Warum schreiben und nicht töten?
Nicht nur an der Themse, sondern von Arosa bis Weinfelden wird gemordet, verbrochen, geschwindelt und betrogen, kräftig gefeuert und einiges gerächt. Wie sollte es denn anders sein, auch in der Schweiz klaffen die Abgründe verworrener Psychen tief, führen zu erschreckenden Handlungen und beweisen: Schweizer Krimi ist gut.

Grösster literarischer Anschlag den die Schweiz je erlebte
Schweizer Krimi wird Salonfähig. Um es spitz auf den Punkt zu bringen: schreiben macht offensichtlich mehr spass als töten. Dies demonstrieren die zwei neuen Bücher von und mit Paul Ott, dem Berner Hauptverdächtigen für Kriminalroman Liebhaber und dem Initiator der Mordstage 2005. Eine Leseveranstaltung in 16 verschiedenen mittelgrossen Schweizer Städten. Krimis mit Bezug zum Ort, das Verbrechen in ihrer Nachbarschaft.
Obwohl die Mordstage noch nicht ganz vorbei sind, ein Delikt steht in der Thalwiler Mordsnacht vom 3. September noch aus, zieht Paul Ott durchaus positive Bilanz. Und in der Tat, man staune: in den 15 bisher erfolgten Lesungen wurden 1680 Personen (lebende) gezählt. Und das Netto, also ohne kumulierte Schummler. Dies ist der flächendeckend grösste literarische Anschlag den die Schweiz je erlebte, mit durchschnittlich 112 Besuchern ein Erfolg den die Beobachter von den Medien, den Verlagen und selbst Ott verblüfft hat.
Otts Arbeit hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die schreibenden Kriminalisten nicht mehr im Schatten ihrer Selbst bewegen müssen und, der Erfolg tut gut, hat ihn über die schlaflosen Nächte und stressvollen Tage vergessen lassen. Er munkelt sogar von weiteren Mordstagen. Paul Ott als Einzeltäter abzustempeln, würde ihm und den Mordstagen selbstverständlich nicht gerecht werden. Spräche man von Bandentum, wäre dies sicher zutreffender: Gemeinden, Vereine und Kulturkommissionen, Autoren und Autorinnen haben mit ihren Finstrigkeiten zum grossen Coup beigetragen. Ohne ihre tatkräftige Hilfe wären die Mordstage Schweiz nicht so glatt über die Bühne gegangen.
Mit ihren Kurzkrimis entstand auch „Tatortschweiz“, eine Sammlung krimineller Geschichten, herausgegeben von Ott. Jene Geschichten, die in den Städten gelesen wurden. Mit ihren Texten zeigen die AutorInnen die erstaunliche Vielfalt der Deutschschweizer Krimi - Literatur mit so viel Ortsgenauigkeit und Aktualität wie nie zuvor in der Deutschschweizer Krimiszene auf.
Da Kriminalliteratur von der öffentlichen Kulturförderung und von der Kritik oft herablassend behandelt wird, müssen sich die Autoren selber zu helfen wissen, auch wenn das im „literarischen Kalender“ nicht wahrgenommen wird. Nebenbei gemerkt, verbindet sich hier ein Phänomen, das auch der schottische Schriftsteller und ensuite kulturmagazin Gastautor Donal McLaughlin im Interview erklärte: „Locker. So sollte Literatur sein. Öffentlich. Zugänglich. Literatur ist lebendig, darauf kommt es an.“ Siehe hierzu ensuite kulturmagazin Nr 9 2004. Ein ähnliches Prinzip verfolgten die Kriminalautoren: Das Attentat kommt zum Publikum und das wird vom Publikum offensichtlich auch in der Schweiz hoch goutiert. Dazu kommt, dass für viele Menschen – insbesondere Jugendliche – Unterhaltungsliteratur den Einstieg in die Welt des Lesens überhaupt bedeutet. Der Krimi ist die Einstiegsdroge par excellence. Insofern haben die „Mordstage“ eine wichtige Aufgabe im Literaturbetrieb die nicht zu unterschätzen ist.
Nebst dem zu den Mordstagen begleitenden Buch „Tatortschweiz“, erschien auch „Mord im Alpenglühen“, eine erstmals umfassend präsentierte Geschichte und Erklärung der Schweizer Kriminalliteratur zusammengestellt von… Paul Ott. Ein Lese – Wissens Buch, das in jedes Lesezimmer gehört dessen sich eines Kriminalliebhabers erfreut. Das Buch, eine Sammlung aus frühen Gerichtsreportagen und Verbrechensberichten um 1800 bis zur heutigen Vielfalt fiktiver Kriminalromane liefert eine fundierte, beinahe vergessen gegangene Enzyklopädie des literarischen Verbrechens in der Schweiz. Die furchtbar fruchtbare Wechselwirkung zwischen einheimischen und ausländischen Autoren sowie zwischen Literatur und Film werden dargestellt, ergänzt durch Stefan Brockhoffs "Zehn Gebote für den Kriminalroman" und die darauf von Friedrich Glauser verfasste Antwort. Exemplarisch sichtbar wird die letztlich gescheiterte Existenz von Glauser in „Matto regiert", wo Wachtmeister Studer, der behäbige, Brissago rauchende Kommissär der Berner Kantonspolizei, Ordnung in das Leben der Menschen bringt. Dürrenmatt übernimmt Glausers Konzept mit seinen drei Kriminalromanen aus den Fünfzigerjahren und seinem Kommissär Bärlach, bis hin zu Sam Jauns Abgründe der beschaulichen Provinz.
Interessant ist die Ausführung zu den welschen KollegInnen. Sie kennt man in der Deutschschweiz relativ schlecht und sie verfügen offensichtlich nur über eine lose Kriminal - Autorenszene. Leider wurden bisher wenige der französischen Werke übersetzt, die Schriftsteller sind aber nicht ohne, zeigen eine differenziert andere Schreibform, sind schneller im Erzählstil und kosmopolitischer. Mit Jean-Jacques Busino, Autor von „romans noirs“ schliesst „Mord im Alpenglühen“ ab. Busino bewegt sich auf musikalischem und philosophischem Gebiet ebenso gewandt, wie in der verlorenen Psyche, wenn er das langsame abgleiten seines Pommard in den düstersten Abgrund skizziert: Er masturbiert vor dem Bildschirm mit Fotos von Leichen zur Musik von Frank Zappa. Und das ist erst der Anfang… Schweizer Krimi wird in Zukunft wieder gelesen werden.

Grösster literarischer Anschlag den die Schweiz je erlebte
Schweizer Krimi wird Salonfähig. Um es spitz auf den Punkt zu bringen: schreiben macht offensichtlich mehr spass als töten. Dies demonstrieren die zwei neuen Bücher von und mit Paul Ott, dem Berner Hauptverdächtigen für Kriminalroman Liebhaber und dem Initiator der Mordstage 2005. Eine Leseveranstaltung in 16 verschiedenen mittelgrossen Schweizer Städten. Krimis mit Bezug zum Ort, das Verbrechen in ihrer Nachbarschaft.
Obwohl die Mordstage noch nicht ganz vorbei sind, ein Delikt steht in der Thalwiler Mordsnacht vom 3. September noch aus, zieht Paul Ott durchaus positive Bilanz. Und in der Tat, man staune: in den 15 bisher erfolgten Lesungen wurden 1680 Personen (lebende) gezählt. Und das Netto, also ohne kumulierte Schummler. Dies ist der flächendeckend grösste literarische Anschlag den die Schweiz je erlebte, mit durchschnittlich 112 Besuchern ein Erfolg den die Beobachter von den Medien, den Verlagen und selbst Ott verblüfft hat.
Otts Arbeit hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die schreibenden Kriminalisten nicht mehr im Schatten ihrer Selbst bewegen müssen und, der Erfolg tut gut, hat ihn über die schlaflosen Nächte und stressvollen Tage vergessen lassen. Er munkelt sogar von weiteren Mordstagen. Paul Ott als Einzeltäter abzustempeln, würde ihm und den Mordstagen selbstverständlich nicht gerecht werden. Spräche man von Bandentum, wäre dies sicher zutreffender: Gemeinden, Vereine und Kulturkommissionen, Autoren und Autorinnen haben mit ihren Finstrigkeiten zum grossen Coup beigetragen. Ohne ihre tatkräftige Hilfe wären die Mordstage Schweiz nicht so glatt über die Bühne gegangen.
Mit ihren Kurzkrimis entstand auch „Tatortschweiz“, eine Sammlung krimineller Geschichten, herausgegeben von Ott. Jene Geschichten, die in den Städten gelesen wurden. Mit ihren Texten zeigen die AutorInnen die erstaunliche Vielfalt der Deutschschweizer Krimi - Literatur mit so viel Ortsgenauigkeit und Aktualität wie nie zuvor in der Deutschschweizer Krimiszene auf.
Da Kriminalliteratur von der öffentlichen Kulturförderung und von der Kritik oft herablassend behandelt wird, müssen sich die Autoren selber zu helfen wissen, auch wenn das im „literarischen Kalender“ nicht wahrgenommen wird. Nebenbei gemerkt, verbindet sich hier ein Phänomen, das auch der schottische Schriftsteller und ensuite kulturmagazin Gastautor Donal McLaughlin im Interview erklärte: „Locker. So sollte Literatur sein. Öffentlich. Zugänglich. Literatur ist lebendig, darauf kommt es an.“ Siehe hierzu ensuite kulturmagazin Nr 9 2004. Ein ähnliches Prinzip verfolgten die Kriminalautoren: Das Attentat kommt zum Publikum und das wird vom Publikum offensichtlich auch in der Schweiz hoch goutiert. Dazu kommt, dass für viele Menschen – insbesondere Jugendliche – Unterhaltungsliteratur den Einstieg in die Welt des Lesens überhaupt bedeutet. Der Krimi ist die Einstiegsdroge par excellence. Insofern haben die „Mordstage“ eine wichtige Aufgabe im Literaturbetrieb die nicht zu unterschätzen ist.
Nebst dem zu den Mordstagen begleitenden Buch „Tatortschweiz“, erschien auch „Mord im Alpenglühen“, eine erstmals umfassend präsentierte Geschichte und Erklärung der Schweizer Kriminalliteratur zusammengestellt von… Paul Ott. Ein Lese – Wissens Buch, das in jedes Lesezimmer gehört dessen sich eines Kriminalliebhabers erfreut. Das Buch, eine Sammlung aus frühen Gerichtsreportagen und Verbrechensberichten um 1800 bis zur heutigen Vielfalt fiktiver Kriminalromane liefert eine fundierte, beinahe vergessen gegangene Enzyklopädie des literarischen Verbrechens in der Schweiz. Die furchtbar fruchtbare Wechselwirkung zwischen einheimischen und ausländischen Autoren sowie zwischen Literatur und Film werden dargestellt, ergänzt durch Stefan Brockhoffs "Zehn Gebote für den Kriminalroman" und die darauf von Friedrich Glauser verfasste Antwort. Exemplarisch sichtbar wird die letztlich gescheiterte Existenz von Glauser in „Matto regiert", wo Wachtmeister Studer, der behäbige, Brissago rauchende Kommissär der Berner Kantonspolizei, Ordnung in das Leben der Menschen bringt. Dürrenmatt übernimmt Glausers Konzept mit seinen drei Kriminalromanen aus den Fünfzigerjahren und seinem Kommissär Bärlach, bis hin zu Sam Jauns Abgründe der beschaulichen Provinz.
Interessant ist die Ausführung zu den welschen KollegInnen. Sie kennt man in der Deutschschweiz relativ schlecht und sie verfügen offensichtlich nur über eine lose Kriminal - Autorenszene. Leider wurden bisher wenige der französischen Werke übersetzt, die Schriftsteller sind aber nicht ohne, zeigen eine differenziert andere Schreibform, sind schneller im Erzählstil und kosmopolitischer. Mit Jean-Jacques Busino, Autor von „romans noirs“ schliesst „Mord im Alpenglühen“ ab. Busino bewegt sich auf musikalischem und philosophischem Gebiet ebenso gewandt, wie in der verlorenen Psyche, wenn er das langsame abgleiten seines Pommard in den düstersten Abgrund skizziert: Er masturbiert vor dem Bildschirm mit Fotos von Leichen zur Musik von Frank Zappa. Und das ist erst der Anfang… Schweizer Krimi wird in Zukunft wieder gelesen werden.
- Das Buch zu den "Mordstagen 2005", das alle dafür geschriebenen Kurzkrimis sammelt:
Paul Ott (Hrsg.): Tatort Schweiz – ISBN 3-85791-477-7 – Limmat Verlag
- Paul Ott: Mord im Alpenglühen. Der Schweizer Kriminalroman – Geschichte und Gegenwart – ISBN 3-935421-14-1 – NordPark Verlag – Reihe KrimiKritik
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sfux - 26. Apr, 09:31 Article 1974x read