Der „Menschenfresser“ von Wien
Malte Olschewski - Das Fressen anderer Menschen ist gefundenes Fressen für die Medien. So betitelte CNN den geisteskranken, möglichen Kannibalen Robert Ackermann als „österreichischen Hannibal Lecter.“ „Bild Online“ brachte eine national betonte Variante: „Deutscher isst Österreicher“. Die TAZ schliesslich sah das „Opfer auf dem Teller“. Alle drei Schlagzeilen sind halb falsch bis halb wahr und daher sehr typisch für den Journalismus des Boulevards. In einer Obdachlosenunterkunft der Wiener Reichsapfelgasse hatte der 19jährige deutsche Staatsbürger Robert Ackermann den 49jährigen Österreicher Josef S. mit einer Hantel erschlagen und dann mit einem Messer aufgeschlitzt.
Die später alarmierte Polizei traf den Täter mit blutverschmiertem Mund in der Unterkunft an. Der Schädel des Opfers war aufgebrochen, die Zunge herausgeschnitten. Auf einem Tisch stand ein Teller mit Hirnteilen und mit der Zunge des Opfers. Die Obduktion ergab, dass dem Körper keine inneren Organe entnommen worden waren. Der Täter schwieg. Auch die Polizei hat bisher noch nicht mitgeteilt, ob das Blut im Gesicht des Täters vom Essen seines Opfers stammt.
Sichere Tatsache ist, dass der junge Mann geisteskrank ist und schon längst in eine geschlossene Anstalt gehört. Da aber seit einiger Zeit eine wachsende Zahl von Menschen gestörtes Verhalten aufweisen, wird es für die zuständigen Stellen immer schwieriger, zwischen kontrolliertem Freigang und geschlossener Anstalt zu entscheiden. Ackermann lebte mit dem späteren Opfer einer betreuten Wohnung. Er sah sich gern als millionenschwerer Manager. Er hatte ständig Streit mit seinem gutmütigen Mitbewohner. Seit Wochen hatte er die vorgeschriebenen Medikamente nicht mehr eingenommen.
Fälle von Kannibalismus erschrecken in den letzten Jahren immer öfter die Öffentlichkeit. Der Kannibale von Rotenburg, Armin Meiwes, hat vor Gericht angegeben, dass es in Deutschland etwa 800 Kannibalen geben würde. Wie er es getan hätte, würden diese im Internet nach potentiellen Opfern fahnden. Viele verschwundene Kinder seien Kannibalen zum Opfer gefallen. Das mag sein oder hoffentlich auch nicht. Tatsache ist, dass die Polizei im Computer des Meiwes über 200 Adressen fand, mit denen er über E-mail kannibalische Fantasien ausgetauscht hatte. Im Jahr 2002 kam es in Koblenz zu einem weiteren Fall. Ein 21jähriger Elektriker hatte seine Kusine getötet. Teile der Leiche fand die Polizei mit Reis in einem Backofen.
Der Kannibalismus wird seit der Zeitenwende 1990 relativ oft in Film und Literatur behandelt. So etwa ist die Geschichte Fritz Haarmanns, des berühmtesten Kannibalen Deutschlands, mit Götz George in der Hauptrolle und mit dem Titel „Der Totmacher“ verfilmt worden. Haarmann hatte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg im Raum Hannover zwei Dutzend junge Burschen ermordet und zerstückelt. Er hat ihr Fleisch gegessen, aber auch in Dosen verpackt und verkauft. Das hat zu dem bekannten Abzählreim geführt: „ Warte! Warte nur ein Weilchen. Bald kommt Haarmann auch zu Dir. Mit dem Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus Dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck. Aus den Därmen macht er Würste. Und den Rest, den wirft er weg.“ Diese Reime waren durch all die Jahrzehnte derart populär, dass sie ab 1990 von mehreren extremen Musikgruppen benutzt worden sind. Der italienische Regisseur Ruggero Deodato ist fast ausschliesslich für seine Filme über dieses Thema bekannt.
„Cannibal Holocaust“
Seine bisher grössten Erfolge waren „Ultimo mondo cannibale“ und „Cannibal Holocaust“. Über die Kunstfigur des intellektuell überragenden Kannibalen Hannibal Lectersind bisher schon vier Filme mit guten Einspielergebnissen gedreht worden. Auch der Fim „Dumplings“ des Chinesen Fruit Chan gehört in diese Kategorie. Hier geht es um die Tötung und Verarbeitung von Babies zu Verjüngungsdrogen. In „Dead Man“ von Jim Jarmusch ist der Bösewicht auch ein Kannibale. Auch die TV-Serie „Bones: Die Knochenjäger“ behandelt das gleiche Thema. In den USA war der bisher einzige verurteilte Kannibale Alferd Packer Hauptfigur des Musicals „Cannibal“. Literarisch hat der Kannibalismus mit dem Thriller von Brett Easton Ellis „American Psycho“ einen Erfolg gefeiert. Ein erfolgreicher Börsenmakler zieht die letzte Konsequenz aus der herrschenden Ordnung des Superkapitalismus. Er tötet und frisst andere Menschen, vorzugsweise junge Mädchen. In diesem Buch stehen Sätze wie: „Die würde in der Pfanne gut schmecken.“ Oder: „Mit ihrem Blut würde ich gern herumpantschen!“
Von diesen Formen ist der Kannibalismus in einer Notsituation zu unterscheiden. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen in extremer Not das Fleisch anderer essen. Es hat bei der Belagerung von Leningrad Kannibalismus gegeben, wie auch japanische Soldaten in mehreren Fällen die Leichen ihrer Feinde und dann die eigenen Gefallenen verzehrt haben. Nach Scheitern der italienischen Nobile-Expedition haben im Eis Verschollene ihre erfrorenen Kameraden gegessen. Sehr häufig wird Menschenfresserei in der Seefahrt registriert. Schiff-brüchige haben andere erschlagen und aufgegessen. Als ein Passagierflug über den Anden abstürzte, haben die Überlebenden die Leichen toter Passagiere verzehrt.
Das Essen der eigenen Art ist mit einem derart starken Tabu belegt, dass Proponenten der politischen Korrektheit sogar behaupten können, es habe bei Naturvölkern in Amerika, Afrika und Ozeanien überhaupt keine Anthropophagie gegeben. Die europäischen Eroberer hätten die Menschenfresserei erfunden, um einen zusätzlichen Grund zu haben, diese Völker zu kolonisieren, zu unterwerfen und teilweise auzulöschen.
Das ist nun gänzlich unrichtig. In zahlreichen Mythen, Legenden und Märchen ist immer wieder von Kannibalismus die Rede. So etwa verschlingt in der griechischen Mythologie Urvater Kronos seine eigene Brut. Zeus wird nur gerettet, da seine Mutter Rhea ihn versteckt und Kronos einen in Windeln gewickelten Stein überreicht. Aber auch der spätere Chef des Olymps ist kein Guter. Zeus verschlingt seine schwangere Geliebte samt der ungeborenen Tochter Athene, weil er Heras Eifersucht fürchtet. Athene wandert durch den Körper des Zeus und springt dann als Kopfgeburt aus seiner Stirn hervor. Auch in deutschen Märchen regiert oft ein versteckter Kannibalismus. Die Hexe füttert Hänsel und Gretel, die sie in einem Ofen backen und dann verzehren will.
Kannibalismus in Amerika wird erstmals von Kolumbus durch eine Eintragung in das Bordtagebuch vom 14.11.1492 bezeugt. Auf einer Insel, dem späteren Haiti, würde ein schrecklicher Stamm mit Namen „Caryba“ oder „Canyba“ Menschen verzehren. Daraus ist einerseits der Name „Kannibalismus“ und dann auch die Regionalbezeichnung „Karibik“ abgeleitet worden. Zahllose Berichte früher Konquistadoren bezeugen die Menschenfresserei in Mittel- und Südamerika.
Es scheinen aber die Indianer des Nordens den Kannibalismus deswegen nicht gekannt zu haben, weil die Prärien mit den Büffelherden mehr als ausreichend Fleisch und damit Protein geliefert hatten. Damit kommt ein wichtiges Argument ins Spiel: Essen des anderen, weil nichts anderes da ist und weil der menschliche Organismus Proteine braucht.
Tatsächlich scheint an den Küsten Schwarzafrikas mit reichen Fisch-vorkommen der Kannibalismus weniger ausgeprägt als in den Dschungeln des Landesinneren, die wenig essbares Wild geboten haben. Dem widersprechen auch bewiesene Tatsachen aus Ozeanien nicht, wo in Papua-Neuguinea die Menschenfresserei bis heute überlebt hat. Hier spricht man von einem Endo-Kannibalismus, in dem aus religiösen Gründen verstorbene Angehörige verzehrt werden.
Da vorwiegend das Hirn als Leckerbissen galt, ist es durch Prionen wie bei der BSE oft zur Übertragung von Krankheiten gekommen. In Fidschi hat der Kannibalismus seine grausigste Ausprägung erfahren. Auch dort war die Menschenfresserei im Inneren der grossen Insel Viti Levu wesentlich deutlicher als an den Küsten. Häuptling Udreudre war ein Gourmet. Er liess gefangene Gegner oder Untertanen regelrecht mästen. Er war auf gebratene Föten aus und verfolgte deswegen schwangere Frauen, denen er die Leibesfrucht aus dem Körper reissen liess.
Er hatte grossen Appettit auf seine Mitmenschen. Für jedes Opfer liess er einen Stein aufrichten. Ein anderer Häuptling liess seine Opfer als ganzes in den Erdofen schieben und dann als durchgebratene Figuren ausfstellen. Dann nahm er die grausige Parade ab und knusperte da und dort an einer Nase oder einem gerösteten Arm. Über dem Verzehr von Menschenfleisch lag ein religiöser Zauber. Eigene Trommeltöne riefen zum Kannibalen-mahl. Man langte mit eigens geschnitzten Gabeln zu. Das „bokola“, das „lange Schwein“, hat offenbar bestens gemundet. Man frass auch den britischen Missionar Baker, der die Fidschianer bekehren wollte und dabei einem Häuptling in einem schlimmen Tabubruch an den Kopf gegriffen hatte.
Oberhäuptling Cakobau war der letzte Staatschef der Welt, der offiziell und mit grossem Appettit Menschenfleisch verzehrt hat.
Im Museum von Suva waren lange Zeit neben den Bokola-Gabeln auch Bakers Stiefelsohlen mit Bisspuren zu sehen, nachdem die Fidschianer ihr Opfer samt den Stiefeln gekocht hatten. Oberhäuptling Cakobau war um 1900 der letzte Staatschef der Welt, der offiziell und mit grossem Appettit Menschenfleisch verzehrt hat. Als er um britischen Schutz ansuchte, liess ihm Königin Victoria ausrichten, dass er auf diese seine Leibspeise zu verzichten habe. Eine Frage bleibt ungeklärt: War zuerst der Nahrungs- und Proteinmangel da, der dann beim Kannibalenmahl religiös verziert worden ist. Oder war zuerst die religiöse Opferung und Einverleibung, die dann zur Normalität wurde wie etwa in Udreudres Haushalt.
Kannibalismus erscheint im Rahmen europäischer Zivilisation als eines der mächtigsten Tabus. Es sind auch die meisten Fälle von Menschen begangen worden, die geisteskrank waren. In der medialen und modischen Neufassung des Kannibalismus treten hochintelligente Mörder und Kannibalen wie Hannibal Lecter auf. Hierbei wird nur angedeutet, dass es vielleicht das Menschenfleisch sein könnte, das ihm zu dieser Intelligenz verholfen hat. Auch der Börsenspekulant Bateman in „American Psycho“ ist ihm Rahmen der Wall Street hochintellegent. Es ist nicht zu übersehen, dass in der heutigen Gesellschaft Pirschgänge an alle bisherigen Grenzen unternommen und gefeiert werden.
Man spricht auch von Regression und Retribalisierung. Es ist nicht ein Hobby oder ein Freizeitsport, wenn man sich in der „Scarification“ Schnitte ins eigene Fleisch machen lässt, aus denen dann „prächtige Narben“ wachsen... Wenn man sich mit Dutzenden Haken im eigenen Fleisch aufhängen lässt wie bei einigen Indiostämmen... Wenn der Körper mit Tätowierungen übersät wird... Wenn Rockbands in ekstatischen Tänzen gefeiert werden.... Wissenschafter sehen auch an anderen Phänomen eine „Retribalisierung“: Ein Rückkehr in das Stammesdenken. Und wenn man nur weit genug in dieser Retribalisierung zurückgeht, dann wird man eines Tages wieder beim Kannibalismus ankommen.
Die später alarmierte Polizei traf den Täter mit blutverschmiertem Mund in der Unterkunft an. Der Schädel des Opfers war aufgebrochen, die Zunge herausgeschnitten. Auf einem Tisch stand ein Teller mit Hirnteilen und mit der Zunge des Opfers. Die Obduktion ergab, dass dem Körper keine inneren Organe entnommen worden waren. Der Täter schwieg. Auch die Polizei hat bisher noch nicht mitgeteilt, ob das Blut im Gesicht des Täters vom Essen seines Opfers stammt.
Sichere Tatsache ist, dass der junge Mann geisteskrank ist und schon längst in eine geschlossene Anstalt gehört. Da aber seit einiger Zeit eine wachsende Zahl von Menschen gestörtes Verhalten aufweisen, wird es für die zuständigen Stellen immer schwieriger, zwischen kontrolliertem Freigang und geschlossener Anstalt zu entscheiden. Ackermann lebte mit dem späteren Opfer einer betreuten Wohnung. Er sah sich gern als millionenschwerer Manager. Er hatte ständig Streit mit seinem gutmütigen Mitbewohner. Seit Wochen hatte er die vorgeschriebenen Medikamente nicht mehr eingenommen.
Fälle von Kannibalismus erschrecken in den letzten Jahren immer öfter die Öffentlichkeit. Der Kannibale von Rotenburg, Armin Meiwes, hat vor Gericht angegeben, dass es in Deutschland etwa 800 Kannibalen geben würde. Wie er es getan hätte, würden diese im Internet nach potentiellen Opfern fahnden. Viele verschwundene Kinder seien Kannibalen zum Opfer gefallen. Das mag sein oder hoffentlich auch nicht. Tatsache ist, dass die Polizei im Computer des Meiwes über 200 Adressen fand, mit denen er über E-mail kannibalische Fantasien ausgetauscht hatte. Im Jahr 2002 kam es in Koblenz zu einem weiteren Fall. Ein 21jähriger Elektriker hatte seine Kusine getötet. Teile der Leiche fand die Polizei mit Reis in einem Backofen.
Der Kannibalismus wird seit der Zeitenwende 1990 relativ oft in Film und Literatur behandelt. So etwa ist die Geschichte Fritz Haarmanns, des berühmtesten Kannibalen Deutschlands, mit Götz George in der Hauptrolle und mit dem Titel „Der Totmacher“ verfilmt worden. Haarmann hatte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg im Raum Hannover zwei Dutzend junge Burschen ermordet und zerstückelt. Er hat ihr Fleisch gegessen, aber auch in Dosen verpackt und verkauft. Das hat zu dem bekannten Abzählreim geführt: „ Warte! Warte nur ein Weilchen. Bald kommt Haarmann auch zu Dir. Mit dem Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus Dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck. Aus den Därmen macht er Würste. Und den Rest, den wirft er weg.“ Diese Reime waren durch all die Jahrzehnte derart populär, dass sie ab 1990 von mehreren extremen Musikgruppen benutzt worden sind. Der italienische Regisseur Ruggero Deodato ist fast ausschliesslich für seine Filme über dieses Thema bekannt.
„Cannibal Holocaust“
Seine bisher grössten Erfolge waren „Ultimo mondo cannibale“ und „Cannibal Holocaust“. Über die Kunstfigur des intellektuell überragenden Kannibalen Hannibal Lectersind bisher schon vier Filme mit guten Einspielergebnissen gedreht worden. Auch der Fim „Dumplings“ des Chinesen Fruit Chan gehört in diese Kategorie. Hier geht es um die Tötung und Verarbeitung von Babies zu Verjüngungsdrogen. In „Dead Man“ von Jim Jarmusch ist der Bösewicht auch ein Kannibale. Auch die TV-Serie „Bones: Die Knochenjäger“ behandelt das gleiche Thema. In den USA war der bisher einzige verurteilte Kannibale Alferd Packer Hauptfigur des Musicals „Cannibal“. Literarisch hat der Kannibalismus mit dem Thriller von Brett Easton Ellis „American Psycho“ einen Erfolg gefeiert. Ein erfolgreicher Börsenmakler zieht die letzte Konsequenz aus der herrschenden Ordnung des Superkapitalismus. Er tötet und frisst andere Menschen, vorzugsweise junge Mädchen. In diesem Buch stehen Sätze wie: „Die würde in der Pfanne gut schmecken.“ Oder: „Mit ihrem Blut würde ich gern herumpantschen!“
Von diesen Formen ist der Kannibalismus in einer Notsituation zu unterscheiden. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen in extremer Not das Fleisch anderer essen. Es hat bei der Belagerung von Leningrad Kannibalismus gegeben, wie auch japanische Soldaten in mehreren Fällen die Leichen ihrer Feinde und dann die eigenen Gefallenen verzehrt haben. Nach Scheitern der italienischen Nobile-Expedition haben im Eis Verschollene ihre erfrorenen Kameraden gegessen. Sehr häufig wird Menschenfresserei in der Seefahrt registriert. Schiff-brüchige haben andere erschlagen und aufgegessen. Als ein Passagierflug über den Anden abstürzte, haben die Überlebenden die Leichen toter Passagiere verzehrt.
Das Essen der eigenen Art ist mit einem derart starken Tabu belegt, dass Proponenten der politischen Korrektheit sogar behaupten können, es habe bei Naturvölkern in Amerika, Afrika und Ozeanien überhaupt keine Anthropophagie gegeben. Die europäischen Eroberer hätten die Menschenfresserei erfunden, um einen zusätzlichen Grund zu haben, diese Völker zu kolonisieren, zu unterwerfen und teilweise auzulöschen.
Das ist nun gänzlich unrichtig. In zahlreichen Mythen, Legenden und Märchen ist immer wieder von Kannibalismus die Rede. So etwa verschlingt in der griechischen Mythologie Urvater Kronos seine eigene Brut. Zeus wird nur gerettet, da seine Mutter Rhea ihn versteckt und Kronos einen in Windeln gewickelten Stein überreicht. Aber auch der spätere Chef des Olymps ist kein Guter. Zeus verschlingt seine schwangere Geliebte samt der ungeborenen Tochter Athene, weil er Heras Eifersucht fürchtet. Athene wandert durch den Körper des Zeus und springt dann als Kopfgeburt aus seiner Stirn hervor. Auch in deutschen Märchen regiert oft ein versteckter Kannibalismus. Die Hexe füttert Hänsel und Gretel, die sie in einem Ofen backen und dann verzehren will.
Kannibalismus in Amerika wird erstmals von Kolumbus durch eine Eintragung in das Bordtagebuch vom 14.11.1492 bezeugt. Auf einer Insel, dem späteren Haiti, würde ein schrecklicher Stamm mit Namen „Caryba“ oder „Canyba“ Menschen verzehren. Daraus ist einerseits der Name „Kannibalismus“ und dann auch die Regionalbezeichnung „Karibik“ abgeleitet worden. Zahllose Berichte früher Konquistadoren bezeugen die Menschenfresserei in Mittel- und Südamerika.
Es scheinen aber die Indianer des Nordens den Kannibalismus deswegen nicht gekannt zu haben, weil die Prärien mit den Büffelherden mehr als ausreichend Fleisch und damit Protein geliefert hatten. Damit kommt ein wichtiges Argument ins Spiel: Essen des anderen, weil nichts anderes da ist und weil der menschliche Organismus Proteine braucht.
Tatsächlich scheint an den Küsten Schwarzafrikas mit reichen Fisch-vorkommen der Kannibalismus weniger ausgeprägt als in den Dschungeln des Landesinneren, die wenig essbares Wild geboten haben. Dem widersprechen auch bewiesene Tatsachen aus Ozeanien nicht, wo in Papua-Neuguinea die Menschenfresserei bis heute überlebt hat. Hier spricht man von einem Endo-Kannibalismus, in dem aus religiösen Gründen verstorbene Angehörige verzehrt werden.
Da vorwiegend das Hirn als Leckerbissen galt, ist es durch Prionen wie bei der BSE oft zur Übertragung von Krankheiten gekommen. In Fidschi hat der Kannibalismus seine grausigste Ausprägung erfahren. Auch dort war die Menschenfresserei im Inneren der grossen Insel Viti Levu wesentlich deutlicher als an den Küsten. Häuptling Udreudre war ein Gourmet. Er liess gefangene Gegner oder Untertanen regelrecht mästen. Er war auf gebratene Föten aus und verfolgte deswegen schwangere Frauen, denen er die Leibesfrucht aus dem Körper reissen liess.
Er hatte grossen Appettit auf seine Mitmenschen. Für jedes Opfer liess er einen Stein aufrichten. Ein anderer Häuptling liess seine Opfer als ganzes in den Erdofen schieben und dann als durchgebratene Figuren ausfstellen. Dann nahm er die grausige Parade ab und knusperte da und dort an einer Nase oder einem gerösteten Arm. Über dem Verzehr von Menschenfleisch lag ein religiöser Zauber. Eigene Trommeltöne riefen zum Kannibalen-mahl. Man langte mit eigens geschnitzten Gabeln zu. Das „bokola“, das „lange Schwein“, hat offenbar bestens gemundet. Man frass auch den britischen Missionar Baker, der die Fidschianer bekehren wollte und dabei einem Häuptling in einem schlimmen Tabubruch an den Kopf gegriffen hatte.
Oberhäuptling Cakobau war der letzte Staatschef der Welt, der offiziell und mit grossem Appettit Menschenfleisch verzehrt hat.
Im Museum von Suva waren lange Zeit neben den Bokola-Gabeln auch Bakers Stiefelsohlen mit Bisspuren zu sehen, nachdem die Fidschianer ihr Opfer samt den Stiefeln gekocht hatten. Oberhäuptling Cakobau war um 1900 der letzte Staatschef der Welt, der offiziell und mit grossem Appettit Menschenfleisch verzehrt hat. Als er um britischen Schutz ansuchte, liess ihm Königin Victoria ausrichten, dass er auf diese seine Leibspeise zu verzichten habe. Eine Frage bleibt ungeklärt: War zuerst der Nahrungs- und Proteinmangel da, der dann beim Kannibalenmahl religiös verziert worden ist. Oder war zuerst die religiöse Opferung und Einverleibung, die dann zur Normalität wurde wie etwa in Udreudres Haushalt.
Kannibalismus erscheint im Rahmen europäischer Zivilisation als eines der mächtigsten Tabus. Es sind auch die meisten Fälle von Menschen begangen worden, die geisteskrank waren. In der medialen und modischen Neufassung des Kannibalismus treten hochintelligente Mörder und Kannibalen wie Hannibal Lecter auf. Hierbei wird nur angedeutet, dass es vielleicht das Menschenfleisch sein könnte, das ihm zu dieser Intelligenz verholfen hat. Auch der Börsenspekulant Bateman in „American Psycho“ ist ihm Rahmen der Wall Street hochintellegent. Es ist nicht zu übersehen, dass in der heutigen Gesellschaft Pirschgänge an alle bisherigen Grenzen unternommen und gefeiert werden.
Man spricht auch von Regression und Retribalisierung. Es ist nicht ein Hobby oder ein Freizeitsport, wenn man sich in der „Scarification“ Schnitte ins eigene Fleisch machen lässt, aus denen dann „prächtige Narben“ wachsen... Wenn man sich mit Dutzenden Haken im eigenen Fleisch aufhängen lässt wie bei einigen Indiostämmen... Wenn der Körper mit Tätowierungen übersät wird... Wenn Rockbands in ekstatischen Tänzen gefeiert werden.... Wissenschafter sehen auch an anderen Phänomen eine „Retribalisierung“: Ein Rückkehr in das Stammesdenken. Und wenn man nur weit genug in dieser Retribalisierung zurückgeht, dann wird man eines Tages wieder beim Kannibalismus ankommen.
sfux - 3. Sep, 07:30 Article 6395x read