Ende von Hitlers Herrschaft, Steigbügelhalter, und eine unerquickliche Verwandtschaft
Dr. Alexander von Paleske ——– 6.5. 2020 ———
Am 8.5. 2020 jährt sich zum 75. mal die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, und damit das Ende von Adolf Hitlers Nazi-Terror und seines blutigen Krieges.
Der 8.5. 1945 wirft aber auch immer wieder die Frage nach dem 30.1. 1933 auf: der Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, und damit der Beginn der NS-Herrschaft. Wie konnte es dazu kommen?
Hitler hatte viele Helfer, kleine und grosse, ohne die er es nie geschafft hätte, Reichskanzler zu werden. In den Wahlen zum Reichstag hatte er nie die absolute Mehrheit der Stimmen erlangt. Von einer sehr grossen und einflussreichen Unterstützerin soll hier die Rede sein:
Im Februar 1945, als alliierte Truppen an allen Fronten bereits die Grenzen Deutschlands überschritten hatten, und die sowjetischen Verbände sich auf den Angriff auf die Reichshauptstadt Berlin vorbereiteten, kam mein Vater auf seiner Flucht von Westpreussen nach Westfalen durch Berlin, und traf dort auf die Ex-Frau seines Onkels zweiten Grades: Viktoria von Dirksen, die ihm einen Endsieg Adolf Hitlers prophezeite, in einer Stadt, die bereits weitgehend in Trümmern lag.
Selbst zu diesem Zeitpunkt gab es noch genügend Deutsche, die der Propagandamaschine Adolf Hitlers Glauben schenkten.
Ich nahm diese mir überlieferte Erzählung eher mit Desinteresse zur Kenntnis, der Name Dirksen bedeutete mit nichts; irgendeine entfernte Verwandte – so what. Das änderte sich aber, als ich erneut vor einigen Monaten auf den Namen Viktoria von Dirksen stiess.
Eine Salonniere in Berlin
Viktoria von Dirksen (geb. von Laffert) gehörte zu den einflussreichsten Steigbügelhaltern Adolf Hitlers. Sie heiratete in zweiter Ehe 1918 in Berlin den Gutsbesitzer und Diplomaten Willibald von Dirksen.
In den 1920er Jahren wuchs die Berliner Villa der Dirksens in der Magarethenstraße Nr. 11 zum Mittelpunkt der ehemaligen Berliner und Potsdamer Gesellschaft, Hier trafen sich Persönlichkeiten des untergegangenen Kaiserreichs, die in konservativer Gesinnung sich einig wussten – und in der Ablehnung und Bekämpfung der Weimarer Republik.
Hindenburg, Hitler & Co
In ihrem Salon begrüsste die Dirksen als Gäste bei abendlichen Banketten und nachmittäglichen Teerunden u.a. den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, und seinen einflussreichen Sohn Oskar, aber auch den Sohn des letzten Deutschen Kaisers, und ehemaligen Kronprinzen Wilhelm, sowie den Gesandten Mussolinis, Graf Ciano.
Aber ebenfalls gehörten dazu Nazi- Grössen wie Hermann Göring und Joseph Goebbels, letzterer betrachtete Frau von Dirksen als eine Art Mutter, wie er seinem Tagebuch anvertraute. Den Chef-Propagandisten der Nazis hatte Dirksen in den 20er Jahren in einem rassekundlichen (antisemitischen) Debattierzirkel kennen- und schätzengelernt.
Insbesondere Adolf Hitler
Ihr besonderes Augenmerk galt jedoch Adof Hitler. Den hatte sie bereits 1922 kennengelernt, und unterstützte ihn danach tatkräftig: finanziell aber auch dadurch, dass sie ihm, als er noch als “böhmischer Gefreiter” bespöttelt wurde, Zugang zu einflussreichen Personen und Persönlichkeiten verschaffte.
Mehr noch: sie setzte sich in Gesprächen mit ihrem Gast, Paul von Hindenburg, und dessen einflussreichem Sohn Oskar, immer wieder für Adolf Hitler ein, warb für ihn. Damit erleichterte sie die Akzeptanz Hitlers seitens Hindenburg sicherlich nicht unwesentlich.
Nachdem Hitler dann am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, blieb Dirksens Haus weiter Treffpunkt: Nun für Nazis und ausländische Diplomaten. Führende Nazis nannten sie “Mutter der Revolution”.
Hitler revanchierte sich: Viktoria von Dirksen hatte jederzeit Zugang zu ihm, und er besuchte sie oft.
Gabriele von Wittgenstein berichtete in der ZEIT 1996 von einem Treffen im Hause Dirksen nach der Machtübernahme Hitlers:
“Dirksen lud oft Vertreter der alten und der neuen Prominenz zusammen ein. An jenem Abend zählten Hitler, sein Adjutant Schaub, Himmler und Goebbels zu ihren Gästen. Ein anderes mal Hitler und der ehemalige Kronprinz Friedrich-Wilhelm, (dessen Nachfahren gerne jegliche Unterstützung der Nazis durch ihn bestreiten, um so sein Erbe reklamieren zu können d. Verf).”
Die Dirksen Stiftung
Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes gründete Frau von Dirksen mit dem Herrenclub 1933 die nach ihrem Mann benannte Dirksen-Stiftung, deren Schirmherrin sie wurde, und in deren Kuratorium SA-Chef Ernst Röhm und Chef der SS Heinrich Himmler berufen wurden.
Zweck der Stiftung war laut Statut:
„im Interesse der Allgemeinheit den Führern der nationalsozialistischen Bewegung eine Stätte zu schaffen, in welcher sie außerdienstlich mit führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Landwirtschaft, der Arbeit, des Handels, der Industrie, der Wissenschaft und der Kunst, sowie mit heranzubildenden Führernachwuchs zusammentreffen können.“
Zum Unterstützerkreis der Stiftung gehörtenKurt Freiherr von Schröder, Robert Pferdmenges, Großbanken, Siemens, Bosch, der Flick-Konzern, das Kalisyndikat und vor allem die I.G. Farben.
Der damalige französische Botschafter und spätere Hochkommissar für Nachkriegsdeutschland, André François-Poncet, bemerkte abfällig über sie :
„
Frau von Dirksen ist eine Jungfrau von Orleans. Die unsere war wenigstens jung; und die Engländer haben sie rechtzeitig verbrannt.“
Frau von Dirksen starb 1946. Ein Entnazifizierungsverfahren hätte sie vermutlich ohne Probleme überstanden, wie so viele Nazis auch….
Am 8.5. 2020 jährt sich zum 75. mal die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, und damit das Ende von Adolf Hitlers Nazi-Terror und seines blutigen Krieges.
Der 8.5. 1945 wirft aber auch immer wieder die Frage nach dem 30.1. 1933 auf: der Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, und damit der Beginn der NS-Herrschaft. Wie konnte es dazu kommen?
Hitler hatte viele Helfer, kleine und grosse, ohne die er es nie geschafft hätte, Reichskanzler zu werden. In den Wahlen zum Reichstag hatte er nie die absolute Mehrheit der Stimmen erlangt. Von einer sehr grossen und einflussreichen Unterstützerin soll hier die Rede sein:
Im Februar 1945, als alliierte Truppen an allen Fronten bereits die Grenzen Deutschlands überschritten hatten, und die sowjetischen Verbände sich auf den Angriff auf die Reichshauptstadt Berlin vorbereiteten, kam mein Vater auf seiner Flucht von Westpreussen nach Westfalen durch Berlin, und traf dort auf die Ex-Frau seines Onkels zweiten Grades: Viktoria von Dirksen, die ihm einen Endsieg Adolf Hitlers prophezeite, in einer Stadt, die bereits weitgehend in Trümmern lag.
Selbst zu diesem Zeitpunkt gab es noch genügend Deutsche, die der Propagandamaschine Adolf Hitlers Glauben schenkten.
Ich nahm diese mir überlieferte Erzählung eher mit Desinteresse zur Kenntnis, der Name Dirksen bedeutete mit nichts; irgendeine entfernte Verwandte – so what. Das änderte sich aber, als ich erneut vor einigen Monaten auf den Namen Viktoria von Dirksen stiess.
Eine Salonniere in Berlin
Viktoria von Dirksen (geb. von Laffert) gehörte zu den einflussreichsten Steigbügelhaltern Adolf Hitlers. Sie heiratete in zweiter Ehe 1918 in Berlin den Gutsbesitzer und Diplomaten Willibald von Dirksen.
In den 1920er Jahren wuchs die Berliner Villa der Dirksens in der Magarethenstraße Nr. 11 zum Mittelpunkt der ehemaligen Berliner und Potsdamer Gesellschaft, Hier trafen sich Persönlichkeiten des untergegangenen Kaiserreichs, die in konservativer Gesinnung sich einig wussten – und in der Ablehnung und Bekämpfung der Weimarer Republik.
Hindenburg, Hitler & Co
In ihrem Salon begrüsste die Dirksen als Gäste bei abendlichen Banketten und nachmittäglichen Teerunden u.a. den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, und seinen einflussreichen Sohn Oskar, aber auch den Sohn des letzten Deutschen Kaisers, und ehemaligen Kronprinzen Wilhelm, sowie den Gesandten Mussolinis, Graf Ciano.
Aber ebenfalls gehörten dazu Nazi- Grössen wie Hermann Göring und Joseph Goebbels, letzterer betrachtete Frau von Dirksen als eine Art Mutter, wie er seinem Tagebuch anvertraute. Den Chef-Propagandisten der Nazis hatte Dirksen in den 20er Jahren in einem rassekundlichen (antisemitischen) Debattierzirkel kennen- und schätzengelernt.
Insbesondere Adolf Hitler
Ihr besonderes Augenmerk galt jedoch Adof Hitler. Den hatte sie bereits 1922 kennengelernt, und unterstützte ihn danach tatkräftig: finanziell aber auch dadurch, dass sie ihm, als er noch als “böhmischer Gefreiter” bespöttelt wurde, Zugang zu einflussreichen Personen und Persönlichkeiten verschaffte.
Mehr noch: sie setzte sich in Gesprächen mit ihrem Gast, Paul von Hindenburg, und dessen einflussreichem Sohn Oskar, immer wieder für Adolf Hitler ein, warb für ihn. Damit erleichterte sie die Akzeptanz Hitlers seitens Hindenburg sicherlich nicht unwesentlich.
Nachdem Hitler dann am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, blieb Dirksens Haus weiter Treffpunkt: Nun für Nazis und ausländische Diplomaten. Führende Nazis nannten sie “Mutter der Revolution”.
Hitler revanchierte sich: Viktoria von Dirksen hatte jederzeit Zugang zu ihm, und er besuchte sie oft.
Gabriele von Wittgenstein berichtete in der ZEIT 1996 von einem Treffen im Hause Dirksen nach der Machtübernahme Hitlers:
“Dirksen lud oft Vertreter der alten und der neuen Prominenz zusammen ein. An jenem Abend zählten Hitler, sein Adjutant Schaub, Himmler und Goebbels zu ihren Gästen. Ein anderes mal Hitler und der ehemalige Kronprinz Friedrich-Wilhelm, (dessen Nachfahren gerne jegliche Unterstützung der Nazis durch ihn bestreiten, um so sein Erbe reklamieren zu können d. Verf).”
Die Dirksen Stiftung
Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes gründete Frau von Dirksen mit dem Herrenclub 1933 die nach ihrem Mann benannte Dirksen-Stiftung, deren Schirmherrin sie wurde, und in deren Kuratorium SA-Chef Ernst Röhm und Chef der SS Heinrich Himmler berufen wurden.
Zweck der Stiftung war laut Statut:
„im Interesse der Allgemeinheit den Führern der nationalsozialistischen Bewegung eine Stätte zu schaffen, in welcher sie außerdienstlich mit führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Landwirtschaft, der Arbeit, des Handels, der Industrie, der Wissenschaft und der Kunst, sowie mit heranzubildenden Führernachwuchs zusammentreffen können.“
Zum Unterstützerkreis der Stiftung gehörtenKurt Freiherr von Schröder, Robert Pferdmenges, Großbanken, Siemens, Bosch, der Flick-Konzern, das Kalisyndikat und vor allem die I.G. Farben.
Der damalige französische Botschafter und spätere Hochkommissar für Nachkriegsdeutschland, André François-Poncet, bemerkte abfällig über sie :
„
Frau von Dirksen ist eine Jungfrau von Orleans. Die unsere war wenigstens jung; und die Engländer haben sie rechtzeitig verbrannt.“
Frau von Dirksen starb 1946. Ein Entnazifizierungsverfahren hätte sie vermutlich ohne Probleme überstanden, wie so viele Nazis auch….
onlinedienst - 7. Mai, 07:53 Article 726x read