Merkels “klare Kante” angesichts der erwartbaren Flüchtlingswelle aus Afghanistan
Dr. Alexander von Paleske ——- 25.7. 2021 ——–
Am Freitag 23.7 2021 brachte die BILD-Zeitung die folgende Schlagzeile:
Millionen Afghanen wollen nach Deutschland, aber Merkel sagt NEIN!
Die Schlagzeile bezog sich auf das, was Angela Merkel in ihrer wohl letzten Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag rausliess:
“Wir können nicht alle aufnehmen, Deutschland kann nicht alles kompensieren, was in Afghanistan an Schwierigem passiert”.
Bundeskanzlerin Angela Merkel unterliess es tunlichst zu detaillieren, was mit “Schwierigem” gemeint war, und vor allem die Ursachen dafür zu benennen:
- Der Abzug der ISAF-Truppen und die gebrochenen Versprechen
- Folgend die bald zu erwartende erneute Machtübernahme durch die islamistischen Taliban,
- die berechtigte Angst von Teilen der Bevölkerung davor, insbesondere in den Städten.
Eine Fluchtwelle aus Afghanistan
Eine Fluchtwelle aus Afghanistan mit dem Ziel Westeuropa steht also bevor. Schon stehen Hunderte von Afghanen jeden Tag Schlange vor den Passämtern, um sich einen Reisepass ausstellen zu lassen, wie BILD zu berichten wusste. Mit diesem Reisepass wollen sie dann durch den Iran in die Türkei kommen, von dort aus weiter nach Westeuropa, vornehmlich Deutschland.
Ein Krieg am Hindukusch und der Abzug
20 Jahre Krieg am Hindukusch, und nun der schnelle Abzug, Afghanistan sich selbst und damit dem Bürgerkrieg überlassend.
Wie ein Dieb in der Nacht verliessen jetzt die US Truppen den Stützpunkt Bagram, der grösste US -Militärstützpunkt in Afghanistan – 20 Jahre nach dem Einmarsch dort. Der längste Krieg, den die USA je bisher geführt haben. Die Aehnlichkeiten zum Vietnamkrieg – und dessen Ende 1975 – sind nicht zu übersehen.
Dank des Vaterlandes
Ebenfalls hat sich die Bundeswehr jetzt aus Afghanistan verabschiedet: In einer Transportmaschine flogen die letzten Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan heim, und landeten auf einem Flughafen nahe Hannover. Kein Politiker war anwesend, um die Truppen willkommen zu heissen, nach diesem parlamentarisch beschlossenen (sinnlosen) Einsatz, kein Dank, keine Entschuldigung für diese Fehlentscheidung, die 59 Soldaten das Leben kostete und Hunderte deutsche Soldaten psychisch und/oder physisch traumatisierte. Nach iher Rückkehr lernten viele noch einen “besonderen Dank” des Vaterlandes kennen: in demütigender Art und Weise um die Durchsetzung ihrer berechtigten Ansprüche kämpfen zu müssen.
Ein Rückblick
20 Jahre Krieg in Afghanistan: Gegen die Terrorislamisten der Al Qaida, angeführt von Osama bin Laden, und verantwortlich auch für die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.
Aber auch Krieg gegen deren Gastgeber, die damals in Afghanistan herrschenden islamistischen Taliban, später dann auch gegen die sich dort sich einnistende brutaleTerrorgruppe Islamischer Staat (IS)
Al Qaida und Taliban wurden nach wenigen Wochen Krieg vertrieben, sie flüchteten in das benachbarte Afghanistan. Aber damit nicht genug, nun sollten auch westliche Demokratie samt Rechten für die bis dato unterdrückten Frauen eingeführt werden.
Ein folgenreicher Irrtum
Die internationalistischen Al Qaida-Terroristen kehrten nie dorthin zurück, wohl aber die Taliban, denn rasch wurden von der Bevölkerung die fremden Truppen als Implantat angesehen – der Nährboden für die Taliban.
Im Jahre 2005 waren es immerhin schon 11 Provinzen, die wieder einen de facto Taliban-Gouverneur hatten, im Jahre 2009 aber bereits 33 der 34 Provinzen (Peter L. Bergen: "The longest war" 2011.)
Wie der ehemalige Deutsche Botschafter Dr. Werner Kilian, aufgrund seiner Erfahrungen als stellvertretender Botschafter in den 70er Jahren in Afghanistan, in einem Interview im Jahre 2009 mir sagte:
„Die Politik bestand zunächst einmal darin, die USA In ihrem Vergeltungsschlag gegen die al-Qaida Basen in Afghanistan zu unterstützen. Diese Aktion war teilweise erfolgreich. Al-Qaida setzte sich, soviel wir wissen, nach Pakistan ab. Dann ging es um ein zweites Ziel, nämlich die für westliche Begriffe unerträgliche Taliban-Regierung zu beseitigen, und durch eine demokratische, frei gewählte Zentralregierung zu ersetzen. Diese westlichen Wunschvorstellungen von einer akzeptablenRegierung sind den Afghanen durchaus bekannt, entsprechen aber nicht ihren Traditionen.„
Die westliche Staatengemeinschaft glaubte also, dass sie als Befreier in Afghanistan empfangen würden: ein gewaltiger Irrtum,
Noch einmal Botschafter Kilian:
„Jetzt sind wir in der wenig beneidenswerten Lage, dass (der damalige Präsident)Karsai von seinen Landsleuten als westliches Implantat empfunden wird, dass die NATO-Truppen einschließlich der Deutschen als Besatzungssoldaten gesehen werden, die Karsais Mannschaft mit Waffengewalt schützt, obwohl er im Verdacht der Bestechlichkeit, der Verwicklung in Rauschgifthandel und der Wahlfälschung steht.„
Statt einer demokratisch legitimierten also eine durch und durch korrupte Regierung, alimentiert mit Geldern westlicher Länder. Begleitet von ungehindertem Opiumanbau. Afghanistan stieg wieder zum grösssten Opiumexporteur der Welt auf. Ein erheblicher Teil der Exporterlöse landeten in den Taschen der Taliban.
Die Kriegskosten westlicher Länder beliefen sich bisher auf rund 1,3 Billionen (!) Dollar.
Spätstens dann
Wesentlich früher schon, aber spätestens 2009 hätten die Bundeswehrsoldaten abgezogen werden müssen. Stattdessen verlängerten CDU/CSU, Grüne, FDP und SPD immer wieder den sinnlosen Kriegseinsatz, und verbreiteten die Mär: Die Freiheit – auch Deutschlands – werde am Hindukusch, also in Afghanistan, verteidigt.
Erst Im Jahre 2021 dann der Abzug der Truppen, nach Verhandlungen der USA mit den Taliban in Katar, nachdem auch dem letzten klar war, dass der Krieg gegen die Taliban nicht gewonnen werden konnte.
Merkels „klare Kante„
Nun also Merkels scheinbar klare Kante: Die Zäune hoch, die Grenzen geschlossen.
Die Frage, die sich jetzt stellt: Nachdem wir dort einen Krieg geführt haben, der Zehntausende von Todesopfern – zumeist Zivilisten – gekostet, Zehntausende zu internen und externen Flüchtlingen gemacht hat, Deutschland mit dem Kriegseintritt, für dieses Desater, dieses Elend mitverantwortlich ist: Können wir diese Kriegs-Flüchtlinge einfach abweisen?
Frau Merkel sagte nicht etwa,
“Wir schaffen das”
wie 2015, sondern sagte jetzt:
“wir können nicht alle aufnehmen”,
was im Klartext in Wirklichkeit heisst: keine Flüchtlinge aus Afghanistan.
Diese Menschen, die einst den Versprechungen der westlichen Länder nach dem Einmarsch in Afghanistan vertraut haben, und nun vor der bevorstehenden Machtübernahme der Taliban sich zu recht fürchten, sind – im Gegensatz zu vielen Migranten aus nord- und zentralafrikanischen Ländern, politische Flüchtlinge. Sie sind nicht nur politische Flüchtlinge, sondern die meisten sind erst zu Flüchtlingen durch den 20-jährigen Krieg geworden. Viele von ihnen aufgrund der Krieges schon zu internen Flüchtlingen, die in den Aussenbezirken der grösseren Städte dahinvegetieren.
Ironie der Geschichte
Ironie allerdings, dass die beiden Länder, die führend an der Mission beteiligt waren, nämlich Grossbritannien und die USA, entweder gar nicht (USA) oder kaum (Grossbritannien ) von dieser Flüchtlingswelle betroffen sind bzw. sein werden, und natürlich gar nicht daran denken, diese Flüchtlinge freiwillig aufzunehmen.
Das war schon nach dem Irakkrieg 2003 so, an dem Deutschland gar nicht beteiligt war.
Dennoch: angesichts der Mitschuld Deutschlands an diesem 20-jährigen Krieg: kann es sich von den Kriegsfolgen einfach abnabeln??
Am Freitag 23.7 2021 brachte die BILD-Zeitung die folgende Schlagzeile:
Millionen Afghanen wollen nach Deutschland, aber Merkel sagt NEIN!
Die Schlagzeile bezog sich auf das, was Angela Merkel in ihrer wohl letzten Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag rausliess:
“Wir können nicht alle aufnehmen, Deutschland kann nicht alles kompensieren, was in Afghanistan an Schwierigem passiert”.
Bundeskanzlerin Angela Merkel unterliess es tunlichst zu detaillieren, was mit “Schwierigem” gemeint war, und vor allem die Ursachen dafür zu benennen:
- Der Abzug der ISAF-Truppen und die gebrochenen Versprechen
- Folgend die bald zu erwartende erneute Machtübernahme durch die islamistischen Taliban,
- die berechtigte Angst von Teilen der Bevölkerung davor, insbesondere in den Städten.
Eine Fluchtwelle aus Afghanistan
Eine Fluchtwelle aus Afghanistan mit dem Ziel Westeuropa steht also bevor. Schon stehen Hunderte von Afghanen jeden Tag Schlange vor den Passämtern, um sich einen Reisepass ausstellen zu lassen, wie BILD zu berichten wusste. Mit diesem Reisepass wollen sie dann durch den Iran in die Türkei kommen, von dort aus weiter nach Westeuropa, vornehmlich Deutschland.
Ein Krieg am Hindukusch und der Abzug
20 Jahre Krieg am Hindukusch, und nun der schnelle Abzug, Afghanistan sich selbst und damit dem Bürgerkrieg überlassend.
Wie ein Dieb in der Nacht verliessen jetzt die US Truppen den Stützpunkt Bagram, der grösste US -Militärstützpunkt in Afghanistan – 20 Jahre nach dem Einmarsch dort. Der längste Krieg, den die USA je bisher geführt haben. Die Aehnlichkeiten zum Vietnamkrieg – und dessen Ende 1975 – sind nicht zu übersehen.
Dank des Vaterlandes
Ebenfalls hat sich die Bundeswehr jetzt aus Afghanistan verabschiedet: In einer Transportmaschine flogen die letzten Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan heim, und landeten auf einem Flughafen nahe Hannover. Kein Politiker war anwesend, um die Truppen willkommen zu heissen, nach diesem parlamentarisch beschlossenen (sinnlosen) Einsatz, kein Dank, keine Entschuldigung für diese Fehlentscheidung, die 59 Soldaten das Leben kostete und Hunderte deutsche Soldaten psychisch und/oder physisch traumatisierte. Nach iher Rückkehr lernten viele noch einen “besonderen Dank” des Vaterlandes kennen: in demütigender Art und Weise um die Durchsetzung ihrer berechtigten Ansprüche kämpfen zu müssen.
Ein Rückblick
20 Jahre Krieg in Afghanistan: Gegen die Terrorislamisten der Al Qaida, angeführt von Osama bin Laden, und verantwortlich auch für die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.
Aber auch Krieg gegen deren Gastgeber, die damals in Afghanistan herrschenden islamistischen Taliban, später dann auch gegen die sich dort sich einnistende brutaleTerrorgruppe Islamischer Staat (IS)
Al Qaida und Taliban wurden nach wenigen Wochen Krieg vertrieben, sie flüchteten in das benachbarte Afghanistan. Aber damit nicht genug, nun sollten auch westliche Demokratie samt Rechten für die bis dato unterdrückten Frauen eingeführt werden.
Ein folgenreicher Irrtum
Die internationalistischen Al Qaida-Terroristen kehrten nie dorthin zurück, wohl aber die Taliban, denn rasch wurden von der Bevölkerung die fremden Truppen als Implantat angesehen – der Nährboden für die Taliban.
Im Jahre 2005 waren es immerhin schon 11 Provinzen, die wieder einen de facto Taliban-Gouverneur hatten, im Jahre 2009 aber bereits 33 der 34 Provinzen (Peter L. Bergen: "The longest war" 2011.)
Wie der ehemalige Deutsche Botschafter Dr. Werner Kilian, aufgrund seiner Erfahrungen als stellvertretender Botschafter in den 70er Jahren in Afghanistan, in einem Interview im Jahre 2009 mir sagte:
„Die Politik bestand zunächst einmal darin, die USA In ihrem Vergeltungsschlag gegen die al-Qaida Basen in Afghanistan zu unterstützen. Diese Aktion war teilweise erfolgreich. Al-Qaida setzte sich, soviel wir wissen, nach Pakistan ab. Dann ging es um ein zweites Ziel, nämlich die für westliche Begriffe unerträgliche Taliban-Regierung zu beseitigen, und durch eine demokratische, frei gewählte Zentralregierung zu ersetzen. Diese westlichen Wunschvorstellungen von einer akzeptablenRegierung sind den Afghanen durchaus bekannt, entsprechen aber nicht ihren Traditionen.„
Die westliche Staatengemeinschaft glaubte also, dass sie als Befreier in Afghanistan empfangen würden: ein gewaltiger Irrtum,
Noch einmal Botschafter Kilian:
„Jetzt sind wir in der wenig beneidenswerten Lage, dass (der damalige Präsident)Karsai von seinen Landsleuten als westliches Implantat empfunden wird, dass die NATO-Truppen einschließlich der Deutschen als Besatzungssoldaten gesehen werden, die Karsais Mannschaft mit Waffengewalt schützt, obwohl er im Verdacht der Bestechlichkeit, der Verwicklung in Rauschgifthandel und der Wahlfälschung steht.„
Statt einer demokratisch legitimierten also eine durch und durch korrupte Regierung, alimentiert mit Geldern westlicher Länder. Begleitet von ungehindertem Opiumanbau. Afghanistan stieg wieder zum grösssten Opiumexporteur der Welt auf. Ein erheblicher Teil der Exporterlöse landeten in den Taschen der Taliban.
Die Kriegskosten westlicher Länder beliefen sich bisher auf rund 1,3 Billionen (!) Dollar.
Spätstens dann
Wesentlich früher schon, aber spätestens 2009 hätten die Bundeswehrsoldaten abgezogen werden müssen. Stattdessen verlängerten CDU/CSU, Grüne, FDP und SPD immer wieder den sinnlosen Kriegseinsatz, und verbreiteten die Mär: Die Freiheit – auch Deutschlands – werde am Hindukusch, also in Afghanistan, verteidigt.
Erst Im Jahre 2021 dann der Abzug der Truppen, nach Verhandlungen der USA mit den Taliban in Katar, nachdem auch dem letzten klar war, dass der Krieg gegen die Taliban nicht gewonnen werden konnte.
Merkels „klare Kante„
Nun also Merkels scheinbar klare Kante: Die Zäune hoch, die Grenzen geschlossen.
Die Frage, die sich jetzt stellt: Nachdem wir dort einen Krieg geführt haben, der Zehntausende von Todesopfern – zumeist Zivilisten – gekostet, Zehntausende zu internen und externen Flüchtlingen gemacht hat, Deutschland mit dem Kriegseintritt, für dieses Desater, dieses Elend mitverantwortlich ist: Können wir diese Kriegs-Flüchtlinge einfach abweisen?
Frau Merkel sagte nicht etwa,
“Wir schaffen das”
wie 2015, sondern sagte jetzt:
“wir können nicht alle aufnehmen”,
was im Klartext in Wirklichkeit heisst: keine Flüchtlinge aus Afghanistan.
Diese Menschen, die einst den Versprechungen der westlichen Länder nach dem Einmarsch in Afghanistan vertraut haben, und nun vor der bevorstehenden Machtübernahme der Taliban sich zu recht fürchten, sind – im Gegensatz zu vielen Migranten aus nord- und zentralafrikanischen Ländern, politische Flüchtlinge. Sie sind nicht nur politische Flüchtlinge, sondern die meisten sind erst zu Flüchtlingen durch den 20-jährigen Krieg geworden. Viele von ihnen aufgrund der Krieges schon zu internen Flüchtlingen, die in den Aussenbezirken der grösseren Städte dahinvegetieren.
Ironie der Geschichte
Ironie allerdings, dass die beiden Länder, die führend an der Mission beteiligt waren, nämlich Grossbritannien und die USA, entweder gar nicht (USA) oder kaum (Grossbritannien ) von dieser Flüchtlingswelle betroffen sind bzw. sein werden, und natürlich gar nicht daran denken, diese Flüchtlinge freiwillig aufzunehmen.
Das war schon nach dem Irakkrieg 2003 so, an dem Deutschland gar nicht beteiligt war.
Dennoch: angesichts der Mitschuld Deutschlands an diesem 20-jährigen Krieg: kann es sich von den Kriegsfolgen einfach abnabeln??
onlinedienst - 25. Jul, 22:11 Article 1015x read