Marilyn Manson; des Teufels Sekretärin liebster Kerl
Rock Oz’ Arènes, das kleine Festival im schweizerisch –keltischen Dorf Avenches zelebriert am 17. August mit Schockrocker Marilyn Manson. Mit Marilyn Manson kommen auch die ganz wüsten, bizarren Geschichten, die sich in den Medien immer gruslig gut verkaufen. Kaum einer der sich mehr Todeswünsche auf den Hals jagt als „Es“. Kaum einer den die Medien und die Öffentlichkeit mehr zu spalten vermag als „Es“. „Es“ wird verantwortlich gemacht, wenn sich Massentötungen an Schulen und rituelle Bluttaten ereignen.

Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel
„Es“ ist schuld am Zerfall der Normen. Fernsehprediger halten beschwörend die Bibel hoch, vor den Stadien verteilt die Christenheit Flugblätter. „Es“ gilt als die androgyne Missgeburt Satans, als Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel. Der erste Jugendverderber der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mörders führt. Helter Skelter findet aber nicht statt.
Kunstblut, Lederstrapse, Auftritte im speckigen Stützkorsett – nach Antichrist Superstar, dem Großwerk von 1996, das ihm den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer überbietbare Maßstäbe in punkto satanischen Stadion-Glamour setzte, wirkt Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde. Sein Job ist schwer und er wird immer dann ans Tageslicht gezerrt, wenn bessere Erklärungen Mangelware sind: zuletzt nach dem Highschool-Massaker von Columbine, als Eric Harris und Dylan Klebold 1999 elf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 23 verletzten. Harris und Klebold waren keine Nazis, aber sie bewunderten sie. Ein Paar Wochen vor dem Massaker schrien sie in ihrer Bowlingklasse „Sieg Heil!“ und „Heil Hitler“ und hoben dazu ihre Arme zum Nazigruß. Sie hörten sich die gleiche Musik an: Dunklen, düsteren Industrial Metal von Bands wie Rammstein und KMFDM. Offensichtlich sind diese „Bösartigkeiten“ Faktum genug um elegant mit dem Finger auf Manson und ähnliche Bands zeigen zu können. Die Gesellschaft kann sich retten, schuld sind die anderen. Dann rüstet ihn die Plattenindustrie großherzig wieder auf und lechzt auf das neue Blutbad und das erneute Klingeln der Kasse. Auch wir, die Journalisten freuen uns auf das nächste Blutbad, denn auch bei uns klingeln die Kassen, ohne allzu tief in die Trickkiste gucken zu müssen. So kriegt der Liebling des Teufels Sekretärin was er dringend braucht: Publicity.
Des Teufels Liebling weiss was „Es“ tut
Auch Manson weiss was er tut – und macht sich seinen Reim auf die Sachverhalte. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen haben, Michael Moores Oscargekrönte Dokumentation über eine Nation unter Waffen. Wie er in voller Montur, mit Leichenschminke und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge entschieden weniger verrückt wirkt als die anderen Irren die diesen Film, den Präsidenten der Vereinigten Staaten inbegriffen, bevölkern. Wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst.

So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat.
„Nicht Musik sondern Angst und Konsum sind Ursachen der Gewalt“, meint Manson. So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender Kamera und rät seinen Kritikern, der Jugend von heute lieber zuzuhören, statt sie zu verurteilen.
Wer die Botschaft ernst nimmt und den Aufklärer unter der Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken manches lernen. Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass eine Nation seine Feinde braucht, um sich selbst als Nation zu fühlen. Wie Moore, wenn auch mit drastischeren Mitteln, hält Manson seinen Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist. Er singt von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen und der weißen Mittelstandsgesellschaft im Besonderen, von toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten und einem Himmel, der so blau ist „wie eine Schusswunde“. In immer neuen, grandios eitrigen Farben malt er die Apokalypse an die Wand – und bleibt als Gefürchteter den Werten verpflichtet, die er bekämpft. Manson und der amerikanische Traum: eine Zwangsgemeinschaft zum wechselseitigen Profit. Freilich hat er auch diesen Zusammenhang längst durchschaut und in einen Aphorismus gegossen: „America needs Marilyn Manson as much as Marilyn Manson needs America.“ Die Plattenindustrie freuts.
Manson Runen schockieren nicht mal Europa
Ob die Plattenindustrie mit der Manson Attacke auf Europa ihre Erwartungen erfüllt und die Wellen der Empörung auch hier Kreise ziehen und Millionen von neuen Käufern dem Bösen in Popstar-Gestalt verfallen, kann bezweifelt werden. Auch mit Nazi Outfit, SS Runen und anderem nationalsozialistischem Klimbim. Von den richtigen Neo-Nazis wird er verspottet, von den wirklichen Satanisten bemitleidet. Europa ist, im vergleich zu Amerika zu aufgeschlossen und vielschichtig.

So hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft
Vor allem aber fehlt in Europa die Macht des Tabus das der Provokateur braucht, um es zu brechen: Ohne eine konservative Umgebung wirkt der Verstoß halb so schockierend. Die letzte Lektion aus Marilyn Mansons kleiner Horrorschau besteht darin, dass Europa, nach einem halben Jahrhundert Demokratisierung durch amerikanischen Pop, liberaler geworden ist als das Ursprungsland. Versteht man auch dies als Spiegel, so hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft: Unter aufgeklärten Bedingungen ist auch der Teufel nur so ernst, wie man ihn nimmt.
Dieser Artikel ist eine textliche Zusammenstellung
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Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel
„Es“ ist schuld am Zerfall der Normen. Fernsehprediger halten beschwörend die Bibel hoch, vor den Stadien verteilt die Christenheit Flugblätter. „Es“ gilt als die androgyne Missgeburt Satans, als Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin halb Biest, halb Engel. Der erste Jugendverderber der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mörders führt. Helter Skelter findet aber nicht statt.
Kunstblut, Lederstrapse, Auftritte im speckigen Stützkorsett – nach Antichrist Superstar, dem Großwerk von 1996, das ihm den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer überbietbare Maßstäbe in punkto satanischen Stadion-Glamour setzte, wirkt Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde. Sein Job ist schwer und er wird immer dann ans Tageslicht gezerrt, wenn bessere Erklärungen Mangelware sind: zuletzt nach dem Highschool-Massaker von Columbine, als Eric Harris und Dylan Klebold 1999 elf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 23 verletzten. Harris und Klebold waren keine Nazis, aber sie bewunderten sie. Ein Paar Wochen vor dem Massaker schrien sie in ihrer Bowlingklasse „Sieg Heil!“ und „Heil Hitler“ und hoben dazu ihre Arme zum Nazigruß. Sie hörten sich die gleiche Musik an: Dunklen, düsteren Industrial Metal von Bands wie Rammstein und KMFDM. Offensichtlich sind diese „Bösartigkeiten“ Faktum genug um elegant mit dem Finger auf Manson und ähnliche Bands zeigen zu können. Die Gesellschaft kann sich retten, schuld sind die anderen. Dann rüstet ihn die Plattenindustrie großherzig wieder auf und lechzt auf das neue Blutbad und das erneute Klingeln der Kasse. Auch wir, die Journalisten freuen uns auf das nächste Blutbad, denn auch bei uns klingeln die Kassen, ohne allzu tief in die Trickkiste gucken zu müssen. So kriegt der Liebling des Teufels Sekretärin was er dringend braucht: Publicity.
Des Teufels Liebling weiss was „Es“ tut
Auch Manson weiss was er tut – und macht sich seinen Reim auf die Sachverhalte. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen haben, Michael Moores Oscargekrönte Dokumentation über eine Nation unter Waffen. Wie er in voller Montur, mit Leichenschminke und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge entschieden weniger verrückt wirkt als die anderen Irren die diesen Film, den Präsidenten der Vereinigten Staaten inbegriffen, bevölkern. Wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst.

So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat.
„Nicht Musik sondern Angst und Konsum sind Ursachen der Gewalt“, meint Manson. So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer, der die Mechanismen des „teuflischen“ verstanden hat. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender Kamera und rät seinen Kritikern, der Jugend von heute lieber zuzuhören, statt sie zu verurteilen.
Wer die Botschaft ernst nimmt und den Aufklärer unter der Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken manches lernen. Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass eine Nation seine Feinde braucht, um sich selbst als Nation zu fühlen. Wie Moore, wenn auch mit drastischeren Mitteln, hält Manson seinen Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist. Er singt von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen und der weißen Mittelstandsgesellschaft im Besonderen, von toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten und einem Himmel, der so blau ist „wie eine Schusswunde“. In immer neuen, grandios eitrigen Farben malt er die Apokalypse an die Wand – und bleibt als Gefürchteter den Werten verpflichtet, die er bekämpft. Manson und der amerikanische Traum: eine Zwangsgemeinschaft zum wechselseitigen Profit. Freilich hat er auch diesen Zusammenhang längst durchschaut und in einen Aphorismus gegossen: „America needs Marilyn Manson as much as Marilyn Manson needs America.“ Die Plattenindustrie freuts.
Manson Runen schockieren nicht mal Europa
Ob die Plattenindustrie mit der Manson Attacke auf Europa ihre Erwartungen erfüllt und die Wellen der Empörung auch hier Kreise ziehen und Millionen von neuen Käufern dem Bösen in Popstar-Gestalt verfallen, kann bezweifelt werden. Auch mit Nazi Outfit, SS Runen und anderem nationalsozialistischem Klimbim. Von den richtigen Neo-Nazis wird er verspottet, von den wirklichen Satanisten bemitleidet. Europa ist, im vergleich zu Amerika zu aufgeschlossen und vielschichtig.

So hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft
Vor allem aber fehlt in Europa die Macht des Tabus das der Provokateur braucht, um es zu brechen: Ohne eine konservative Umgebung wirkt der Verstoß halb so schockierend. Die letzte Lektion aus Marilyn Mansons kleiner Horrorschau besteht darin, dass Europa, nach einem halben Jahrhundert Demokratisierung durch amerikanischen Pop, liberaler geworden ist als das Ursprungsland. Versteht man auch dies als Spiegel, so hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft: Unter aufgeklärten Bedingungen ist auch der Teufel nur so ernst, wie man ihn nimmt.
Dieser Artikel ist eine textliche Zusammenstellung
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sfux - 6. Jun, 22:00 Article 4435x read
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