Anchesenpaaton – Frau am Rande der Zeit
Eine ungewöhnliche Laune der Natur bringt bisweilen immer wieder seltsame Verknüpfungen und Kuriositäten zutage. Eine dieser Kuriositäten ist eine knapp 20 Zeilen umfassende Zeitungsnotiz der „Herald Tribune“ vom 24. Februar 1998. Sie bezieht sich auf eine in der „Chicago Herald“ aus dem Jahre 1923 beschriebenes Dinner: „Frau Edith Rockefeller McCormick ist die Reinkarnation der ersten Frau von Tutenchamun, die sich an einem Dinner in Chicago offenbarte und in Zürich, wo sie längere Zeit lebte, Psychoanalytik studierte.“

Ungewöhnliche Laune der Natur
Die ungewöhnliche Laune ist, dass Frau Rockefeller noch vor der Entdeckung des Grabes ihres Ex Mannes Tutenchamun durch das Team Carter/Carnarvon etliches „Insiderwissen“ von sich gab. Eine Kuriosität die, selbst wenn es Legende bleibt, spannend genug war zu verfolgen. Edith Rockefeller ist nicht irgendjemand, sondern die Tochter von John D. Rockefeller, dem Gründer der Standard Oil und die Schwester von John D. Rockefeller Junior, einer der einflussstärksten Männern und Philanthrop seiner Zeit. Edith Rockefeller lebte in den Jahren 1872 – 1932. Um es gleich vorweg zu nehmen, in den Archiven der Rockefeller Familie und des C.G. Jung Institutes in Zürich ließen sich keine Dokumente finden, die das Protokoll zwischen Jung und Edith Rockefeller festhielt. Trotzdem: Synchronizität, eines der Jungschen Forschungsgebiete, haftet wie ein Schatten an Edith Rockefeller und Anchesenpaaton, der Tochter von Echnaton und junge Gemahlin des Tutenchamun.

Im Keller links war der Boxring, die Schätze wurden in Tage langer Arbeit akribisch sortiert, nummeriert und katalogisiert.
Szenenwechsel. Im Keller einer alten Villa am Ufer des Vierwaltstätersees in Luzern tun sich seltsame Dinge. Im Keller links war der Boxring, im anderen stapelten sich Sarkophage, Köpfchen, Figuren aus Fayence, mumienförmige Totenfiguren, Genreszenen auf Stein, Goldschmuck und Behälter in wunderlicher Schönheit. Die Schätze wurden in Tage langer Arbeit akribisch sortiert, nummeriert und katalogisiert. Die faszinierende Welt des Vergangenen, die 18. Dynastie der großen Könige aus Ägypten, die sich hier im Herzen der Schweiz in einem Keller ausbreitete. Ein faszinierender Moment. Unzählige Geschichten über Schmuggler, Pharaonen, Archäologen und über verschlungene Wege der Schätze hörte man, ab und an kamen Besucher, dessen Namen man nie erfuhr. Stunden und Aberstunden von Arbeit… kurzum: Es war die prickelnde Leidenschaft. Die gleiche Szene spielt sich im Tresorraum der Luzerner Kantonalbank ab. Dies war die bedeutenste Sammlung ägyptischer Kunst in privatem Besitz. Nach wochenlanger Arbeit kam die Lohnfrage: Geld oder Naturalien…? …“Naturalien!“ Man durfte wählen.
Die Kombination und die daraus resultierende Frage kam aber erst viel später nach der Lektüre des kuriosen Artikels in der „Herald Tribune“: Hielt denn nun jemand Edith Rockefellers Abbild als Frau von Tutenchamun in Form von Lohn in den Händen? Wer war die Frau des rätselhaften Pharao? Wer war Edith Rockefeller?

„Können sie etwas sehen?“ fragte der Geldgeber Lord Carnarvon. „Ja“ antwortete Carter, „…wundersame Dinge!“
Szenenwechsel. Es war gegen 15 Uhr am 26. November 1922, als, nach Beseitigung der Schuttmassen achteinhalb Meter vor dem Eingangsportal entfernt, eine zweite versiegelte Tür sichtbar wurde. Carters Hände zitterten. Seit 15 Jahren ist der nicht anerkannte Archäologe auf der Suche nach dem verschollenen König, seit 15 Jahren verheizte er die Gelder seines Bosses, ohne den Erfolg seines Traumes erfüllt zu haben: Den vergessenen König. Tutenchamun. Jetzt hatte er seine allerletzte Chance, eine weitere bekäme er nicht. Sein Geldgeber stand hinter ihm wie schon so viele Male vorher, als sie an den vielen anderen Grabstätten immer wieder enttäuscht den Kopf schütteln mussten. Sie waren wohl der Verzweiflung nahe. „Können sie etwas sehen?“ fragte der Geldgeber Lord Carnarvon. „Ja“ antwortete Carter, „…wundersame Dinge!“ Am 30. November 1922 berichtet der Korrespondent Arthur Merton in der Londoner „Times“ über den ägyptischen Schatz. Der verlorene König war entdeckt und mit ihm die Geschichte von Anchesenpaaton, seiner Frau. Die Londoner „Times“ feierte seine Lordschaft Carnarvon als den großen Entdecker. Eine Tutenchamun-Manie brach in England aber auch in Amerika aus.
Dem Land der Rockefellerdynastie. Sie, das ist wohl unbestritten, waren seinerzeit wohl die Könige Amerikas. Öl und damit die Standard Oil war zu einem starken Faktor geworden. Das ist aber nicht das Einzige, für was Rockefeller stand. Rockefeller stand auch als ganz großer Kunstförderer und Mitgründer der wichtigsten Kunsthäuser und Institutionen ganz vorne da, genau wie Edith Rockefeller, die zum Beispiel das Art Institute of Chicago und die Chicago Grand Opera Company mitfinanzierte.
John D. Rockefeller Junior war bereits seit 1902 einer der ganz großen Förderer ägyptischer Expeditionen und den Kunsthäusern, die ägyptische Schätze der Öffentlichkeit zugänglich machten. 1919 eröffnete er das Oriental Institute an der University of Chicago. Der charismatische Ägyptologe James Breasted, einer der führenden Persönlichkeiten seiner Zunft, handelte im Auftrag von Rockefeller Junior. Dieser Breasted sollte einer der wenigen werden zu denen Carter vertrauen fand und der ihm auch durch die komplizierten Institutionen in Kairo half. Für die Graböffnung von Tutenchamun hat Breasted eigens die Rockefellers eingeladen, die aber mussten absagen. Konsequenterweise war es Breasteds Idee, für die Schätze aus dem Tutenchamun Grab ein neues, großartiges Museum zu bauen. Rockefeller Junior akzeptierte. Im Oktober 1925 reiste Breasted mit Plänen und Broschüren und 10 Millionen US Dollar von Rockefeller zu König Fuad. Das Projekt scheiterte offensichtlich am Widerstand der Britten, die ihren Einfluss in der Region schwinden sahen.

C.G. Jung: Synchronizität haftet wie ein Schatten
Szenenwechsel: Edith Rockefeller begab sich, nachdem ihre beiden Söhne an Scharlach gestorben waren, 1913 nach Zürich in psychologische Behandlung. Genau: Zu Carl Gustav Jung. Eine seltsame Parallele: Im Grab des jungen Königs Tutenchamun fand man zwei mumifizierte Föten, von denen eines nach dem 5. Schwangerschaftsmonat zu früh geboren wurde, das andere Baby nach dem 7. oder 8. Monat. Sie waren wahrscheinlich die leiblichen Kinder des jungen Königspaares. Die beiden Föten verschwanden auf rätselhafte Weise in Kairo.

James Joyce: Mit dem Puls der Zeit verwoben
Von der Patientin mutierte Edith zur Studentin und zeitweiligen Analystin. Während des Krieges blieb sie in Zürich und erst 1921 kehrte sie in die Vereinigten Staaten, nach Chicago, zurück. Sie, die während ihrer Zeit in Zürich nicht nur Psychologie studierte, war, wie ihr Vater und ihr Bruder auch, von Kunst gefesselt. Sie traf und unterstützte in dieser Zeit unzählige Autoren und Maler, bis 1920 ihre Schulden in die astronomische Höhe von $ 812.000 Dollar geklettert waren. Aus Briefen mit dem Vater geht immer wieder hervor, dass er ihr in ihrer Schweizer Zeit tüchtig über die Runden half. Nicht nur er. Auch ihr Bruder half immer wieder aus. Wer weiß, vielleicht zum Glück. Denn ohne die finanzielle Unterstützung von Edith Rockefeller gebe es wohl einige wichtige Bücher nicht. Der wohl bekannteste ihrer Schützlinge war James Joyce, der Dank ihrer 18-monatigen Unterstützung sein großes Werk „Ulysses“ schuf. Sie war unweigerlich verwoben mit jenen Menschen, die am Puls der Zeit die wichtigsten Ideen moderner Kunst und Geschichte vor sich ausfalteten. Eine Aufzählung würde hier komplett überborden, aber der ganze „Kuchen“ ergibt sich aus dem angeschnittenen Stück. Für Interessierte ist sicher auch der Monte Verita interessant und die Berner Szene aus dieser Zeit…
Als Anchesenpaaton war sie die Tochter des großen Königs Echnaton (Amenophis IV) und seiner Frau Nofretete. Dann, nach dem Tod ihres Vaters, heiratete sie den minderjährigen Tutanchaton, der sich später, nach dem Restaurationskurs an den alten Reichsgott Amun, Tutanchamun nannte. Sie, Anchesenpaaton, erlebte die wohl bewegendste Zeit im ägyptischen Epos.

Rilke: Welcher Gott hielt den Atem an, damit diese Menschen um den vierten Amenophis so zu sich kamen?
Rainer Maria Rilke schrieb 1922 an Charlotte von Wedel: „Was war das für ein Moment der Windstille in der großen ägyptischen Zeit? Welcher Gott hielt den Atem an, damit diese Menschen um den vierten Amenophis so zu sich kamen? Wo, plötzlich, stammen sie her? Und wie schloss sich wieder - gleich hinter ihnen - die Zeit, die einem „Seienden“ Raum gegeben, es „ausgespart“ hatte.“ Bei Rilke findet ägyptisches Gedankengut in den im Jahre 1922 geschriebenen Duineser Elegien und der Sonette an Orpheus zu einem dichterischen Höhepunkt. Er war nicht der Einzige, der von diesem kleinen Fenster der großen Geschichtsschreibung verzaubert war. Seine Freundin Lou Andreas Salomé, die übrigens auch mit Nietzsche liiert war und deren gemeinsamer Freund Sigmund Freud oder Thomas Mann, der seinerseits tief in den Brunnen herabstieg, waren von den Mysterien verzaubert. Aber auch Okkultisten wie der Bergsteiger und Schriftsteller Aleister Crowley waren von Ägypten und insbesondere jenem kleine Zeitfenster zwischen Echnaton und Tutanchaton angetan. Es gibt Opern, Essays, Gedichte, Gedankenspiele und wahrlich Abenteuer zu entdecken. Dieses Zeitfenster war so bewegend wie die Zeit der Wirren zwischen 1900 und 1923.
Als drittälteste Tochter des Häretikers Echnaton und als Gattin von Tutenchamun hat Anchesenpaaton die Wirren einer zu Ende gehenden Epoche erlebt, die an künstlerischer Vielfalt und Grazie noch heute nachklingt. Als drittältestes Kind von J.D. Rockefeller, war Edith ebenfalls Zeuge einer untergehenden Zeit und mehr als nur Beobachterin einer neuen Ordnung. Sie war Zeuge und zum Teil auch Initiantin einer Generation von Schriftstellern, Malern, Musikern und Denkern, die unser Kunstverständnis maßgeblich geprägt haben. Erst die Entdeckung von Tutenchamuns Grab 1922 hat uns ihr Bild und ihr Leben als Königin enthüllt. Die meisten Schätze der Sammlung, die in jenem Katakomben ähnlichen Keller am Vierwaldstätersee katalogisiert wurden, fanden ihren Weg in die großen Rockefeller Museen, wo sie noch immer bestaunt werden können.

Ungewöhnliche Laune der Natur
Die ungewöhnliche Laune ist, dass Frau Rockefeller noch vor der Entdeckung des Grabes ihres Ex Mannes Tutenchamun durch das Team Carter/Carnarvon etliches „Insiderwissen“ von sich gab. Eine Kuriosität die, selbst wenn es Legende bleibt, spannend genug war zu verfolgen. Edith Rockefeller ist nicht irgendjemand, sondern die Tochter von John D. Rockefeller, dem Gründer der Standard Oil und die Schwester von John D. Rockefeller Junior, einer der einflussstärksten Männern und Philanthrop seiner Zeit. Edith Rockefeller lebte in den Jahren 1872 – 1932. Um es gleich vorweg zu nehmen, in den Archiven der Rockefeller Familie und des C.G. Jung Institutes in Zürich ließen sich keine Dokumente finden, die das Protokoll zwischen Jung und Edith Rockefeller festhielt. Trotzdem: Synchronizität, eines der Jungschen Forschungsgebiete, haftet wie ein Schatten an Edith Rockefeller und Anchesenpaaton, der Tochter von Echnaton und junge Gemahlin des Tutenchamun.

Im Keller links war der Boxring, die Schätze wurden in Tage langer Arbeit akribisch sortiert, nummeriert und katalogisiert.
Szenenwechsel. Im Keller einer alten Villa am Ufer des Vierwaltstätersees in Luzern tun sich seltsame Dinge. Im Keller links war der Boxring, im anderen stapelten sich Sarkophage, Köpfchen, Figuren aus Fayence, mumienförmige Totenfiguren, Genreszenen auf Stein, Goldschmuck und Behälter in wunderlicher Schönheit. Die Schätze wurden in Tage langer Arbeit akribisch sortiert, nummeriert und katalogisiert. Die faszinierende Welt des Vergangenen, die 18. Dynastie der großen Könige aus Ägypten, die sich hier im Herzen der Schweiz in einem Keller ausbreitete. Ein faszinierender Moment. Unzählige Geschichten über Schmuggler, Pharaonen, Archäologen und über verschlungene Wege der Schätze hörte man, ab und an kamen Besucher, dessen Namen man nie erfuhr. Stunden und Aberstunden von Arbeit… kurzum: Es war die prickelnde Leidenschaft. Die gleiche Szene spielt sich im Tresorraum der Luzerner Kantonalbank ab. Dies war die bedeutenste Sammlung ägyptischer Kunst in privatem Besitz. Nach wochenlanger Arbeit kam die Lohnfrage: Geld oder Naturalien…? …“Naturalien!“ Man durfte wählen.
Die Kombination und die daraus resultierende Frage kam aber erst viel später nach der Lektüre des kuriosen Artikels in der „Herald Tribune“: Hielt denn nun jemand Edith Rockefellers Abbild als Frau von Tutenchamun in Form von Lohn in den Händen? Wer war die Frau des rätselhaften Pharao? Wer war Edith Rockefeller?

„Können sie etwas sehen?“ fragte der Geldgeber Lord Carnarvon. „Ja“ antwortete Carter, „…wundersame Dinge!“
Szenenwechsel. Es war gegen 15 Uhr am 26. November 1922, als, nach Beseitigung der Schuttmassen achteinhalb Meter vor dem Eingangsportal entfernt, eine zweite versiegelte Tür sichtbar wurde. Carters Hände zitterten. Seit 15 Jahren ist der nicht anerkannte Archäologe auf der Suche nach dem verschollenen König, seit 15 Jahren verheizte er die Gelder seines Bosses, ohne den Erfolg seines Traumes erfüllt zu haben: Den vergessenen König. Tutenchamun. Jetzt hatte er seine allerletzte Chance, eine weitere bekäme er nicht. Sein Geldgeber stand hinter ihm wie schon so viele Male vorher, als sie an den vielen anderen Grabstätten immer wieder enttäuscht den Kopf schütteln mussten. Sie waren wohl der Verzweiflung nahe. „Können sie etwas sehen?“ fragte der Geldgeber Lord Carnarvon. „Ja“ antwortete Carter, „…wundersame Dinge!“ Am 30. November 1922 berichtet der Korrespondent Arthur Merton in der Londoner „Times“ über den ägyptischen Schatz. Der verlorene König war entdeckt und mit ihm die Geschichte von Anchesenpaaton, seiner Frau. Die Londoner „Times“ feierte seine Lordschaft Carnarvon als den großen Entdecker. Eine Tutenchamun-Manie brach in England aber auch in Amerika aus.
Dem Land der Rockefellerdynastie. Sie, das ist wohl unbestritten, waren seinerzeit wohl die Könige Amerikas. Öl und damit die Standard Oil war zu einem starken Faktor geworden. Das ist aber nicht das Einzige, für was Rockefeller stand. Rockefeller stand auch als ganz großer Kunstförderer und Mitgründer der wichtigsten Kunsthäuser und Institutionen ganz vorne da, genau wie Edith Rockefeller, die zum Beispiel das Art Institute of Chicago und die Chicago Grand Opera Company mitfinanzierte.
John D. Rockefeller Junior war bereits seit 1902 einer der ganz großen Förderer ägyptischer Expeditionen und den Kunsthäusern, die ägyptische Schätze der Öffentlichkeit zugänglich machten. 1919 eröffnete er das Oriental Institute an der University of Chicago. Der charismatische Ägyptologe James Breasted, einer der führenden Persönlichkeiten seiner Zunft, handelte im Auftrag von Rockefeller Junior. Dieser Breasted sollte einer der wenigen werden zu denen Carter vertrauen fand und der ihm auch durch die komplizierten Institutionen in Kairo half. Für die Graböffnung von Tutenchamun hat Breasted eigens die Rockefellers eingeladen, die aber mussten absagen. Konsequenterweise war es Breasteds Idee, für die Schätze aus dem Tutenchamun Grab ein neues, großartiges Museum zu bauen. Rockefeller Junior akzeptierte. Im Oktober 1925 reiste Breasted mit Plänen und Broschüren und 10 Millionen US Dollar von Rockefeller zu König Fuad. Das Projekt scheiterte offensichtlich am Widerstand der Britten, die ihren Einfluss in der Region schwinden sahen.

C.G. Jung: Synchronizität haftet wie ein Schatten
Szenenwechsel: Edith Rockefeller begab sich, nachdem ihre beiden Söhne an Scharlach gestorben waren, 1913 nach Zürich in psychologische Behandlung. Genau: Zu Carl Gustav Jung. Eine seltsame Parallele: Im Grab des jungen Königs Tutenchamun fand man zwei mumifizierte Föten, von denen eines nach dem 5. Schwangerschaftsmonat zu früh geboren wurde, das andere Baby nach dem 7. oder 8. Monat. Sie waren wahrscheinlich die leiblichen Kinder des jungen Königspaares. Die beiden Föten verschwanden auf rätselhafte Weise in Kairo.

James Joyce: Mit dem Puls der Zeit verwoben
Von der Patientin mutierte Edith zur Studentin und zeitweiligen Analystin. Während des Krieges blieb sie in Zürich und erst 1921 kehrte sie in die Vereinigten Staaten, nach Chicago, zurück. Sie, die während ihrer Zeit in Zürich nicht nur Psychologie studierte, war, wie ihr Vater und ihr Bruder auch, von Kunst gefesselt. Sie traf und unterstützte in dieser Zeit unzählige Autoren und Maler, bis 1920 ihre Schulden in die astronomische Höhe von $ 812.000 Dollar geklettert waren. Aus Briefen mit dem Vater geht immer wieder hervor, dass er ihr in ihrer Schweizer Zeit tüchtig über die Runden half. Nicht nur er. Auch ihr Bruder half immer wieder aus. Wer weiß, vielleicht zum Glück. Denn ohne die finanzielle Unterstützung von Edith Rockefeller gebe es wohl einige wichtige Bücher nicht. Der wohl bekannteste ihrer Schützlinge war James Joyce, der Dank ihrer 18-monatigen Unterstützung sein großes Werk „Ulysses“ schuf. Sie war unweigerlich verwoben mit jenen Menschen, die am Puls der Zeit die wichtigsten Ideen moderner Kunst und Geschichte vor sich ausfalteten. Eine Aufzählung würde hier komplett überborden, aber der ganze „Kuchen“ ergibt sich aus dem angeschnittenen Stück. Für Interessierte ist sicher auch der Monte Verita interessant und die Berner Szene aus dieser Zeit…
Als Anchesenpaaton war sie die Tochter des großen Königs Echnaton (Amenophis IV) und seiner Frau Nofretete. Dann, nach dem Tod ihres Vaters, heiratete sie den minderjährigen Tutanchaton, der sich später, nach dem Restaurationskurs an den alten Reichsgott Amun, Tutanchamun nannte. Sie, Anchesenpaaton, erlebte die wohl bewegendste Zeit im ägyptischen Epos.

Rilke: Welcher Gott hielt den Atem an, damit diese Menschen um den vierten Amenophis so zu sich kamen?
Rainer Maria Rilke schrieb 1922 an Charlotte von Wedel: „Was war das für ein Moment der Windstille in der großen ägyptischen Zeit? Welcher Gott hielt den Atem an, damit diese Menschen um den vierten Amenophis so zu sich kamen? Wo, plötzlich, stammen sie her? Und wie schloss sich wieder - gleich hinter ihnen - die Zeit, die einem „Seienden“ Raum gegeben, es „ausgespart“ hatte.“ Bei Rilke findet ägyptisches Gedankengut in den im Jahre 1922 geschriebenen Duineser Elegien und der Sonette an Orpheus zu einem dichterischen Höhepunkt. Er war nicht der Einzige, der von diesem kleinen Fenster der großen Geschichtsschreibung verzaubert war. Seine Freundin Lou Andreas Salomé, die übrigens auch mit Nietzsche liiert war und deren gemeinsamer Freund Sigmund Freud oder Thomas Mann, der seinerseits tief in den Brunnen herabstieg, waren von den Mysterien verzaubert. Aber auch Okkultisten wie der Bergsteiger und Schriftsteller Aleister Crowley waren von Ägypten und insbesondere jenem kleine Zeitfenster zwischen Echnaton und Tutanchaton angetan. Es gibt Opern, Essays, Gedichte, Gedankenspiele und wahrlich Abenteuer zu entdecken. Dieses Zeitfenster war so bewegend wie die Zeit der Wirren zwischen 1900 und 1923.
Als drittälteste Tochter des Häretikers Echnaton und als Gattin von Tutenchamun hat Anchesenpaaton die Wirren einer zu Ende gehenden Epoche erlebt, die an künstlerischer Vielfalt und Grazie noch heute nachklingt. Als drittältestes Kind von J.D. Rockefeller, war Edith ebenfalls Zeuge einer untergehenden Zeit und mehr als nur Beobachterin einer neuen Ordnung. Sie war Zeuge und zum Teil auch Initiantin einer Generation von Schriftstellern, Malern, Musikern und Denkern, die unser Kunstverständnis maßgeblich geprägt haben. Erst die Entdeckung von Tutenchamuns Grab 1922 hat uns ihr Bild und ihr Leben als Königin enthüllt. Die meisten Schätze der Sammlung, die in jenem Katakomben ähnlichen Keller am Vierwaldstätersee katalogisiert wurden, fanden ihren Weg in die großen Rockefeller Museen, wo sie noch immer bestaunt werden können.
- Der Artikel erschien in ensuite kulturmagazin. Die PDF Datei der Printausgabe finden sie unter Frau am Rande der Zeit.
sfux - 28. Apr, 09:37 Article 3811x read