Karadzic: Medien auf Entenjagd
World Content News - Gefälschte Webseiten, doppelte Wunderheiler: Das Riesen-Verwirrspielrad auf dem bosnischen Jahrmarkt dreht sich weiter. Begierig saugten die Medien bisher alle Neuigkeiten unhinterfragt auf, die ihnen im Fall des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadžić unter die Nase gehalten wurden. Jetzt stellt sich raus: Die Wirklichkeit ist manchmal doch etwas komplizierter.
Beim Bart der Mainstream-Presse, was mussten wir uns dieser Tage über diesen Dragan Dabic alles hinter die Binde gießen: Eine eigene Webseite hätte der getarnte Wunderheiler geführt, von der die Medien sich ausgiebig bedienten, und die sich bald darauf als Fälschung herausstellte.
Der echte Dabic war zuerst tot, dann plötzlich lebte er wieder.
Dann soll sich sein Namensdieb Karadzic monatelang unbehelligt in Wien aufgehalten haben, und siehe da - auf einmal hat er auch noch einen "Doppelgänger, der ihm 1000-prozentig ähnlich sieht". Nur der Zopf verrät die Zwillingskopie.
Doppelgänger Petar Glumac: Karadzic stahl mein Leben (Reuters)
Es riecht förmlich nach einer gesteuerten und gezielten Desinformationskampagne. Hat man denn schon mal überprüft, ob denn auch wirklich der "richtige" Karadzic im Gefängnis sitzt?
Nur für eine kleine mögliche Sensation ist dieser Tage kein Platz: Der ehemalige Serbenführer R.K. soll eine auf den 5. Mai 1996 datierte Verpflichtungserklärung (WCN berichtete) unterschrieben haben, die ihm beim Ruhen aller politischen Aktivitäten sechs Jahre lang Unantastbarkeit garantierte und ihm darüber hinaus von den USA als kleines Dankeschön für die Wegzehrung noch 600.000 Dollar versprochen wurde.
Heißt - wenn dieses Dokument, das auf der Web-Seite eines kroatischen Journalisten auftauchte, der in Den Haag wegen Geheimnisverrats angeklagt wurde, echt sein sollte (deutsche Übersetzung hier), dann wurde die Öffentlichkeit jahrelang belogen und die vermeintliche Jagd auf Karadzic war nur eine Show.
Dann wäre der ehemalige Balkan-Vermittler Richard Holbrooke, dessen angebliche Unterschrift das Dokument ziert, ein Heuchler ("Die Verzögerung von mehr als zwölf Jahren ist eine unentschuldbar lange Zeit"), dass sich die Balken biegen.
Berechtigte Zweifel sind in der Presse vereinzelt immer wieder aufgetaucht, hier einige Zitate:
Louise Arbour wusste, dass der Westen während der Kosovo-Krise nichts unternehmen würde, um Karadžić wiederzufinden. Sie versuchte, mit Karadžić auszuhandeln, dass er sich freiwillig stellt. ...
Jedes Mal, wenn wir ihn genau geortet hatten und die Informationen an die Nato-Kräfte weitergaben, hat die Nato nichts unternommen. (Florence Hartmann, DIE ZEIT)
Alle Welt fahndet nach Radovan Karadžić. Obwohl der bosnisch-serbische Expräsident und Kriegsverbrecher viele Spuren hinterlässt, wird er nicht gefunden. Warum? Marc Wiese, DIE ZEIT)
"Karadzic hat Vertrag mit USA"
Banja Luka. Zwischen dem als Kriegsverbrecher gesuchten bosnisch-serbischen Ex-Präsidenten Radovan Karadzic und US-Balkan-Vermittler Richard Holbrooke gebe es eine Vereinbarung, wonach Karadzic nicht an das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal ausgeliefert wird. Ein entsprechendes, seit vielen Jahren kursierendes Gerücht, hat der Ex-Premier der Republika Srpska, Gojko Klickovic, jetzt bestätigt.
Karadzic habe sich im Gegenzug verpflichten müssen, aus der Politik auszusteigen, so Klickovic. Das Abkommen sei exakt am 19. Juli 1996 unterzeichnet worden, so Klickovic gegenüber der in Banja Luka erscheinenden Zeitschrift "Fokus". (Wiener Zeitung, 12.04.2007)
Holbrooke kann sich immerhin auch heute noch erinnern:
Gerüchte, es habe seinerzeit eine persönliche Abmachung zwischen ihm und Karadzic gegeben, den Serbenführer bei einem Rückzug aus der Politik von einer Strafverfolgung in Den Haag zu verschonen, wies Holbrooke zurück. "Das sind Lügen, die ich nicht länger kommentiere." (SPIEGEL ONLINE, 26.07.2008)
Was nun davon wahr ist? Auf jeden Fall eines: Journalisten lassen sich bei ihrer Entenjagd nur ungern stören. Deswegen wird das besagte Fundstück, ob echt oder nicht, nur schwer seinen Weg in die Presse finden.
Related News:
Ashdown: Bosnien könnte schon bald zerfallen
(Tagesanzeiger, 27.07.2008)
Angebliche Karadzic-Homepage gefälscht
(ZDF, 24.07.2008)
"Blic": Die Stimme verriet ihn
(Der Standard, 27.07.2008)
Heiler in Wien war Doppelgänger Karadzics
(diepresse.com, 27.07.2008)
Radikale drohen Serbiens Präsidenten mit Tod
(ftd.de, 27.07.2008)
No Karadzic transfer before Wednesday: lawyer
(AFP, 27.07.2008)
Freundin von Karadzic-Dabic will Medien verklagen
(net-tribune.de, 27.07.2008)
Dieser Artikel erschien erstmalig bei World Content News
Beim Bart der Mainstream-Presse, was mussten wir uns dieser Tage über diesen Dragan Dabic alles hinter die Binde gießen: Eine eigene Webseite hätte der getarnte Wunderheiler geführt, von der die Medien sich ausgiebig bedienten, und die sich bald darauf als Fälschung herausstellte.
Der echte Dabic war zuerst tot, dann plötzlich lebte er wieder.
Dann soll sich sein Namensdieb Karadzic monatelang unbehelligt in Wien aufgehalten haben, und siehe da - auf einmal hat er auch noch einen "Doppelgänger, der ihm 1000-prozentig ähnlich sieht". Nur der Zopf verrät die Zwillingskopie.
Doppelgänger Petar Glumac: Karadzic stahl mein Leben (Reuters)
Es riecht förmlich nach einer gesteuerten und gezielten Desinformationskampagne. Hat man denn schon mal überprüft, ob denn auch wirklich der "richtige" Karadzic im Gefängnis sitzt?
Nur für eine kleine mögliche Sensation ist dieser Tage kein Platz: Der ehemalige Serbenführer R.K. soll eine auf den 5. Mai 1996 datierte Verpflichtungserklärung (WCN berichtete) unterschrieben haben, die ihm beim Ruhen aller politischen Aktivitäten sechs Jahre lang Unantastbarkeit garantierte und ihm darüber hinaus von den USA als kleines Dankeschön für die Wegzehrung noch 600.000 Dollar versprochen wurde.
Heißt - wenn dieses Dokument, das auf der Web-Seite eines kroatischen Journalisten auftauchte, der in Den Haag wegen Geheimnisverrats angeklagt wurde, echt sein sollte (deutsche Übersetzung hier), dann wurde die Öffentlichkeit jahrelang belogen und die vermeintliche Jagd auf Karadzic war nur eine Show.
Dann wäre der ehemalige Balkan-Vermittler Richard Holbrooke, dessen angebliche Unterschrift das Dokument ziert, ein Heuchler ("Die Verzögerung von mehr als zwölf Jahren ist eine unentschuldbar lange Zeit"), dass sich die Balken biegen.
Berechtigte Zweifel sind in der Presse vereinzelt immer wieder aufgetaucht, hier einige Zitate:
Louise Arbour wusste, dass der Westen während der Kosovo-Krise nichts unternehmen würde, um Karadžić wiederzufinden. Sie versuchte, mit Karadžić auszuhandeln, dass er sich freiwillig stellt. ...
Jedes Mal, wenn wir ihn genau geortet hatten und die Informationen an die Nato-Kräfte weitergaben, hat die Nato nichts unternommen. (Florence Hartmann, DIE ZEIT)
Alle Welt fahndet nach Radovan Karadžić. Obwohl der bosnisch-serbische Expräsident und Kriegsverbrecher viele Spuren hinterlässt, wird er nicht gefunden. Warum? Marc Wiese, DIE ZEIT)
"Karadzic hat Vertrag mit USA"
Banja Luka. Zwischen dem als Kriegsverbrecher gesuchten bosnisch-serbischen Ex-Präsidenten Radovan Karadzic und US-Balkan-Vermittler Richard Holbrooke gebe es eine Vereinbarung, wonach Karadzic nicht an das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal ausgeliefert wird. Ein entsprechendes, seit vielen Jahren kursierendes Gerücht, hat der Ex-Premier der Republika Srpska, Gojko Klickovic, jetzt bestätigt.
Karadzic habe sich im Gegenzug verpflichten müssen, aus der Politik auszusteigen, so Klickovic. Das Abkommen sei exakt am 19. Juli 1996 unterzeichnet worden, so Klickovic gegenüber der in Banja Luka erscheinenden Zeitschrift "Fokus". (Wiener Zeitung, 12.04.2007)
Holbrooke kann sich immerhin auch heute noch erinnern:
Gerüchte, es habe seinerzeit eine persönliche Abmachung zwischen ihm und Karadzic gegeben, den Serbenführer bei einem Rückzug aus der Politik von einer Strafverfolgung in Den Haag zu verschonen, wies Holbrooke zurück. "Das sind Lügen, die ich nicht länger kommentiere." (SPIEGEL ONLINE, 26.07.2008)
Was nun davon wahr ist? Auf jeden Fall eines: Journalisten lassen sich bei ihrer Entenjagd nur ungern stören. Deswegen wird das besagte Fundstück, ob echt oder nicht, nur schwer seinen Weg in die Presse finden.
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(AFP, 27.07.2008)
Freundin von Karadzic-Dabic will Medien verklagen
(net-tribune.de, 27.07.2008)

sfux - 28. Jul, 19:06 Article 2330x read