Sozialdarwinismus als Antwort auf Pandemien?
Dr. Alexander von Paleske —— 29.4. 2020 ——-
Prominente wie Boris Palmer und Wolfgang Schäuble forderten die Aufhebung der Quarantäne, und damit das zügige Wiederanlaufen der Wirtschaft und des Unterrichts..
Die Begründungen variierten: Boris Palmer, grüner Bürgermeister von Tübingen war da brutal offen:
“Wir retten Menschen, die möglicherweise in einem halben Jahr sowieso tot wären“
auch wenn er diese seine gestrige Aeusserung, nach einem Aufschrei in der Oeffentlichkeit, heute zurückgenommen hat, “sei angeblich falsch verstanden worden.”
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble versucht es mit der Abwägung zweier Verfassungsgrundsätze: “Würde des Menschen” und “Recht auf Leben”. Das Leben sei jedoch kein absoluter Wert , das sei hingegen die Würde des Menschen (Art. 1 Grundgesetz).
Notfalls auf Kosten der Alten
Diese Protagonisten argumentieren im Prinzip – offen oder versteckt – mal mehr, mal weniger, sozialdarwinistisch. Ihnen geht es vor allem darum, die Wirtschaft schnellstmöglich wieder in Gang zu bringen, selbst wenn es auf Kosten der Alten geht.
Dabei ist es unstreitig: das Leben eines Menschen darf nicht zur Disposition gestellt werden, wie auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Luftsicherheitsgesetz-Urteil festgestellt hat.
Noch weitere
Neben den offenen oder versteckten Sozialdarwinisten meldeten sich aber auch Demonstranten in Berlin am Wochenende, die ebenfalls die Aufhebung der Quarantänemassnahmen, und damit Wiederherstellung der Grundrechte “Freie Entfaltung der Persönlichkeit” und volle “Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit” forderten. Die Teilnehmer : Rechte, Virusleugner, Anhänger von Verschwörungstheorien und Linke, alle zusammen.
Die Erfahrungen in der Weimarer Republik sollten allerdings vor derartigen “Gemeinsamkeiten” warnen. Das hatte es auch 1932 in der Weimarer Republik gegeben, als beide, Nazis und Kommunisten, verhinderten, dass der Sozialdemokrat Otto Braun in Preussen weiter regieren konnte, und damit Raum für den Staatsstreich gaben, den sogenannten Preussenschlag.
Gerne vergessen
Bei all diesen Protesten wird gerne vergessen, dass es gerade die radikalen Quarantänemassnahmen waren, die furchtbare Zustände wie in Norditalien, Spanien, in den USA, insbesondere in New York, verhindert haben.
In Italien, wo Aerzte mittels Triage darüber entscheiden mussten, wer intensivmedizinisch behandelt werden durfte, und wer nicht – und damit de facto ein Todesurteil fällten, fällen mussten.
Wer Einschränkung des Schutzes des Lebens alter Menschen zugunsten der Wirtschaft wie Palmer und Schäuble fordert, impliziert aber auch, dass bisher durch die Quarantäne der Gesellschaft alles Notwendige getan wurde, um gerade diesen Schutz zu erreichen.
Davon kann jedoch keine Rede sein, denn in den Alten- und Pflegeheimen, aber auch in der ambulanten Pflege, ist so gut wie alles schiefgelaufen, mit dem Resultat hoher Covid-19-Infektions- und Todesraten in diesen Einrichtungen. Zahlen über die Todesfälle in der ambulanten Pflege liegen nicht vor. Sie dürften kaum wesentlich besser sein.
Zunächst zur Statistik
In Deutschland liegt der Altersdurchschnitt der an Covid-Verstorbenen – mittlerweile 6374 – bei 81 Jahren. 87% der Verstorbenen sind über 69 Jahre alt. Die Hälfte dieser Verstorbenen sind Bewohner von Alten- und Pflegeheimen.
Nach Erkenntnissen des Hamburger Rechtsmediziners Prof. Klaus Püschel, hatten alle der mehr als hundert von ihm bisher obduzierten Covid- Patienten Vorerkrankungen aufzuweisen.
Allerdings kann Püschel auch nichts darüber sagen, inwieweit die Lebenserwartung durch diese Vorerkrankungen bereits signifikant eingeschränkt war. Genau das behauptete – substanzlos, versteht sich – der Grüne Palmer: “möglicherweise nur kurze Lebenserwartung”.
Patienten mit Vorerkrankungen wie Diabetes und Hochdruck können – abhängig von der Schwere der Erkrankungen und dem Lebensalter – durchaus noch Jahre mit diesen Vorerkrankungen leben.
Insofern ist es aufschlussreicher, was die Pathologin Prof. Katharina Tiemann bei Obduktionen von Corona-Patienten feststellte: Die Lungen sind durch die Viruserkrankung schwer geschädigt: es handelt sich um eine sogenannte Schocklunge. Auch Blutgefässe sind betroffen, und noch weitere Organe wie Gehirn und Nieren . .
Anders ausgedrückt: Es handelt sich oft genug nicht etwa um einen letzten “Kick” gegen einen ohnehin todgeweihten Patienten, den das Corona-Virus nun versetzt, sondern um eine neue, in einer bestimmten Altersgruppe nicht selten sehr schwerwiegende, lebensbedrohliche Erkrankung “sui generis,” der aber auch Menschen anderer Altersgruppen – wenn auch nicht häufig – zum Opfer fallen können.
Selbst wenn im Einzelfall der Covid-19-Patient nur eine sehr begrenzte Lebenserwartung hatte: Mit schwerer Atemnot an Lungenversagen zu sterben bzw. an der Beatmungsmaschine auf der Intensivstration?? Wer kann das ignorieren?????
Ohnehin früher oder später?
Eine weitere Frage stellt sich aber: Werden die betagten Patienten nicht letztlich doch dieser Pandemie – früher oder später, mit ohne ohne Quarantäne – zum Opfer fallen? Mit anderen Worten: hat die Quarantäne insoweit ihr Ziel verfehlt, denn alle Massnahmen können ja nicht darauf abzielen, das Virus zu besiegen. Das kann ggf. nur eine Impfung, oder ein Medikament, das auch prophylaktisch wirkt – beides (noch) nicht verfügbar – sondern nur die Ausbreitung verlangsamen.
Allerdings kann die Verlangsamung der Ausbreitung dreierlei erreichen:
- Katastrophale “Triage-Zustände”also die komplette Ueberlastung des Gesundheitswesens wie in Italien” vermeiden helfen, und das hat bisher gut geklappt: die Kapazität der Intensivbetten wurde bei weitem nicht ausgeschöpft. Kein Patient musste bisher abgewiesen werden. Aber die zweite Erkrankungswelle steht uns ja noch bevor.
- Langsam eine Massen-Immunität in der Gesellschaft aufzubauen, die durch geeignete Antikörpertests verfolgt werden kann. Allerdings ist bisher unklar, wie weit diese Immunität zeitlich reicht: lebenslang, oder wesentlich kürzer.
- Bis zum Erreichen einer Massenimmunität (60% der Bevölkerung) die betagten Menschen zu schützen, sodas sie nicht mehr Opfer der Pandemie werden können, weil sich dann das Virus nicht weiter ausbreiten kann.
Völlig versagt
Das bedeutet: Insbesondere die betagten Menschen in Alten- und Pflegeheimen, oder versorgt duch ambulante Pflegedienste, durch geeignete Massnahmen zu schützen. Und hier haben die Regierungen – ob Bundes- oder Landesregierung – bisher versagt. Die hohen Infektions- und Todeszahlen in Alten- und Pflegeheimen sind das Resultat völlig unzureichnder Versorgung der in der Pflege Beschäftigten mit Schutzkleidung, und ausserdem die fehlende regelmässige Testung des Pflegepersonals und der Bewohner auf Sars-CoV-2, den Erreger von Covid-19.
Auch Besucher hätten von Beginn der Epidemie an zumindest mit Schutzmasken versorgt werden müssen. Nichts geschah jedoch.
Besonders schlimm sah und sieht es bei den mobilen Pflegediensten aus. Bei vielen fehlt jegliche Schutzbekleidung, gesetzliche Regelungen fehlen. Bisher bestand keine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasenschutzzmaske, die bis vor kurzem sogar noch verpönt war “kann Patienten verängstigen”.
Alles das vor dem Hintergrund der Zahlen aus China, bevor die Epidemie auch nach Deutschland überschwappte: Die zeigten klar und deutlich: vor allem ältere Menschen haben einen schwereren und oft oft tödlichen Krankheitsverlauf.
Es hätte also genügend Zeit bestanden, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Stattdessen redete der Gesundheitsminister Jens Spahn die Epidemie zunächst klein, ein gewaltiger, und sehr vermeidbarer Irrtum.
Ein Blick nach in Grossbritannien zum Abschluss: 26.097 Tote bis heute , also mehr als vier mal so viele, wie in Deutschland. Adäquate Schuzkleidung war dort selbst in den Krankenhäusern Mangelware, mit dem Resultat, dass bereits mehr als 100 Beschäftigte im Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), die Covid-19- Kranke versorgten, an der Viruserkrankung verstarben. Ihnen wurde gestern in einer Schweigeminute gedacht.
Prominente wie Boris Palmer und Wolfgang Schäuble forderten die Aufhebung der Quarantäne, und damit das zügige Wiederanlaufen der Wirtschaft und des Unterrichts..
Die Begründungen variierten: Boris Palmer, grüner Bürgermeister von Tübingen war da brutal offen:
“Wir retten Menschen, die möglicherweise in einem halben Jahr sowieso tot wären“
auch wenn er diese seine gestrige Aeusserung, nach einem Aufschrei in der Oeffentlichkeit, heute zurückgenommen hat, “sei angeblich falsch verstanden worden.”
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble versucht es mit der Abwägung zweier Verfassungsgrundsätze: “Würde des Menschen” und “Recht auf Leben”. Das Leben sei jedoch kein absoluter Wert , das sei hingegen die Würde des Menschen (Art. 1 Grundgesetz).
Notfalls auf Kosten der Alten
Diese Protagonisten argumentieren im Prinzip – offen oder versteckt – mal mehr, mal weniger, sozialdarwinistisch. Ihnen geht es vor allem darum, die Wirtschaft schnellstmöglich wieder in Gang zu bringen, selbst wenn es auf Kosten der Alten geht.
Dabei ist es unstreitig: das Leben eines Menschen darf nicht zur Disposition gestellt werden, wie auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Luftsicherheitsgesetz-Urteil festgestellt hat.
Noch weitere
Neben den offenen oder versteckten Sozialdarwinisten meldeten sich aber auch Demonstranten in Berlin am Wochenende, die ebenfalls die Aufhebung der Quarantänemassnahmen, und damit Wiederherstellung der Grundrechte “Freie Entfaltung der Persönlichkeit” und volle “Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit” forderten. Die Teilnehmer : Rechte, Virusleugner, Anhänger von Verschwörungstheorien und Linke, alle zusammen.
Die Erfahrungen in der Weimarer Republik sollten allerdings vor derartigen “Gemeinsamkeiten” warnen. Das hatte es auch 1932 in der Weimarer Republik gegeben, als beide, Nazis und Kommunisten, verhinderten, dass der Sozialdemokrat Otto Braun in Preussen weiter regieren konnte, und damit Raum für den Staatsstreich gaben, den sogenannten Preussenschlag.
Gerne vergessen
Bei all diesen Protesten wird gerne vergessen, dass es gerade die radikalen Quarantänemassnahmen waren, die furchtbare Zustände wie in Norditalien, Spanien, in den USA, insbesondere in New York, verhindert haben.
In Italien, wo Aerzte mittels Triage darüber entscheiden mussten, wer intensivmedizinisch behandelt werden durfte, und wer nicht – und damit de facto ein Todesurteil fällten, fällen mussten.
Wer Einschränkung des Schutzes des Lebens alter Menschen zugunsten der Wirtschaft wie Palmer und Schäuble fordert, impliziert aber auch, dass bisher durch die Quarantäne der Gesellschaft alles Notwendige getan wurde, um gerade diesen Schutz zu erreichen.
Davon kann jedoch keine Rede sein, denn in den Alten- und Pflegeheimen, aber auch in der ambulanten Pflege, ist so gut wie alles schiefgelaufen, mit dem Resultat hoher Covid-19-Infektions- und Todesraten in diesen Einrichtungen. Zahlen über die Todesfälle in der ambulanten Pflege liegen nicht vor. Sie dürften kaum wesentlich besser sein.
Zunächst zur Statistik
In Deutschland liegt der Altersdurchschnitt der an Covid-Verstorbenen – mittlerweile 6374 – bei 81 Jahren. 87% der Verstorbenen sind über 69 Jahre alt. Die Hälfte dieser Verstorbenen sind Bewohner von Alten- und Pflegeheimen.
Nach Erkenntnissen des Hamburger Rechtsmediziners Prof. Klaus Püschel, hatten alle der mehr als hundert von ihm bisher obduzierten Covid- Patienten Vorerkrankungen aufzuweisen.
Allerdings kann Püschel auch nichts darüber sagen, inwieweit die Lebenserwartung durch diese Vorerkrankungen bereits signifikant eingeschränkt war. Genau das behauptete – substanzlos, versteht sich – der Grüne Palmer: “möglicherweise nur kurze Lebenserwartung”.
Patienten mit Vorerkrankungen wie Diabetes und Hochdruck können – abhängig von der Schwere der Erkrankungen und dem Lebensalter – durchaus noch Jahre mit diesen Vorerkrankungen leben.
Insofern ist es aufschlussreicher, was die Pathologin Prof. Katharina Tiemann bei Obduktionen von Corona-Patienten feststellte: Die Lungen sind durch die Viruserkrankung schwer geschädigt: es handelt sich um eine sogenannte Schocklunge. Auch Blutgefässe sind betroffen, und noch weitere Organe wie Gehirn und Nieren . .
Anders ausgedrückt: Es handelt sich oft genug nicht etwa um einen letzten “Kick” gegen einen ohnehin todgeweihten Patienten, den das Corona-Virus nun versetzt, sondern um eine neue, in einer bestimmten Altersgruppe nicht selten sehr schwerwiegende, lebensbedrohliche Erkrankung “sui generis,” der aber auch Menschen anderer Altersgruppen – wenn auch nicht häufig – zum Opfer fallen können.
Selbst wenn im Einzelfall der Covid-19-Patient nur eine sehr begrenzte Lebenserwartung hatte: Mit schwerer Atemnot an Lungenversagen zu sterben bzw. an der Beatmungsmaschine auf der Intensivstration?? Wer kann das ignorieren?????
Ohnehin früher oder später?
Eine weitere Frage stellt sich aber: Werden die betagten Patienten nicht letztlich doch dieser Pandemie – früher oder später, mit ohne ohne Quarantäne – zum Opfer fallen? Mit anderen Worten: hat die Quarantäne insoweit ihr Ziel verfehlt, denn alle Massnahmen können ja nicht darauf abzielen, das Virus zu besiegen. Das kann ggf. nur eine Impfung, oder ein Medikament, das auch prophylaktisch wirkt – beides (noch) nicht verfügbar – sondern nur die Ausbreitung verlangsamen.
Allerdings kann die Verlangsamung der Ausbreitung dreierlei erreichen:
- Katastrophale “Triage-Zustände”also die komplette Ueberlastung des Gesundheitswesens wie in Italien” vermeiden helfen, und das hat bisher gut geklappt: die Kapazität der Intensivbetten wurde bei weitem nicht ausgeschöpft. Kein Patient musste bisher abgewiesen werden. Aber die zweite Erkrankungswelle steht uns ja noch bevor.
- Langsam eine Massen-Immunität in der Gesellschaft aufzubauen, die durch geeignete Antikörpertests verfolgt werden kann. Allerdings ist bisher unklar, wie weit diese Immunität zeitlich reicht: lebenslang, oder wesentlich kürzer.
- Bis zum Erreichen einer Massenimmunität (60% der Bevölkerung) die betagten Menschen zu schützen, sodas sie nicht mehr Opfer der Pandemie werden können, weil sich dann das Virus nicht weiter ausbreiten kann.
Völlig versagt
Das bedeutet: Insbesondere die betagten Menschen in Alten- und Pflegeheimen, oder versorgt duch ambulante Pflegedienste, durch geeignete Massnahmen zu schützen. Und hier haben die Regierungen – ob Bundes- oder Landesregierung – bisher versagt. Die hohen Infektions- und Todeszahlen in Alten- und Pflegeheimen sind das Resultat völlig unzureichnder Versorgung der in der Pflege Beschäftigten mit Schutzkleidung, und ausserdem die fehlende regelmässige Testung des Pflegepersonals und der Bewohner auf Sars-CoV-2, den Erreger von Covid-19.
Auch Besucher hätten von Beginn der Epidemie an zumindest mit Schutzmasken versorgt werden müssen. Nichts geschah jedoch.
Besonders schlimm sah und sieht es bei den mobilen Pflegediensten aus. Bei vielen fehlt jegliche Schutzbekleidung, gesetzliche Regelungen fehlen. Bisher bestand keine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasenschutzzmaske, die bis vor kurzem sogar noch verpönt war “kann Patienten verängstigen”.
Alles das vor dem Hintergrund der Zahlen aus China, bevor die Epidemie auch nach Deutschland überschwappte: Die zeigten klar und deutlich: vor allem ältere Menschen haben einen schwereren und oft oft tödlichen Krankheitsverlauf.
Es hätte also genügend Zeit bestanden, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Stattdessen redete der Gesundheitsminister Jens Spahn die Epidemie zunächst klein, ein gewaltiger, und sehr vermeidbarer Irrtum.
Ein Blick nach in Grossbritannien zum Abschluss: 26.097 Tote bis heute , also mehr als vier mal so viele, wie in Deutschland. Adäquate Schuzkleidung war dort selbst in den Krankenhäusern Mangelware, mit dem Resultat, dass bereits mehr als 100 Beschäftigte im Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), die Covid-19- Kranke versorgten, an der Viruserkrankung verstarben. Ihnen wurde gestern in einer Schweigeminute gedacht.
onlinedienst - 29. Apr, 21:42 Article 390x read