Südafrika: Das Gold der Caster Semenya, Empfindlichkeiten, Peinlichkeiten & verbale Entgleisungen
Dr. Günter Pabst - Selbst in Südafrika kannte sie vor dem 19. August 2009 kaum einer, die 18-jährige Caster Semenya. Was sie dann plötzlich weltweit in die Schlagzeilen brachte, war weniger der Titelgewinn über die 800m-Strecke bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin oder die neue Weltrekordzeit von 1:55,45.
Es war die Nachricht, dass sich Semenya auf Verlangen der International Association of Athletics Federations (IAAF) einem Geschlechtstest (gender verification) zu stellen habe.
Kontroversen über das Geschlecht von Athleten, die in Frauen-Wettbewerben antraten, hatte es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Durch Tests flogen einige auf; bei anderen genügte die Vorladung und sie wurden nie wieder bei einem Wettkampf gesehen. Innerhalb des IAAF hatte sich in den letzten Jahren eine gewisse Zurückhaltung solchen Tests gegenüber entwickelt. Sie sind ein „heißes Eisen“, das nur mit größter Zurückhaltung angefasst wird. Die Medien nahmen sich des Themas denn auch mit einer gewissen Sensibilität an; kritisiert wurde insbesondere der Zeitpunkt, zu dem die IAAF-Forderung bekannt geworden war – wenige Stunden vor dem Lauf.
Und dieser Umstand hat in Südafrika bei einigen Zeitgenossen zu Überreaktionen geführt, deren Schwung immer noch Momentum hat. Da geht es schon lange nicht mehr um die Athletin; das Thema lautet: Die IAAF ist eine weiße, rassistische Organisation, die unserem „Golden Girl“ die Goldmedaille nicht gönnt, weil sie schwarz ist. Und die Medien spielen kräftig mit. Ich werde auf einige dieser Ergüsse noch eingehen. Zunächst einmal müssen aber die Fakten auf den Tisch. Denn erst dann zeigt sich, wie sehr daneben viele erzürnte Kommentare liegen.
Caster Semenya startete bei den Afrikanischen Junioren-Meisterschaften, die Ende Juli 2009 auf Mauritius stattfanden, über 800m und 1500m. Sie gewann beide Titel in Zeiten, die bemerkenswert waren. Mit 1:56,72 über die 800m war sie um 7,5 Sekunden schneller als neun Monate zuvor; über 1500m verbesserte sie ihre Bestzeit sogar um 25 Sekunden auf 4:08,01. Solche Quantensprünge mussten zu einer Reaktion bei der IAAF führen; das roch nach Doping.
Und tatsächlich zeigte sich bei der routinemäßigen Dopingkontrolle nach den Läufen ein Testosteronwert, der dreifach über dem Grenzwert lag. Da es bei so einem hohen Wert auch eine andere Erklärung als Doping geben kann, bestand die IAAF auf einen Geschlechtstest. Dem hat sich die Athletin auch unterzogen, und zwar gleich nach den Meisterschaften auf Mauritius - in Südafrika. Gesagt hat man ihr das aber nicht. Sie wurde in dem Glauben gelassen, ihre Untersuchungen seien reine Dopingtests. Und da die Auswertung von Geschlechtstests einige Wochen dauert, nahm das Unheil seinen Lauf.
Der südafrikanische Leichtathletik-Verband (ASA) schickte mit Caster Semenya eine Athletin nach Berlin, die mitten in einem Verfahren zur Überprüfung ihres Geschlechts stand (und dies gar nicht wusste). Das Verfahren wurde sowohl bei der IAAF als auch bei ASA diskret behandelt; an die Öffentlichkeit wurde nichts gegeben. Irgendwo gab es dann aber eine undichte Stelle; am 19. August 2009, dem Tag des Finales, machte die Nachricht die Runde.
Also: Die IAAF hat den Test nicht erst in Berlin gefordert, sondern schon Wochen zuvor. Und dies nicht als Reaktion auf den Weltrekord-Lauf, sondern wegen Indizien, die man nur schwerlich ignorieren kann. Die IAAF hat das Verfahren auch nicht publik gemacht, sondern es erst bestätigt, nachdem die heiße Nachricht schon in der Welt war. Wo die undichte Stelle ist, bleibt unbekannt. Da man bei ASA Bescheid wusste, kann die Indiskretion genauso gut von dort oder von einer anderen südafrikanischen Quelle stammen. Und schließlich: So sehr man einen Geschlechtstest unter persönlichkeitsrechtlichen Aspekten als bedenklich ansehen kann, ist ein solcher Test doch nach den IAAF-Regeln möglich.
Es gibt dazu ein auf der Homepage zugängliches Dokument, in dem Details zu Voraussetzungen und Verfahren dezidiert geregelt sind. Denn unter Sportmedizinern ist unstreitig, dass es seltene biologische Konstellationen geben kann, bei denen eine Frau genetische Vorteile gegenüber Geschlechtsgenossinnen besitzt, die einen fairen Wettbewerb nicht zulassen. Nüchtern betrachtet ist also der Fall Caster Semenya eigentlich ziemlich unspektakulär, auch wenn das ganze Verfahren für die junge Athletin belastend ist. Wer sich im Hochleistungssport bewegt, wird die Regeln zu akzeptieren haben.
Wenden wir uns nun einigen Reaktionen in Südafrika zu. Präsident Jacob Zuma hielt sich noch vergleichsweise zurück; für ihn sind das „Gerüchte, die falsch und geistlos“ seien. Dicker aufgetragen haben da schon einige Minister. Nkosazana Dlamini-Zuma (Home Affairs) spricht von „einer Schlacht, die gegen Semenya geführt wird“; Edna Molewa( Social Development) findet „die Zweifel nicht fundiert; die werden von den Verlierern gestreut.“
Die Regierungspartei ANC entdeckt „üble Motive“ bei denen, die den Geschlechtstest betreiben. Und das Parlament hat eine Beschwerde an die UN-Menschenrechts-Kommission gerichtet, weil man in der Behandlung der Athletin „einen schweren Verstoß gegen die Menschenrechte und eine Verletzung der Privatsphäre“ sieht. Und mal wieder sind es zwei Populisten der politischen Szene, die „Volkes Stimme“ artikulieren. Julius Malema, seines Zeichens Vorsitzender der ANC-Jugendliga, spielt bei der Rückkehr der Mannschaft nach Südafrika die Rassenkarte. „Die weiß kontrollierten Medien sind mal wieder im Unrecht“ (mit der Art und Weise, wie sie über den Fall Semeya berichten).
Winnie Madizikela-Mandela, Ex-Frau von Nelson Mandela und so etwas wie die ungekrönte Königin der Herzen in den schwarzen Townships, lies verlauten: „Niemand hat das Recht, unser Golden Girl anzutasten. Wer das tut greift uns alle an.“ Den Medien schreibt sie ins Stammbuch: „Macht von der Pressefreiheit, die wir Euch gebracht haben, korrekt Gebrauch, sonst nehmen wir die Euch wieder weg.“ An der Spitze mit den verbalen Injurien aber steht Leonard Chuene, Präsident von ASA. „Wie können sich Weiße Fragen nach der biologischen Konstellation einer schwarzen Frau erlauben?
Das ist Rassismus – schlicht und einfach. In Afrika schauen sich Eltern ihr Kind an und wissen genau, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Nun sagt man uns, dass dies nicht so einfach sei. Die Europäer werden unsere Kinder aber nicht definieren.“
Alles gesagt, Mr. Chuene – was die ewigen Kolonialisten da doch wieder für Unruhe stiften. Dabei lässt sich doch auch im 21. Jahrhundert die Welt ganz einfach in weiblich/männlich und schwarz/weiß einteilen – oder?
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Dr. Günter Pabst hat in den letzten Jahren zu verschiedenen rechtlichen, steuerlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen in Fachzeitschriften und Magazinen Beiträge veröffentlicht. Mehrfach wurde er eingeladen, vor Wirtschaftsdelegationen in Südafrika und auf Seminaren und Workshops in Deutschland Vorträge zu diversen Südafrika-Themen zu halten. Dr. Papst ist Rechtsanwalt, seine Hompage finden sie unter Pabst & Pabst Consulting.
Es war die Nachricht, dass sich Semenya auf Verlangen der International Association of Athletics Federations (IAAF) einem Geschlechtstest (gender verification) zu stellen habe.
Kontroversen über das Geschlecht von Athleten, die in Frauen-Wettbewerben antraten, hatte es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Durch Tests flogen einige auf; bei anderen genügte die Vorladung und sie wurden nie wieder bei einem Wettkampf gesehen. Innerhalb des IAAF hatte sich in den letzten Jahren eine gewisse Zurückhaltung solchen Tests gegenüber entwickelt. Sie sind ein „heißes Eisen“, das nur mit größter Zurückhaltung angefasst wird. Die Medien nahmen sich des Themas denn auch mit einer gewissen Sensibilität an; kritisiert wurde insbesondere der Zeitpunkt, zu dem die IAAF-Forderung bekannt geworden war – wenige Stunden vor dem Lauf.
Und dieser Umstand hat in Südafrika bei einigen Zeitgenossen zu Überreaktionen geführt, deren Schwung immer noch Momentum hat. Da geht es schon lange nicht mehr um die Athletin; das Thema lautet: Die IAAF ist eine weiße, rassistische Organisation, die unserem „Golden Girl“ die Goldmedaille nicht gönnt, weil sie schwarz ist. Und die Medien spielen kräftig mit. Ich werde auf einige dieser Ergüsse noch eingehen. Zunächst einmal müssen aber die Fakten auf den Tisch. Denn erst dann zeigt sich, wie sehr daneben viele erzürnte Kommentare liegen.
Caster Semenya startete bei den Afrikanischen Junioren-Meisterschaften, die Ende Juli 2009 auf Mauritius stattfanden, über 800m und 1500m. Sie gewann beide Titel in Zeiten, die bemerkenswert waren. Mit 1:56,72 über die 800m war sie um 7,5 Sekunden schneller als neun Monate zuvor; über 1500m verbesserte sie ihre Bestzeit sogar um 25 Sekunden auf 4:08,01. Solche Quantensprünge mussten zu einer Reaktion bei der IAAF führen; das roch nach Doping.
Und tatsächlich zeigte sich bei der routinemäßigen Dopingkontrolle nach den Läufen ein Testosteronwert, der dreifach über dem Grenzwert lag. Da es bei so einem hohen Wert auch eine andere Erklärung als Doping geben kann, bestand die IAAF auf einen Geschlechtstest. Dem hat sich die Athletin auch unterzogen, und zwar gleich nach den Meisterschaften auf Mauritius - in Südafrika. Gesagt hat man ihr das aber nicht. Sie wurde in dem Glauben gelassen, ihre Untersuchungen seien reine Dopingtests. Und da die Auswertung von Geschlechtstests einige Wochen dauert, nahm das Unheil seinen Lauf.
Der südafrikanische Leichtathletik-Verband (ASA) schickte mit Caster Semenya eine Athletin nach Berlin, die mitten in einem Verfahren zur Überprüfung ihres Geschlechts stand (und dies gar nicht wusste). Das Verfahren wurde sowohl bei der IAAF als auch bei ASA diskret behandelt; an die Öffentlichkeit wurde nichts gegeben. Irgendwo gab es dann aber eine undichte Stelle; am 19. August 2009, dem Tag des Finales, machte die Nachricht die Runde.
Also: Die IAAF hat den Test nicht erst in Berlin gefordert, sondern schon Wochen zuvor. Und dies nicht als Reaktion auf den Weltrekord-Lauf, sondern wegen Indizien, die man nur schwerlich ignorieren kann. Die IAAF hat das Verfahren auch nicht publik gemacht, sondern es erst bestätigt, nachdem die heiße Nachricht schon in der Welt war. Wo die undichte Stelle ist, bleibt unbekannt. Da man bei ASA Bescheid wusste, kann die Indiskretion genauso gut von dort oder von einer anderen südafrikanischen Quelle stammen. Und schließlich: So sehr man einen Geschlechtstest unter persönlichkeitsrechtlichen Aspekten als bedenklich ansehen kann, ist ein solcher Test doch nach den IAAF-Regeln möglich.
Es gibt dazu ein auf der Homepage zugängliches Dokument, in dem Details zu Voraussetzungen und Verfahren dezidiert geregelt sind. Denn unter Sportmedizinern ist unstreitig, dass es seltene biologische Konstellationen geben kann, bei denen eine Frau genetische Vorteile gegenüber Geschlechtsgenossinnen besitzt, die einen fairen Wettbewerb nicht zulassen. Nüchtern betrachtet ist also der Fall Caster Semenya eigentlich ziemlich unspektakulär, auch wenn das ganze Verfahren für die junge Athletin belastend ist. Wer sich im Hochleistungssport bewegt, wird die Regeln zu akzeptieren haben.
Wenden wir uns nun einigen Reaktionen in Südafrika zu. Präsident Jacob Zuma hielt sich noch vergleichsweise zurück; für ihn sind das „Gerüchte, die falsch und geistlos“ seien. Dicker aufgetragen haben da schon einige Minister. Nkosazana Dlamini-Zuma (Home Affairs) spricht von „einer Schlacht, die gegen Semenya geführt wird“; Edna Molewa( Social Development) findet „die Zweifel nicht fundiert; die werden von den Verlierern gestreut.“
Die Regierungspartei ANC entdeckt „üble Motive“ bei denen, die den Geschlechtstest betreiben. Und das Parlament hat eine Beschwerde an die UN-Menschenrechts-Kommission gerichtet, weil man in der Behandlung der Athletin „einen schweren Verstoß gegen die Menschenrechte und eine Verletzung der Privatsphäre“ sieht. Und mal wieder sind es zwei Populisten der politischen Szene, die „Volkes Stimme“ artikulieren. Julius Malema, seines Zeichens Vorsitzender der ANC-Jugendliga, spielt bei der Rückkehr der Mannschaft nach Südafrika die Rassenkarte. „Die weiß kontrollierten Medien sind mal wieder im Unrecht“ (mit der Art und Weise, wie sie über den Fall Semeya berichten).
Winnie Madizikela-Mandela, Ex-Frau von Nelson Mandela und so etwas wie die ungekrönte Königin der Herzen in den schwarzen Townships, lies verlauten: „Niemand hat das Recht, unser Golden Girl anzutasten. Wer das tut greift uns alle an.“ Den Medien schreibt sie ins Stammbuch: „Macht von der Pressefreiheit, die wir Euch gebracht haben, korrekt Gebrauch, sonst nehmen wir die Euch wieder weg.“ An der Spitze mit den verbalen Injurien aber steht Leonard Chuene, Präsident von ASA. „Wie können sich Weiße Fragen nach der biologischen Konstellation einer schwarzen Frau erlauben?
Das ist Rassismus – schlicht und einfach. In Afrika schauen sich Eltern ihr Kind an und wissen genau, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Nun sagt man uns, dass dies nicht so einfach sei. Die Europäer werden unsere Kinder aber nicht definieren.“
Alles gesagt, Mr. Chuene – was die ewigen Kolonialisten da doch wieder für Unruhe stiften. Dabei lässt sich doch auch im 21. Jahrhundert die Welt ganz einfach in weiblich/männlich und schwarz/weiß einteilen – oder?


sfux - 10. Sep, 19:27 Article 1771x read