Schrei" von Edvard Munch, 1893, welches im August aus dem Edvard Munch Museum in Oslo gestohlen wurde, könnte moderner nicht sein: Das Bild gilt als Symbol des ungeschützten modernen Menschen. Doch die Warnungen haben sich in den Sand geschlagen.
Die Fleischmaschine
Nach zwei verheerenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert haben wir uns in Europa für Jahrzehnte der Illusion eines beständigen Friedens hingegeben. Spätestens seit dem Krieg in Jugoslawien, allerspätestens seit dem Krieg gegen den Terrorismus ist diese Illusion dahin. Krisenherde entstehen offensichtlich immer wieder und sie werden, wie oben beschrieben, immer mehr in das zivile Umfeld getragen. Ein Blick auf die Mode bestätigt es. Tarnkleider und uniforme Abschriften militärischer Dresscodes wurden seit den 90er Jahren immer aktueller. Aktueller wurde auch die Bedrohung des menschlichen Seins: Cloning. Der Krieg gegen menschliche Schwächen wird, dank dem Unternehmen Genom immer mehr zur Wirklichkeit und zeichnet sich bedrohlich am Horizont des menschlichen Dramas ab. Gentechnik und die so genannte biotechnische Revolution sind nicht erst seit der Sloterdijk Debatte um eine mögliche "Menschenzüchtung" Themen der künstlerischen Imagination. Einige Künstler setzten sich mit diesen Gedanken kritisch, spielerisch und visionär auseinander. Das "Critical Art Ensemble" aus New York ist eine jener Gruppen, die sich mit eben dieser Frage auseinander setzt. Ihr Bio Projekt, "Flesh Machine" wurde den Künstlern kürzlich beinahe zum Verhängnis:
Am 11. Mai verstarb Hope Kurtz, die 45 jährige Frau vom Kunstprofessor, Künstler und Gründungsmitgliedes des "Critical Art Ensembles" Steve Kurtz. Selbstverständlich rief Kurtz bei der Notfallnummer an, neben Sanitätern kamen auch Polizisten, welche die Wohnung inspizierte. Was die Polizei in der Wohnung des Künstlers sah, ließ bei ihnen den Verdacht aufkommen, sie hätten das Nest eines Bioterroristen entdeckt: Sie fanden seltsame Laborausrüstungen, Petrischalen und Bakterienkulturen… Grund genug, die Joint Terrorism Task Force - die endlich mal zum Einsatz kam - zu alarmieren. Obwohl Kurtz kooperativ reagierte wurde sein Haus von der Antiterror Einheit in Schutzanzügen durchsucht und die gesamte Strasse abgesperrt. Eine Art Probe für den Ernstfall. Ein "totaler Zirkus", meint der Rechtsanwalt von Kurtz. Anschliessend wurde Steve Kurtz aufgrund des 175igsten Abschnittes des US Biological Weapons Anti-Terrorism Act von 1989, der durch den Patriot Act erweitert wurde verhaftet und in einem Hotel während zweier Tage vom FBI verhört. Durch die Erweiterung des Partriot Act verbietet das Gesetz den Besitz von "jeglichen biologischen Stoffen, Giften oder Herstellungsmitteln", die nicht durch "prophylaktische, schützende, gutgläubige Forschung oder einem anderen friedlichen Zweck" gerechtfertigt ist.
Critical Art versus Bio-Kampfstoff
Beatriz da Costa, Dorian Burr und Steve Barnes, drei weitere Mitglieder des "Critical Art Ensembles" wurden Vorladungen ins Haus geschickt. Hope Kurtz ist, nach Auskunft von Ärzten, an Herzversagen gestorben. Es liegt kein Verdacht vor, dass ihr Tod durch irgendwelche biologische Kampfstoffe verursacht wurde. Die gefundenen Bakterienkulturen (E. coli, Bacillus globigii und serratia) wurden untersucht - ohne Ergebnis. Trotzdem hielt das FBI an dem Verdacht fest, dass bei dem seltsamen, noch dazu gesellschaftskritischen Künstler der mit dem "Critical Art Ensemble" Bücher wie Electronic Civil Disobedience und Other Unpopular Ideas and The Electronic Disturbance geschrieben hat, ein Gefahrenpotenzial sein muss. Adele Henderson, die Leiterin der Kunstinstituts an der Universität von Buffalo an der Kurtz arbeitet, wurde von FBI-Agenten befragt ob es sie überraschen würde, wenn dieser mit Bioterrorismus zu tun habe. Steve Kurtz drohen 20 Jahre Haft.
Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg
Damit wurde nun neben der altbekannten Fragestellung, ob etwas Pornografie oder Kunst ist, vielleicht erstmals die mit erheblichen Folgen verbundene Frage gestellt, ob Bakterienkulturen oder Laborausrüstungen Material eines Künstlers oder eines Terroristen sind. Wie kann in Zeiten des Amoks, des Terrors und des Krieges, eine Kunst aussehen, die eine Plattform für humanitäre Agenden gegen Gewalt und Ungerechtigkeit sein will? Das freudsche Diktum: "Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg" kann man wohl revidieren. Könnte es nicht sein, dass in der Kulturentwicklung selbst, Momente enthalten sind die die Kriegsbereitschaft fördert? Ist es möglich, dass die Kunst nicht nur pazifistische, sondern auch militärische Intentionen hat? Gibt es, nach Paul Virilio, nicht nur eine Kunst des Schreckens, sondern auch einen Schrecken der Kunst? Ganz klar: Wenn Umsatz und Einnahmen stimmen, darf durch die Massenkultur Grauen, Angst und Unsicherheit verbreitet werden und kann uns so fit für die nächste Katastrophe machen. Auf der anderen Seite stehen jene Künstler die unsere Gesellschaft auf Gefahren, Ängste und Unsicherheiten aufmerksam machen am schrillen Abgrund. Sie bezahlen einen hohen Preis für ihre warnenden Werke.
Dieser Artikel erschien im Berner Kulturmagazin Ensuite & Factum
Andererseits, kann die Kultur des Grauens auch immer wieder als warnendes Symbol verstanden werden. Künstler stehen vielfach ungehört da wenn es darum geht, Gesellschaftsdramen in einem kritischen Kontext durch eine Kunstform zu zeigen. Nur zu oft werden ihre Botschaften nicht wahrgenommen oder enden, wie im Fall des "Critical Art Ensembles", in den Mühlen der Justiz.
Vorauseilendes Gerücht
Neu ist dieser Disput freilich nicht. Zu Zeiten der rein mündlichen Überlieferungen eilten die Gerüchte von Gräueltaten einem Kriegsheer voraus, teils geschürt von den Kriegsherren selber. Doch seit es Bilder und Fotos gibt, kommt jeder Horror zweimal vor: Erst in der Realität und dann im Bild. Seit es nun bewegte Bilder und eine atemberaubende Computertechnologie gibt, ist es genau anders herum. Nun ist der Horror zuerst im Bild und anschließend in der nacheifernden Realität. Lange bevor das World Trade Center angegriffen wurde, konnten Kinder auf dem Flugsimulator die Twin Towers auf dem Heimcomputer von zu Hause aus angreifen. Lange vor dem Krieg gegen den Terror, wurden Filme über Katastrophen in N. Y. und Kriegsfilme gegen irgendwelche "Barbaren" in der Wüste zum abendfüllenden Erfolg in den Kinos. Langeweile schleicht sich in den Kinos ein, sofern nicht mindestens ein Stadtteil brennt, dutzende von Autos explodieren und Kinohelden über Leichenberge gehen können. Schon Napoleon Bonaparte erklärte: "Befehlen heisst zu den Augen zu sprechen", Kafka schliesslich bekräftigte: "Das Kino bedeutet eine Uniformierung des Auges". Und beide haben sie Recht, denn das Auge ist in der Tat das Fenster zur Seele.

Kriegs-Spiel oder Spielkrieg
Explosionen im Hirn
In Japan zum Beispiel haben Ärzte herausgefunden, dass Videospiele die extrem schnelle abfolgen von Explosionen und Blitzen darstellen, bei Kindern epileptische Anfälle erzeugen können. Jedes Jahr werden Verbindungskonferenzen mit Kriegspiel Herstellern, an denen Firmen wie GTInteractive und Fachleute der militärischen Defense Intelligence Agency DIA teilnehmen für den gegenseitigen Meinungsaustausch organisiert. Was dabei rauskommt sind Spiele wie Soldier of Fortune, das sich rühmt einen "bislang unerreichten Grad an Gewalt" zu zeigen. Eine Information freilich, auf die Spielhersteller mit besonderem Stolz hinweisen. Das von id-Software entwickelte Spiel Doom (1993) wurde über Lizenzen vom Marine Corps Combat and Development Command, zum Marine Doom weiterentwickelt, welches als virtuelles Training für Elitesoldaten eingesetzt wird. Die Produzenten des Spieles Carrier Strike Fighter bekamen sogar eine Befugnis auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln zu Filmen um so eine möglichst realitätsnahe Visualisierung des zivilen Spieles zu erreichen. Das Spiel BattleZone von Atari wurde für das Militär konzipiert und ist auch zivil, jedoch unter anderem Namen zu kaufen. Weit über zwanzig Spiele die öffentlich zugänglich sind wurden so modifiziert, dass sie einen Dual use Charakter haben. Kriegsspiele können somit im zivilen Spektrum genau so verwendet werden, wie für das Training der Soldaten.
Mediale Blutgeilheit
Immer wieder hört man aus den Medien, dass verübte Gräueltaten aus Sequenzen von Horror Filmen und Computer Spielen, oder von "Shock Musikern" übernommen worden sind. Marilyn Manson, dem Dark Wave Musiker, oder Slipknot der ultra brutalen Powerband wird vorgeworfen jugendliche Fans so beeinflusst zu haben, dass ein Massaker wie jenes an der Colombine Highschool in Amerika erst möglich wurde. Solche Urteile über "verteufelte Musik" kennt man bereits aus der Beatnik Zeit… Sind das nicht auch Propagandatricks, ähnlich deren der Kriegsherren, die erst den richtigen Sumpf bereiten um anschliessend den erforderten Absatz zu finden? Ist es dann nicht ein Trick der PR Abteilungen die den Journalisten Informationen mit all den möglichen Gräueltaten und okkulten Hintergründen der Bandmitglieder zustecken? Ist es dann folglich nicht die "Blutgeilheit" der Medien die Bands wie Sklipknot dafür verwendet die Kultur der Angst zu nutzen um bessere Umsätze für ihre Zeitung zu erheischen? Da herum generiert sich wohl der Kult um Blut, Abenteuer und Horror in der Massenkultur.
Der seelische Zustand
Kann man den seelischen Zustand einer Gesellschaft anhand der Kunst ablesen? Auf jeden Fall! Wie angetönt gibt es auch Künstler die durch Gesellschaftsanalysen Warnungen in ihre Arbeit einfliessen lassen. Richard Huelsenbeck, einer der Begründer des Dadaismus, meinte 1918 in einem Vortrag in Berlin über die neuen Tendenzen der Kunst: "Wir waren für den Krieg und der Dadaismus ist noch heute für den Krieg. Die Dinge müssen sich stossen: es geht noch lange nicht grausam genug zu." Die Futuristen betrachteten in einem Manifest von 1908 den "Krieg als Hygiene der Welt". "Der Schrei" von Edvard Munch, 1893, welches im August aus dem Edvard Munch Museum in Oslo gestohlen wurde, könnte moderner nicht sein: Das Bild gilt als Symbol des ungeschützten modernen Menschen. Doch die Warnungen haben sich in den Sand geschlagen.
Die Fleischmaschine
Nach zwei verheerenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert haben wir uns in Europa für Jahrzehnte der Illusion eines beständigen Friedens hingegeben. Spätestens seit dem Krieg in Jugoslawien, allerspätestens seit dem Krieg gegen den Terrorismus ist diese Illusion dahin. Krisenherde entstehen offensichtlich immer wieder und sie werden, wie oben beschrieben, immer mehr in das zivile Umfeld getragen. Ein Blick auf die Mode bestätigt es. Tarnkleider und uniforme Abschriften militärischer Dresscodes wurden seit den 90er Jahren immer aktueller. Aktueller wurde auch die Bedrohung des menschlichen Seins: Cloning. Der Krieg gegen menschliche Schwächen wird, dank dem Unternehmen Genom immer mehr zur Wirklichkeit und zeichnet sich bedrohlich am Horizont des menschlichen Dramas ab. Gentechnik und die so genannte biotechnische Revolution sind nicht erst seit der Sloterdijk Debatte um eine mögliche "Menschenzüchtung" Themen der künstlerischen Imagination. Einige Künstler setzten sich mit diesen Gedanken kritisch, spielerisch und visionär auseinander. Das "Critical Art Ensemble" aus New York ist eine jener Gruppen, die sich mit eben dieser Frage auseinander setzt. Ihr Bio Projekt, "Flesh Machine" wurde den Künstlern kürzlich beinahe zum Verhängnis:
Am 11. Mai verstarb Hope Kurtz, die 45 jährige Frau vom Kunstprofessor, Künstler und Gründungsmitgliedes des "Critical Art Ensembles" Steve Kurtz. Selbstverständlich rief Kurtz bei der Notfallnummer an, neben Sanitätern kamen auch Polizisten, welche die Wohnung inspizierte. Was die Polizei in der Wohnung des Künstlers sah, ließ bei ihnen den Verdacht aufkommen, sie hätten das Nest eines Bioterroristen entdeckt: Sie fanden seltsame Laborausrüstungen, Petrischalen und Bakterienkulturen… Grund genug, die Joint Terrorism Task Force - die endlich mal zum Einsatz kam - zu alarmieren. Obwohl Kurtz kooperativ reagierte wurde sein Haus von der Antiterror Einheit in Schutzanzügen durchsucht und die gesamte Strasse abgesperrt. Eine Art Probe für den Ernstfall. Ein "totaler Zirkus", meint der Rechtsanwalt von Kurtz. Anschliessend wurde Steve Kurtz aufgrund des 175igsten Abschnittes des US Biological Weapons Anti-Terrorism Act von 1989, der durch den Patriot Act erweitert wurde verhaftet und in einem Hotel während zweier Tage vom FBI verhört. Durch die Erweiterung des Partriot Act verbietet das Gesetz den Besitz von "jeglichen biologischen Stoffen, Giften oder Herstellungsmitteln", die nicht durch "prophylaktische, schützende, gutgläubige Forschung oder einem anderen friedlichen Zweck" gerechtfertigt ist.
Critical Art versus Bio-Kampfstoff
Beatriz da Costa, Dorian Burr und Steve Barnes, drei weitere Mitglieder des "Critical Art Ensembles" wurden Vorladungen ins Haus geschickt. Hope Kurtz ist, nach Auskunft von Ärzten, an Herzversagen gestorben. Es liegt kein Verdacht vor, dass ihr Tod durch irgendwelche biologische Kampfstoffe verursacht wurde. Die gefundenen Bakterienkulturen (E. coli, Bacillus globigii und serratia) wurden untersucht - ohne Ergebnis. Trotzdem hielt das FBI an dem Verdacht fest, dass bei dem seltsamen, noch dazu gesellschaftskritischen Künstler der mit dem "Critical Art Ensemble" Bücher wie Electronic Civil Disobedience und Other Unpopular Ideas and The Electronic Disturbance geschrieben hat, ein Gefahrenpotenzial sein muss. Adele Henderson, die Leiterin der Kunstinstituts an der Universität von Buffalo an der Kurtz arbeitet, wurde von FBI-Agenten befragt ob es sie überraschen würde, wenn dieser mit Bioterrorismus zu tun habe. Steve Kurtz drohen 20 Jahre Haft.
Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg
Damit wurde nun neben der altbekannten Fragestellung, ob etwas Pornografie oder Kunst ist, vielleicht erstmals die mit erheblichen Folgen verbundene Frage gestellt, ob Bakterienkulturen oder Laborausrüstungen Material eines Künstlers oder eines Terroristen sind. Wie kann in Zeiten des Amoks, des Terrors und des Krieges, eine Kunst aussehen, die eine Plattform für humanitäre Agenden gegen Gewalt und Ungerechtigkeit sein will? Das freudsche Diktum: "Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg" kann man wohl revidieren. Könnte es nicht sein, dass in der Kulturentwicklung selbst, Momente enthalten sind die die Kriegsbereitschaft fördert? Ist es möglich, dass die Kunst nicht nur pazifistische, sondern auch militärische Intentionen hat? Gibt es, nach Paul Virilio, nicht nur eine Kunst des Schreckens, sondern auch einen Schrecken der Kunst? Ganz klar: Wenn Umsatz und Einnahmen stimmen, darf durch die Massenkultur Grauen, Angst und Unsicherheit verbreitet werden und kann uns so fit für die nächste Katastrophe machen. Auf der anderen Seite stehen jene Künstler die unsere Gesellschaft auf Gefahren, Ängste und Unsicherheiten aufmerksam machen am schrillen Abgrund. Sie bezahlen einen hohen Preis für ihre warnenden Werke.

sfux - 20. Nov, 21:33 Article 1757x read