Helen Suzman: Das liberale Gewissen Südafrikas feiert Geburtstag
Dr. Alexander von Paleske - Austeilen kann Helen Suzman, die während der Apartheidszeit in Südafrika das liberale Gewissen der Nation war, noch immer - trotz ihres hohen Alters. "I can give anybody a good kick", sagt die nunmehr 90-Jährige, denn ausgeteilt gegen Ungerechtigkeit und Rassenwahn hat sie ihr ganzes Leben lang.
Und so prangerte sie auch vor zwei Wochen in einem Interview mit einer südafrikanischen Wochenzeitung an:
Die Demokratie in Südafrika funktioniert nicht so, wie sie sollte. In wenigen Wochen werden in Polokwane etwas weniger als 3500 Delegierte der Regierungspartei ANC mit der Wahl eines neuen Präsidenten der Partei auch über die Zukunft von 47 Millionen Südafrikanern entscheiden, das ist keine Demokratie.
Nelson Mandela hätte sich für zwei Amtsperioden zur Verfügung stellen müssen, um sein Versöhnungswerk zu vollenden, nicht nur für eine.
Thabo Mbeki mag seine Verdienste haben, was die Wirtschaft angeht, aber ich kann ihm nicht verzeihen, was er in Sachen AIDS angestellt hat: diese Verleugnung.
Mbekis Vermittlungsbemühungen in Sachen Zimbabwe und Robert Mugabe sind ein Disaster.
Die Kriminalität in Südafrika ist schrecklich, gerade auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit und die Regierung unternimmt im Bildungssektor nicht genug. Es fehlt an Fachkräften, an Architekten und Ingenieuren.
Von der Universität ins Parlament
Als Tochter eines jüdischen Immigranten aus Litauen, der in Südafrika zu Wohlstand gekommen war, studierte Helen Suzman an der Witwatersrand Universität, allgemein "Wits" genannt und wurde nach Abschluss ihres Studiums dort Dozentin. Zu ihren Studenten gehörten Joe Slovo, ANC-Persönlichkeit und späterer Minister unter Nelson Mandela, sowie Eduardo Mondlane, später Führer der Befreiungsbewegung Frelimo in Mozambique.
Politisch fühlte sie sich verbunden mit der United Party des Generals Jan Smuts, der Südafrika an der Seite Englands im Kampf gegen Adolf Hitler in den zweiten Weltkrieg führte und dessen Truppen entscheidenden Anteil an der Niederlage von Rommels Afrikacorps 1942 in El Alamein hatten: der ersten großen Niederlage Hitlerdeutschlands noch vor Stalingrad. Doch Jan Smuts verlor die Wahl 1948 und es kamen die Nationalisten mit ihrer Apartheidspolitik unter Magnus Malan ans Ruder. Helen Suzmans erste Reaktion darauf war, eine Auswanderung ins Auge zu fassen, da sie mit mindestens 40 Jahren Alptraum rechnete und damit ziemlich richtig lag.
Ab 1953 Abgeordnete
Ihr Mann, ein Arzt, den sie mit 20 Jahren geheiratet hatte, lehnte ab und so entschloss sie sich, etwas gegen diese Regierung zu unternehmen und kam 1953 als Abgeordnete der Oppositionspartei ins Parlament. Dort sollte sie bis zum Jahre 1989 auf der Bank der Opposition bleiben. Von 1961 bis 1974 ganz allein und immer wieder die Stimme erheben, gegen Apartheid und Ungerechtigkeit und für die Menschenrechte. Unbarmherzig und mutig geißelte sie die Taten der Regierung. Sie kämpfte gegen die Todesstrafe, als Südafrika Weltmeister in Sachen Hinrichtung war und sie ging in die Townships und die Gefängnisse.
1967 besuchte sie Robben Island. Die Gefangenen dort, unter ihnen die Führungsspitze des ANC mit Mandela, Sisulu und Mbeki, hatten ganz besonders unter einem sadistischen Aufseher namens van Rensburg zu leiden, der regelmäßig neben das Essen der Gefangenen urinierte und sich einen Spaß daraus machte, die Gefangenen wo er nur konnte zu schikanieren. Seine Arme zierten Tätowierungen mit Hakenkreuzen. Helen Suzmans Besuch hatte immerhin die Ablösung van Rensburgs sowie kleinere Erleichterungen zur Folge.
Ombudsmann der Stimmrechtlosen
Sie wurde zu einer Art Ombudsmann für all die Menschen, die kein Stimmrecht und daher auch keinen Abgeordneten hatten. Die verzweifelten Hilferufe, die täglich auf ihren Schreibtisch landeten, nannte sie "die Ernte der Apartheidsaat". Manchmal konnte sie helfen, oftmals jedoch nicht. Als Steve Biko ermordet wurde und Polizeiminister Jimmy Kruger erklärte, dass ihn der Tod Bikos "kalt lasse", da äußerte sie im Parlament: "The world is not going to forget the Biko affair and we will not forget it either".
1989 schied sie aus dem Parlament aus und bedauerte, dass sie ein Jahr später nicht dabei war, als alle Gesetze, die sie jahrzehntelang bekämpft hatte, allesamt aufgehoben wurden. In ihrem letzten Antrag im Parlament hatte sie die Ablösung eines Richters gefordert. Dieser hatte eine lächerliche Strafe gegen einen weißen Farmer verhängt, der zwei seiner schwarzen Arbeiter zu Tode geprügelt hatte.
Im Jahre 1997 verlieh ihr Staatspräsident Nelson Mandela den goldenen Verdienstorden Südafrikas. Insgesamt wurden Helen Suzman 27 Ehrendoktorwürden verliehen, darunter von Harvard, Oxford, Cambridge, Columbia und Yale. Ihre Stimme zeugt von tiefster Menschlichkeit und Mut, die bis heute nicht aufhört, sich zu Wort zu melden.
Und so prangerte sie auch vor zwei Wochen in einem Interview mit einer südafrikanischen Wochenzeitung an:





Von der Universität ins Parlament
Als Tochter eines jüdischen Immigranten aus Litauen, der in Südafrika zu Wohlstand gekommen war, studierte Helen Suzman an der Witwatersrand Universität, allgemein "Wits" genannt und wurde nach Abschluss ihres Studiums dort Dozentin. Zu ihren Studenten gehörten Joe Slovo, ANC-Persönlichkeit und späterer Minister unter Nelson Mandela, sowie Eduardo Mondlane, später Führer der Befreiungsbewegung Frelimo in Mozambique.
Politisch fühlte sie sich verbunden mit der United Party des Generals Jan Smuts, der Südafrika an der Seite Englands im Kampf gegen Adolf Hitler in den zweiten Weltkrieg führte und dessen Truppen entscheidenden Anteil an der Niederlage von Rommels Afrikacorps 1942 in El Alamein hatten: der ersten großen Niederlage Hitlerdeutschlands noch vor Stalingrad. Doch Jan Smuts verlor die Wahl 1948 und es kamen die Nationalisten mit ihrer Apartheidspolitik unter Magnus Malan ans Ruder. Helen Suzmans erste Reaktion darauf war, eine Auswanderung ins Auge zu fassen, da sie mit mindestens 40 Jahren Alptraum rechnete und damit ziemlich richtig lag.
Ab 1953 Abgeordnete
Ihr Mann, ein Arzt, den sie mit 20 Jahren geheiratet hatte, lehnte ab und so entschloss sie sich, etwas gegen diese Regierung zu unternehmen und kam 1953 als Abgeordnete der Oppositionspartei ins Parlament. Dort sollte sie bis zum Jahre 1989 auf der Bank der Opposition bleiben. Von 1961 bis 1974 ganz allein und immer wieder die Stimme erheben, gegen Apartheid und Ungerechtigkeit und für die Menschenrechte. Unbarmherzig und mutig geißelte sie die Taten der Regierung. Sie kämpfte gegen die Todesstrafe, als Südafrika Weltmeister in Sachen Hinrichtung war und sie ging in die Townships und die Gefängnisse.
1967 besuchte sie Robben Island. Die Gefangenen dort, unter ihnen die Führungsspitze des ANC mit Mandela, Sisulu und Mbeki, hatten ganz besonders unter einem sadistischen Aufseher namens van Rensburg zu leiden, der regelmäßig neben das Essen der Gefangenen urinierte und sich einen Spaß daraus machte, die Gefangenen wo er nur konnte zu schikanieren. Seine Arme zierten Tätowierungen mit Hakenkreuzen. Helen Suzmans Besuch hatte immerhin die Ablösung van Rensburgs sowie kleinere Erleichterungen zur Folge.
Ombudsmann der Stimmrechtlosen
Sie wurde zu einer Art Ombudsmann für all die Menschen, die kein Stimmrecht und daher auch keinen Abgeordneten hatten. Die verzweifelten Hilferufe, die täglich auf ihren Schreibtisch landeten, nannte sie "die Ernte der Apartheidsaat". Manchmal konnte sie helfen, oftmals jedoch nicht. Als Steve Biko ermordet wurde und Polizeiminister Jimmy Kruger erklärte, dass ihn der Tod Bikos "kalt lasse", da äußerte sie im Parlament: "The world is not going to forget the Biko affair and we will not forget it either".
1989 schied sie aus dem Parlament aus und bedauerte, dass sie ein Jahr später nicht dabei war, als alle Gesetze, die sie jahrzehntelang bekämpft hatte, allesamt aufgehoben wurden. In ihrem letzten Antrag im Parlament hatte sie die Ablösung eines Richters gefordert. Dieser hatte eine lächerliche Strafe gegen einen weißen Farmer verhängt, der zwei seiner schwarzen Arbeiter zu Tode geprügelt hatte.
Im Jahre 1997 verlieh ihr Staatspräsident Nelson Mandela den goldenen Verdienstorden Südafrikas. Insgesamt wurden Helen Suzman 27 Ehrendoktorwürden verliehen, darunter von Harvard, Oxford, Cambridge, Columbia und Yale. Ihre Stimme zeugt von tiefster Menschlichkeit und Mut, die bis heute nicht aufhört, sich zu Wort zu melden.
sfux - 8. Nov, 08:51 Article 2013x read