Reduktion in die Qualität des Klanges
Das Gespräch mit Don Li
Don Li, ich habe Ihnen zwei Sachen mitgenommen: Eine furchtbare CD eines Musikers, den wir beide kennen und eine andere CD, auch schlimm, die Sounds vom Mond Titan, aufgenommen von der Huygens-Sonde.
Oh ja, also die erste CD ist wohl… na ja! Wissen sie was? Ich schenke ihnen das nächste Mal die schlimmste meiner CDs. Was halten sie davon?
Grossartig! Ich befürchte nur, dass Ihre CD, die sie mir schenken wollen, ein Genuss sein wird.
Lassen Sie sich überraschen! Aber die Titan Sound Files… das ist Grossartig. Wieso finden sie die so schlimm?
Allem voran herrscht da oben offensichtlich das grosse Rauschen. Bei genauem hinhören aber, kristallisiert sich ein Ticken… ein sanftes Wummern heraus. Ich war gerührt, denn das ist ein jungfräuliches Geräusch eines uns 1,2 Milliarden Kilometer entfernten Mondes. Das fand ich fantastisch! Es war die Reduktion die das Erlebnis ausmachte. Nachher, bitte entschuldigen Sie, dass ich ausschweife, habe ich Musik von ihnen gehört. Ich war zu Tränen gerührt, ich bekam Hühnerhaut! Auch Sie reduzieren Musik auf die Substanz, auf die Wichtigkeit des einzelnen Klanges und der Repetition. Don Li, Sie sind ein Meister!
Ich danke ihnen… ich glaube meine Musik ist, ähnlich wie bei Ihrem Erlebnis der Musik des Mondes Titan, vom grossen Rauschen befreit. Ich habe alles Rauschen, alle Eskapaden zurückgenommen und die Musik auf den Klang reduziert. Die Musik, die ich im Tonus Labor komponiere und mit den Musikern vom Orchester damit experimentiere, lebt erst durch die Reduktion. Da liegt ein grosses Potential an Energie.
Empfinden sie die Reduktion als Qualität?
Ja, unbedingt! Schauen Sie, es rauscht um uns unaufhörlich. Selbstverständlich ist es ein Genuss, wenn das ein Jazzkonzert, Klassik, irgendein Musikstück ist. Für mich geht das Erlebnis Musik aber weiter. Qualität ist Entwicklungsfähigkeit, Eigenständigkeit, Charakter, tiefes Handwerk, Inhalt. Qualität ist Zeitlos. Qualität ist bestimmt nicht etwas, das schnell kommt und schnell geht. Das Erleben wir auch mit unserem kulturellen Fundament: Klassik, Jazz… Formen, auf die ich mit dem Tonus Orchester zurückgreife…
Sie machen eine musikalische Zeitreise.
Nein, das klingt zu utopisch. Ich verbinde nur Zeiten. Ich versuche die Werte der klassischen Musik mit den Werten des Cyberspace zu verbinden. Eine Verbindung von klassischen Werten, Groove- und Minimal Music. Ich reduziere auf das Wesentliche. Qualität hat nichts mit Menge zu tun… vielleicht im Gegenteil, mit der Leere.
Das ist was ich erlebt habe bei Ihren Kompositionen. Dadurch werden Sie im ersten Moment endlos anstrengend…
…bis Sie sich gehen lassen. Es sind nicht endlose Wiederholungen des immer Gleichen, sondern eine Vertiefung des immer Gleichen…
…genau! Ich empfand es als Befreiung. Die Kompositionen gaben mir das Gefühl der Musik gegenüber mündig zu sein, selber zu entscheiden, was ich damit kreiere. Und dabei habe ich Ihre Musik als geballte Kraft erlebt.
Ja, es ist auch diese geballte Kraft des Zurückhaltens. Stellen sie sich das vor: Sie beherrschen Instrumente in der vollen Virtualität und Bandbreite. Sie dudeln damit eine dicke Wand bis sie explodiert… und Buff… und dann? Nichts geschieht weiter. Halten sie diese Energie zurück und geben diese in einen Ton… in eine Schlaufe, die Tore öffnen sich, der Klang bekommt Tiefe, bekommt Information, und eine neue Qualität. Dann bekommt jede Note Power. Das ist für mich auch Qualität. Dann bekommen Noten einen Kontext.
Kommt es nicht auch auf den Empfänger an, wie er einen Klang aufnimmt?
Sicher, der… wie Sie sagen „Empfänger“… füllt einen Klang mit seinen eigenen Werten. Er gibt ihm Inhalt und modifiziert den Wert der tonalen Information. Genau so wie Sie es bei den jungfräulichen Sounds des Titan Mondes gemacht haben.
Das ist aber eine rechte Herausforderung an den Zuhörer. Um ehrlich zu sein habe ich nur diese einzige Notiz zum Interview aufgeschrieben: Ihre Musik ist nicht Erholung, sie ist Herausforderung.
Sie machten sich wohl eine Reduktion des Interviews. Musik ist immer eine Form der Kommunikation. Sie können sich nach hinten lehnen und unterhalten lassen, oder Sie können sich Räume schaffen, Sie können sich darin aufhalten, forschen, und neues entdecken. Sicher, man muss die Bereitschaft haben zu entdecken, das mag anstrengend sein, muss aber nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je mehr ein Musiker seine Tonleitern technisch perfekt rauf und runter spielt, also mehr quantitativ arbeitet, desto mehr krebst ein Hörer zurück. Ich habe das selbst auch erfahren. Bis vor kurzem hielt ich mein Labor hermetisch. Das heisst der Hörer kam, wurde mit meiner Musik konfrontiert und ging wieder. Ich habe dabei der Musik das Geheimnis weggenommen. Ich machte keine Ansage, nichts! Das war zu dieser Zeit sicher richtig, denn ich hatte eben mein eigenes Ding erschaffen: mein Labor, und damit musste ich mich auch klar positionieren. Jetzt hat sich das geändert. Ich habe mich positioniert. Und ich habe dabei entdeckt: Ich will nicht einen geschlossenen Raum schaffen, sondern Einladen. Heute mache ich das wieder. Ich erkläre die Musik, lade den Hörer ein, sich vorzubereiten und schaffe es so, die Bereitschaft zum hören zu öffnen. Das hat nicht im Geringsten mit Mystik zu tun, sondern mit meiner Arbeit als Musiker im experimentalen Bereich.
Also doch ein Exzentriker?
Nein, ich muss mich nicht mehr vor anderen - und vor allem mir - nichts mehr behaupten. Ich glaube, das ist der Punkt.
Wie meinen Sie das?
Schauen Sie, ich habe jahrelang gesucht. Kennen Sie das Gefühl? Sie wissen etwas ist da, und sie finden es nicht. Nirgends finden sie das Gesuchte und Sie wissen aber, dass es existiert. Irgendwo da draussen. Ich habe die Musik, die ich wollte, aber nicht gefunden. Also hab ich sie selber gemacht. Ich habe mir mein Tonus Labor eingerichtet, habe meine eigene Musik gespielt, habe experimentiert, habe mich ausgetauscht. Klar ich wurde auch belächelt und schubladisiert…
Jetzt sind Sie ein Meister!
Bin ich das? Ich glaube nicht.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich vergleiche das nun einmal mit dieser Huygens-Sonde: Der Kerl ist vor Jahren los geflogen in eine andere Welt und wurde selbst von NASA Leuten belächelt. Was nützt uns als Gesellschaft da ein fliegendes Ding, haben wir uns gefragt. Reichlich wenig…
…wirklich?
Eben! Huygens gibt unserer Gesellschaft Impulse, abgesehen von technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften. Es gibt uns philosophische und gesellschaftliche Impulse. Neue Sounds, neue Gedanken, dadurch ein neues Verständnis. Vielleicht nicht in unserer Generation, aber bei unseren Kindern. Visionen wie eine Huygens-Sonde, ein vielleicht dummes Beispiel, hat Einfluss auf die Kultur. Sie, Don Li, stehen eben auch weit vorne. Da, wo die Gesellschaftsmusik aufhört, da beginnen sie. Sie kreieren mit Ihrer Musik das Verständnis der Gesellschaft von morgen.
Wenn Sie das so sagen, kann ich das akzeptieren. Ja, ich bin vorne. Ich kreiere, ich bin aktiv am Suchen, ich kann nicht stehen bleiben, auch wenn ich dabei gut Geld verdienen könnte.
Das ist das Los, das Sie tragen.
Ich kann nicht anders. Ich würde mich selber töten, wenn ich des Geldes wegen meine Forschungen unterbinden würde. Viele Musiker haben das gemacht. Sie waren innovativ, sie waren on the edge und haben sich blenden lassen von den vollen Konzertsälen.
Reizt Sie das grosse Geld nicht?
Ich brauche Geld zum Überleben, um meine Versicherungen zu bezahlen und meinen Kühlschrank zu füllen. Wissen sie, es liegt noch so viel in meinen Händen. Ich habe noch so viel zu tun. Ich will da weiter gehen. Die Musik und das ganze daraus resultierende Gebilde sind unerschöpflich.
Wissen Sie was? Vielleicht spielt man Sie in fünfzig Jahren im Stadttheater Bern und alle finden das modern.
Ja, wer weiss. Davon werde ich auch nicht viele Kühlschränke füllen können. Im Moment geht es aber, neben dem Kühlschrank füllen, auch um die Entwicklung einer Sprache für meine Musik.
Wie darf ich das verstehen?
Ich arbeite viel mit dem Streich-Quartett und mit anderen Musikern. Das sind traditionelle Instrumente, Holzinstrumente, Blasinstrumente, Geige. Um einem klassischen Orchester zu vermitteln, was in meinem Kopf an Klangvorstellung herrscht, reichen die traditionellen Ausdrücke, die in der Klassik Verwendung haben, nicht mehr aus. Erklären Sie einem klassischen Orchester mal die Klangfarben in ihrem Kopf. Sounds, die es als Sprache noch nicht gibt.
Das sind Ausflüge auf fremde Monde. Vorstellungen zu benennen und sprachlich begreiflich zu machen für die es keine Worte gibt… Wie erklären Sie denn ihre Klangvorstellungen den Musikern?
Ich habe die Sprache noch nicht entwickelt. Es ist wirklich nicht ganz einfach. Im Moment mit Beschreibungen, oder Umschreibungen. Ich habe gemerkt, dass die Beschreibungen mehr mit einem Gefühl zu tun haben. Ein Adagio zum Beispiel ist jedem Musiker absolut klar. Das klingt so und nicht anders. Erklären sie aber mal den Klang einer aalglatten Fläche. Da kommen sie ins Rutschen.
Können sie das in Bern erreichen? Ich meine, da sind die Forschungsressourcen doch recht begrenzt oder?
Ja, Sie haben zum Teil Recht. Bern hat schon Ressourcen. Gute Musiker, absolut interessante Künstler, die sich weit vorwagen und mit ihnen arbeiten wir zusammen. Doch jetzt darf ich nicht stehen bleiben. Das Tonus Labor wird nach Manhattan New-York gezügelt und ich gehe natürlich mit. Darauf freu ich mich sehr. Da, in N.Y. ist ein noch grösserer Pool an Forschungsmöglichkeiten, ein gutes Netzwerk und eine breitere Austauschmöglichkeit, die meine Arbeit vorantreiben wird.
Was heisst das. Gute Nacht Tonus Labor Bern?
Das Tonus Musiklabor werde ich in beste Hände legen. Das Tonus Labor Bern wird es weiterhin geben, aber es jetzt Zeit mich wieder zu bewegen.
Don Li, Sie zu treffen war eine grosse Bereicherung... herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Reise in die Qualität des Klanges.
Don Li & Tonus Music labor
Don Li wurde 1971 in Bern geboren. Mit 16 Jahren schrieb er erste eigene, repetitive Kompositionen und befasste sich intensiv mit den Strukturen der Jazzmusik. Seit seinem 17. Lebensjahr lebt Don Li ausschließlich von der Musik. Don Li wirkte als Saxophonist, Klarinettist, Komponist und später als Produzent auf über 20 CDs und spielte mit unzähligen international renommierten Musikern.
1993 gründete er das für seine Arbeit Grundstein bildende Trio TONUS. Der Klangkörper diente dem Komponisten zur Entwicklung seiner musikalischen Intentionen. Die Gruppe wuchs bald zum Quartett und zum Quintett heran, mit dem neben minimalistisch, repetitiven Strukturen das Erforschen und Erreichen grösstmöglicher Fingerfertigkeit und vertrackter Rhythmen im Zentrum standen. Ab 1996 veröffentlichte er insgesamt vier Tonträger, wovon "Suun" 1998 zu den best verkauften Schweizer Jazz CDs gehörte.
TONUS-MUSIC ist ein musikalisches und kompositorisches Konzept der Reduktion und Repetition. Dabei interessieren Don Li Elemente der Metrik, der Verzahnung des Gleichgewichts von rhythmischen Strukturen in Kombination mit musikalischer Askese und Meditation. Bislang schrieb er unter diesem sich ständig weiterentwickelnden Konzept über siebzig Kompositionen die er seit 1993 laufend durchnummeriert und mit japanischen Haikus vergleicht.
Im Jahr 2000 gründete Don Li zur Vertiefung und Entwicklung von TONUS-MUSIC, das TONUS-MUSIC LABOR in Bern. Seither arbeitete er dort mit über 80 Konzerten, von tibetischen Mönchen zur Butho Tänzerin bis zu indischen Meistern, und MusikerInnen wie Ania Losinger.
Die Entwicklungen aus dem Labor bezeichnet er als TONUS-MUSIC LABOR RESEACH RESULTS und spielte im Januar 2002 unter diesem Namen am Jazzfestival Bern ein fünfstündiges Marathon-Konzert mit wechselnden Formationen. Das Konzert wurde vom Schweizer Fernsehen für 3Sat und vom Radio DRS2 aufgezeichnet.
2002 gewann Don Li das New York Stipendium des Kantons Bern.
Mit der dort entstandenen 60 Minuten Surround-Komposition "THE LONGEST JOURNEY", das binnen 6 Stunden zwischen Video-Installation und live gespielter Komposition hin und her spielt, bestätigt sein Interesse an zeitgenössischer Konzeptkunst und wurde im 2003 in der Diapason Gallery in N.Y. uraufgeführt.
Darauf folgte am 1.Mai 2003 die erfolgreiche Uraufführung des 60 Minuten Werkes "TONUS-MUSIC". Die erste Komposition der Welt für Sinfonie Orchester und Xala.
Im August 2003 präsentierte Don Li am Jazzfestival Willisau seine neuste 60 Minuten Surround-Komposition "TIME-EXPERIENCE" und setzte damit für Willisau technisch und konzeptionell neue Maßstäbe.
Zurzeit arbeitet Don Li an einer neuen Umsetzung von Steve Reichs Komposition "Different Trains" aus dem Jahre 1988.
Don Li, ich habe Ihnen zwei Sachen mitgenommen: Eine furchtbare CD eines Musikers, den wir beide kennen und eine andere CD, auch schlimm, die Sounds vom Mond Titan, aufgenommen von der Huygens-Sonde.
Oh ja, also die erste CD ist wohl… na ja! Wissen sie was? Ich schenke ihnen das nächste Mal die schlimmste meiner CDs. Was halten sie davon?
Grossartig! Ich befürchte nur, dass Ihre CD, die sie mir schenken wollen, ein Genuss sein wird.
Lassen Sie sich überraschen! Aber die Titan Sound Files… das ist Grossartig. Wieso finden sie die so schlimm?
Allem voran herrscht da oben offensichtlich das grosse Rauschen. Bei genauem hinhören aber, kristallisiert sich ein Ticken… ein sanftes Wummern heraus. Ich war gerührt, denn das ist ein jungfräuliches Geräusch eines uns 1,2 Milliarden Kilometer entfernten Mondes. Das fand ich fantastisch! Es war die Reduktion die das Erlebnis ausmachte. Nachher, bitte entschuldigen Sie, dass ich ausschweife, habe ich Musik von ihnen gehört. Ich war zu Tränen gerührt, ich bekam Hühnerhaut! Auch Sie reduzieren Musik auf die Substanz, auf die Wichtigkeit des einzelnen Klanges und der Repetition. Don Li, Sie sind ein Meister!
Ich danke ihnen… ich glaube meine Musik ist, ähnlich wie bei Ihrem Erlebnis der Musik des Mondes Titan, vom grossen Rauschen befreit. Ich habe alles Rauschen, alle Eskapaden zurückgenommen und die Musik auf den Klang reduziert. Die Musik, die ich im Tonus Labor komponiere und mit den Musikern vom Orchester damit experimentiere, lebt erst durch die Reduktion. Da liegt ein grosses Potential an Energie.
Empfinden sie die Reduktion als Qualität?
Ja, unbedingt! Schauen Sie, es rauscht um uns unaufhörlich. Selbstverständlich ist es ein Genuss, wenn das ein Jazzkonzert, Klassik, irgendein Musikstück ist. Für mich geht das Erlebnis Musik aber weiter. Qualität ist Entwicklungsfähigkeit, Eigenständigkeit, Charakter, tiefes Handwerk, Inhalt. Qualität ist Zeitlos. Qualität ist bestimmt nicht etwas, das schnell kommt und schnell geht. Das Erleben wir auch mit unserem kulturellen Fundament: Klassik, Jazz… Formen, auf die ich mit dem Tonus Orchester zurückgreife…
Sie machen eine musikalische Zeitreise.
Nein, das klingt zu utopisch. Ich verbinde nur Zeiten. Ich versuche die Werte der klassischen Musik mit den Werten des Cyberspace zu verbinden. Eine Verbindung von klassischen Werten, Groove- und Minimal Music. Ich reduziere auf das Wesentliche. Qualität hat nichts mit Menge zu tun… vielleicht im Gegenteil, mit der Leere.
Das ist was ich erlebt habe bei Ihren Kompositionen. Dadurch werden Sie im ersten Moment endlos anstrengend…
…bis Sie sich gehen lassen. Es sind nicht endlose Wiederholungen des immer Gleichen, sondern eine Vertiefung des immer Gleichen…
…genau! Ich empfand es als Befreiung. Die Kompositionen gaben mir das Gefühl der Musik gegenüber mündig zu sein, selber zu entscheiden, was ich damit kreiere. Und dabei habe ich Ihre Musik als geballte Kraft erlebt.
Ja, es ist auch diese geballte Kraft des Zurückhaltens. Stellen sie sich das vor: Sie beherrschen Instrumente in der vollen Virtualität und Bandbreite. Sie dudeln damit eine dicke Wand bis sie explodiert… und Buff… und dann? Nichts geschieht weiter. Halten sie diese Energie zurück und geben diese in einen Ton… in eine Schlaufe, die Tore öffnen sich, der Klang bekommt Tiefe, bekommt Information, und eine neue Qualität. Dann bekommt jede Note Power. Das ist für mich auch Qualität. Dann bekommen Noten einen Kontext.
Kommt es nicht auch auf den Empfänger an, wie er einen Klang aufnimmt?
Sicher, der… wie Sie sagen „Empfänger“… füllt einen Klang mit seinen eigenen Werten. Er gibt ihm Inhalt und modifiziert den Wert der tonalen Information. Genau so wie Sie es bei den jungfräulichen Sounds des Titan Mondes gemacht haben.
Das ist aber eine rechte Herausforderung an den Zuhörer. Um ehrlich zu sein habe ich nur diese einzige Notiz zum Interview aufgeschrieben: Ihre Musik ist nicht Erholung, sie ist Herausforderung.
Sie machten sich wohl eine Reduktion des Interviews. Musik ist immer eine Form der Kommunikation. Sie können sich nach hinten lehnen und unterhalten lassen, oder Sie können sich Räume schaffen, Sie können sich darin aufhalten, forschen, und neues entdecken. Sicher, man muss die Bereitschaft haben zu entdecken, das mag anstrengend sein, muss aber nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je mehr ein Musiker seine Tonleitern technisch perfekt rauf und runter spielt, also mehr quantitativ arbeitet, desto mehr krebst ein Hörer zurück. Ich habe das selbst auch erfahren. Bis vor kurzem hielt ich mein Labor hermetisch. Das heisst der Hörer kam, wurde mit meiner Musik konfrontiert und ging wieder. Ich habe dabei der Musik das Geheimnis weggenommen. Ich machte keine Ansage, nichts! Das war zu dieser Zeit sicher richtig, denn ich hatte eben mein eigenes Ding erschaffen: mein Labor, und damit musste ich mich auch klar positionieren. Jetzt hat sich das geändert. Ich habe mich positioniert. Und ich habe dabei entdeckt: Ich will nicht einen geschlossenen Raum schaffen, sondern Einladen. Heute mache ich das wieder. Ich erkläre die Musik, lade den Hörer ein, sich vorzubereiten und schaffe es so, die Bereitschaft zum hören zu öffnen. Das hat nicht im Geringsten mit Mystik zu tun, sondern mit meiner Arbeit als Musiker im experimentalen Bereich.
Also doch ein Exzentriker?
Nein, ich muss mich nicht mehr vor anderen - und vor allem mir - nichts mehr behaupten. Ich glaube, das ist der Punkt.
Wie meinen Sie das?
Schauen Sie, ich habe jahrelang gesucht. Kennen Sie das Gefühl? Sie wissen etwas ist da, und sie finden es nicht. Nirgends finden sie das Gesuchte und Sie wissen aber, dass es existiert. Irgendwo da draussen. Ich habe die Musik, die ich wollte, aber nicht gefunden. Also hab ich sie selber gemacht. Ich habe mir mein Tonus Labor eingerichtet, habe meine eigene Musik gespielt, habe experimentiert, habe mich ausgetauscht. Klar ich wurde auch belächelt und schubladisiert…
Jetzt sind Sie ein Meister!
Bin ich das? Ich glaube nicht.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich vergleiche das nun einmal mit dieser Huygens-Sonde: Der Kerl ist vor Jahren los geflogen in eine andere Welt und wurde selbst von NASA Leuten belächelt. Was nützt uns als Gesellschaft da ein fliegendes Ding, haben wir uns gefragt. Reichlich wenig…
…wirklich?
Eben! Huygens gibt unserer Gesellschaft Impulse, abgesehen von technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften. Es gibt uns philosophische und gesellschaftliche Impulse. Neue Sounds, neue Gedanken, dadurch ein neues Verständnis. Vielleicht nicht in unserer Generation, aber bei unseren Kindern. Visionen wie eine Huygens-Sonde, ein vielleicht dummes Beispiel, hat Einfluss auf die Kultur. Sie, Don Li, stehen eben auch weit vorne. Da, wo die Gesellschaftsmusik aufhört, da beginnen sie. Sie kreieren mit Ihrer Musik das Verständnis der Gesellschaft von morgen.
Wenn Sie das so sagen, kann ich das akzeptieren. Ja, ich bin vorne. Ich kreiere, ich bin aktiv am Suchen, ich kann nicht stehen bleiben, auch wenn ich dabei gut Geld verdienen könnte.
Das ist das Los, das Sie tragen.
Ich kann nicht anders. Ich würde mich selber töten, wenn ich des Geldes wegen meine Forschungen unterbinden würde. Viele Musiker haben das gemacht. Sie waren innovativ, sie waren on the edge und haben sich blenden lassen von den vollen Konzertsälen.
Reizt Sie das grosse Geld nicht?
Ich brauche Geld zum Überleben, um meine Versicherungen zu bezahlen und meinen Kühlschrank zu füllen. Wissen sie, es liegt noch so viel in meinen Händen. Ich habe noch so viel zu tun. Ich will da weiter gehen. Die Musik und das ganze daraus resultierende Gebilde sind unerschöpflich.
Wissen Sie was? Vielleicht spielt man Sie in fünfzig Jahren im Stadttheater Bern und alle finden das modern.
Ja, wer weiss. Davon werde ich auch nicht viele Kühlschränke füllen können. Im Moment geht es aber, neben dem Kühlschrank füllen, auch um die Entwicklung einer Sprache für meine Musik.
Wie darf ich das verstehen?
Ich arbeite viel mit dem Streich-Quartett und mit anderen Musikern. Das sind traditionelle Instrumente, Holzinstrumente, Blasinstrumente, Geige. Um einem klassischen Orchester zu vermitteln, was in meinem Kopf an Klangvorstellung herrscht, reichen die traditionellen Ausdrücke, die in der Klassik Verwendung haben, nicht mehr aus. Erklären Sie einem klassischen Orchester mal die Klangfarben in ihrem Kopf. Sounds, die es als Sprache noch nicht gibt.
Das sind Ausflüge auf fremde Monde. Vorstellungen zu benennen und sprachlich begreiflich zu machen für die es keine Worte gibt… Wie erklären Sie denn ihre Klangvorstellungen den Musikern?
Ich habe die Sprache noch nicht entwickelt. Es ist wirklich nicht ganz einfach. Im Moment mit Beschreibungen, oder Umschreibungen. Ich habe gemerkt, dass die Beschreibungen mehr mit einem Gefühl zu tun haben. Ein Adagio zum Beispiel ist jedem Musiker absolut klar. Das klingt so und nicht anders. Erklären sie aber mal den Klang einer aalglatten Fläche. Da kommen sie ins Rutschen.
Können sie das in Bern erreichen? Ich meine, da sind die Forschungsressourcen doch recht begrenzt oder?
Ja, Sie haben zum Teil Recht. Bern hat schon Ressourcen. Gute Musiker, absolut interessante Künstler, die sich weit vorwagen und mit ihnen arbeiten wir zusammen. Doch jetzt darf ich nicht stehen bleiben. Das Tonus Labor wird nach Manhattan New-York gezügelt und ich gehe natürlich mit. Darauf freu ich mich sehr. Da, in N.Y. ist ein noch grösserer Pool an Forschungsmöglichkeiten, ein gutes Netzwerk und eine breitere Austauschmöglichkeit, die meine Arbeit vorantreiben wird.
Was heisst das. Gute Nacht Tonus Labor Bern?
Das Tonus Musiklabor werde ich in beste Hände legen. Das Tonus Labor Bern wird es weiterhin geben, aber es jetzt Zeit mich wieder zu bewegen.
Don Li, Sie zu treffen war eine grosse Bereicherung... herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Reise in die Qualität des Klanges.
Don Li & Tonus Music labor
Don Li wurde 1971 in Bern geboren. Mit 16 Jahren schrieb er erste eigene, repetitive Kompositionen und befasste sich intensiv mit den Strukturen der Jazzmusik. Seit seinem 17. Lebensjahr lebt Don Li ausschließlich von der Musik. Don Li wirkte als Saxophonist, Klarinettist, Komponist und später als Produzent auf über 20 CDs und spielte mit unzähligen international renommierten Musikern.
1993 gründete er das für seine Arbeit Grundstein bildende Trio TONUS. Der Klangkörper diente dem Komponisten zur Entwicklung seiner musikalischen Intentionen. Die Gruppe wuchs bald zum Quartett und zum Quintett heran, mit dem neben minimalistisch, repetitiven Strukturen das Erforschen und Erreichen grösstmöglicher Fingerfertigkeit und vertrackter Rhythmen im Zentrum standen. Ab 1996 veröffentlichte er insgesamt vier Tonträger, wovon "Suun" 1998 zu den best verkauften Schweizer Jazz CDs gehörte.
TONUS-MUSIC ist ein musikalisches und kompositorisches Konzept der Reduktion und Repetition. Dabei interessieren Don Li Elemente der Metrik, der Verzahnung des Gleichgewichts von rhythmischen Strukturen in Kombination mit musikalischer Askese und Meditation. Bislang schrieb er unter diesem sich ständig weiterentwickelnden Konzept über siebzig Kompositionen die er seit 1993 laufend durchnummeriert und mit japanischen Haikus vergleicht.
Im Jahr 2000 gründete Don Li zur Vertiefung und Entwicklung von TONUS-MUSIC, das TONUS-MUSIC LABOR in Bern. Seither arbeitete er dort mit über 80 Konzerten, von tibetischen Mönchen zur Butho Tänzerin bis zu indischen Meistern, und MusikerInnen wie Ania Losinger.
Die Entwicklungen aus dem Labor bezeichnet er als TONUS-MUSIC LABOR RESEACH RESULTS und spielte im Januar 2002 unter diesem Namen am Jazzfestival Bern ein fünfstündiges Marathon-Konzert mit wechselnden Formationen. Das Konzert wurde vom Schweizer Fernsehen für 3Sat und vom Radio DRS2 aufgezeichnet.
2002 gewann Don Li das New York Stipendium des Kantons Bern.
Mit der dort entstandenen 60 Minuten Surround-Komposition "THE LONGEST JOURNEY", das binnen 6 Stunden zwischen Video-Installation und live gespielter Komposition hin und her spielt, bestätigt sein Interesse an zeitgenössischer Konzeptkunst und wurde im 2003 in der Diapason Gallery in N.Y. uraufgeführt.
Darauf folgte am 1.Mai 2003 die erfolgreiche Uraufführung des 60 Minuten Werkes "TONUS-MUSIC". Die erste Komposition der Welt für Sinfonie Orchester und Xala.
Im August 2003 präsentierte Don Li am Jazzfestival Willisau seine neuste 60 Minuten Surround-Komposition "TIME-EXPERIENCE" und setzte damit für Willisau technisch und konzeptionell neue Maßstäbe.
Zurzeit arbeitet Don Li an einer neuen Umsetzung von Steve Reichs Komposition "Different Trains" aus dem Jahre 1988.
sfux - 26. Jan, 20:18 Article 1393x read
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