...und ging des Weges.
Stephan Fuchs - Meine Vermutung einen sterbenden Dinosaurier anzutreffen hat sich nicht bestätigt. Christoph Balmer, noch Betriebsleiter der Kulturhallen Dampfzentrale in Bern ist ruhig, gelassen und zuversichtlich. Im Gespräch mit ihm lässt sich sogar heraushören, dass Begeisterung aufkommt. Dann, wenn sich für ihn die Dampftüren Ende April zum letzten Mal schliessen werden.

Balmer ohne Groll
Ich bin doch kurz irritiert. Wie kann ein Mann, der 12 Jahre Kultur veranstaltet hat und meines Erachtens öffentlich skandalös demontiert wurde, keinen Groll haben? Ist es möglich, dass ich mich mehr geärgert habe als Balmer? Vielleicht nicht, aber offensichtlich hat Balmer einen besseren Charakter als ich. «Ich habe überhaupt keinen Grund meine 12 jährige Dampfgeschichte mit Groll oder gar einem gebrochenen Rücken zu beenden» sagt er in einem ruhigen überlegten Ton. Christoph Balmer ist nicht einer der den Hampelmann spielt, ist nicht einer der auf dem Ego Trip segelt und sich bei jeder Gelegenheit selbst zelebrieren muss. Das unentwegte schrillen und summen seiner Telefone irritiert ihn nicht, er hört meinen Fragen zu, überlegt… das Telefon schrillt… und er gibt in zwei Sätzen eine klare Antwort. 12 Jahre Dampfzentrale machen wohl gelassen. Ich bin erstaunt, der Mann muss einen Stahlrücken haben, man sieht ihm die Jahre der Kulturarbeit nicht an.
Er, als Betriebsleiter, hat die Dampfzentrale da hin geführt wo sie jetzt vom Publikum geschätzt wird. Die öffentliche Institution ist ein Markenzeichen des kulturellen Lebens in Bern, mit einer breiten Palette an Darbietungen. «Wir bringen hier Klassik mit Experimental Groove, Schauspiel mit abstrakten Tanzvorführungen und Cybertech Sounds mit Brunch-Symphonie zusammen. Das ist eine Herausforderung, die verschiedene Sprachen voraussetzt, um den weiten Spagat zu kommunizieren. Töchter und Söhne gehen hier nach einer Veranstaltung raus, am nächsten Morgen kommen deren Eltern und geniessen ein Streichquartett. Interdisziplinär. Das Haus bringt Leute und Kulturen zusammen, die sich sonst nicht treffen. Das Haus verbindet.» Ist das tatsächlich so?
«Nein natürlich nicht!»
Es sei schwierig das Ausgehpublikum für ein Theater zu motivieren. Dann kämen die Theater Liebhaber und fänden es sei zuviel Ausgehkultur und die Klassikfreunde scheuen sich, weil die Dampfzentrale auch als Hotpot Sound Tempel gelte, meint Balmer. Tatsächlich aber ist die Dampfzentrale ein Mehrsparten-Haus, durchaus vergleichbar mit einem Stadttheater. Nur, dass die Aareluft die Kreativität zu beflügeln scheint. Balmer verneint: «Das war nicht ich. Die Leute hier sind professionell, zuverlässig und wir haben ein gut funktionierendes, eingespieltes Team. Ich muss nicht einem Stempelkissen für die Kasse nachrennen und ich muss nicht um zwei Uhr morgens kommen, um Kleingeld zu wechseln. Wir machen unsere Jobs und wir machen sie gut.»
Kultur ist gratis
Geld ist ein gutes Schlagwort, dacht ich mir, das muss ihn ins schwitzen bringen. Was sind denn all die Vorwürfe in der Presse? Geld Probleme? Balmer schwitzt nicht. «Ich bin froh, dass sie das erwähnen, das liegt mir wirklich am Herzen», meint er. «Wir haben nie ein Budget überschritten, wir haben die nötigen Finanzreserven, das Unternehmen Dampfzentrale steht auf gesunden Füssen da.» Geld ist natürlich ein Thema, denn die Dampfzentrale bekommt öffentliche Gelder und ist somit auch in öffentlicher Verantwortung stehend. Der Kulturtempel bekommt Geld von der Stadt, dem Kanton, der Burgergemeinde und aus dem Mirgros Kulturprozent und trotzdem ist die Dampfzentrale gezwungen einen relativ hohen selbstfinanzierungsgrad bereitzustellen. Kunst kostet Geld, grosse Namen kosten grosses Geld und dabei wird die Sitzplatz Kapazität verständlicherweise nicht grösser. Einerseits will man qualitativ Grossartiges zeigen, es darf aber nichts kosten. Um trotzdem die guten Namen auf hohem Niveau zu bekommen ist die Dampfzentrale somit gezwungen mehr Party Events zu machen, mit dem Resultat, dass das Haus zu einem Discotempel werden könnte, der ab und an mal eine Lesung macht. Die Situation ist paradox.
«Kann dies das Ziel sein?»
Kann nicht. «Jene die meinen Job übernehmen werden, müssen sich überlegen wie sie die Dampfzentrale positionieren wollen. Ich hoffe die Strukturreform kommt zu einem positiven Ende». Balmer hat recht, denn selbst bei Partyanlässen sind die Zeiten vorbei, als der Veranstalter einem DJ 200 Franken in die Hand drückte und er sich danach mit Geld zählen auseinander setzten konnte. «Wirtschaftsponsoren?» fragt Balmer. Ich nahm einen Schluck Bier, in der Hoffnung er möge sich selber antworten und er macht’s: «Nein! Die Wirtschaft investiert nicht mehr in die Nischenkultur, auch wenn sie sich eigentlich etabliert hat.» Er weiss wovon er spricht, Balmer hat’s versucht und er ist nicht der einzige. Die grosszügigen Sponsoring Quellen sind versiegt, doch das ist offensichtlich noch nicht in aller Munde.
WC putzen ist auch gratis
Balmer, der den Betrieb 1993 übernommen hatte, krempelte den Laden zum Güte Siegel um. Mit ihm wurde der ganze Betrieb professionalisiert. «Ohne Professionalisierung hätte die Dampfzentrale den steigenden Bedürfnissen des Publikums und den Künstlern nicht gerecht werden können. » Ich muss ihm das bestätigen: Denn die Dampfzentrale wird bei Promotern und Künstlern in ganz Europa als eine Hochangesehene Gaststätte mit kompetentem Personal geschätzt. Trotz gutem Leistungsausweis und erfolgreichen Veranstaltungen, wird ihm vorgeworfen sein Betriebskredit von 400‘000 Franken hauptsächlich in Lohnkosten verheizt zu haben. Das wären 10 Personen Entourage zu Mikrolohn. Plakataushang, Technik, Kasse, Sicherheit, WC Putzen, Licht, Backstage, Büro etc. Aufwendiger wurde die Professionalisierung 1999, als die Dampfzentrale eine eigene Haustechnik erhielt. «Eine komplexe Angelegenheit. Wir haben ein gutes System, das den Anforderungen grosser Produktionen gerecht wird. Es hat aber auch Tücken. Unser Licht ist auf 9 Meter Höhe. Stellen sie sich vor: wir können nicht verantworten, dass irgendwelche halbseidenen da mit weiss was im Kopf rumrutschen.» Wer auf Stage gearbeitet hat, der weiss wie der Schweiss trieft. «Dies soll nicht Fronarbeit sein, ganz bestimmt nicht. Meinen sie, am Sonntagmorgen, nach langer Tanznacht des Ausgehpublikums die WC Anlagen zu putzen sei lustig?» Das ist nicht lustig…
Das Ass von der Planke stossen
12 Jahre schlimmer Balmer. Offensichtlich ist man nicht zufrieden mit seinen Leistungen. Er sei nicht dynamisch, nicht engagiert, man schenke ihm kein Vertrauen. Nach zwölf Jahren, nonstop Einsatz, die meisten Wochenenden dazu, ein kläglicher Versuch einer Demontage. 12 Jahre beweisen das Gegenteil. «Windwechsel» sagt Balmer ohne Groll. «Es habe natürlich schon mit dem Weggang von Bejazz und dem Konkurs des Restaurants und der eingeleiteten Strukturreform zu tun. Wenn man jene wirklich Umsetzen will, dann ist es die richtige Entscheidung mich von der Planke zu stossen.» Und doch wurde Balmers Arbeit vorher gelobt. «Ja, natürlich, sonst wäre ich kaum 12 Jahre mit ähnlichem Produkt hier gewesen oder?» Balmer sieht sich nicht in der Rolle des Opfers. «Nein, die Opferrolle spiel ich nicht mit. Ich weiss was ich hier geleistet habe, was ich gutes gemacht und… stellen sie sich vor, ich weiss auch ganz genau was ich nicht gut gemacht habe. Klar! Ich gehe mit einem geraden Rücken und freue mich auf meine dampflose Zeit.»
Balmer schaut mich an. Ich klopf mir auf das Bein und denk: Der Kerl ist ein Ass, sein Weggang ein Verlust für die Kultur Bern.
Bild: Christoph Balmer
Foto: Pierre Marti
...und ging des Weges erschien in der April Ausgabe von ensuite kulturmagazin
Zur Dampfzentrale:
Die Kulturhallen Dampfzentrale liegen direkt an der Aare auf dem Areal des Marzilibads. Ihre Geschichte beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Elektrizitätsbedarf Berns sprunghaft anstieg und das bestehende Flusskraftwerk Matte bei geringer Wasserführung zu wenig Strom lieferte.
1904 baute der Architekt Eduard Joos, der sich zuvor mit dem Bau des Uni-Hauptgebäudes auf der Grossen Schanze einen Namen gemacht hatte, im Auftrag des Elektrizitätswerks der Stadt Bern das thermische Kraftwerk. Die kohlegefeuerte Dampfzentrale sollte diese Lastspitzen decken. Per Schiff gelangte die Kohle, die in der Brienzersee-Region abgebaut wurde, zur Dampfzentrale. Im Kesselhaus wurden die Heizkessel eingefeuert und im Turbinensaal standen die Drehstrom-Turbinen, die elektrische Energie erzeugten.
1924 wurden die Kohlenkessel durch Dieselaggregate ergänzt. 1939 wurde der Kohlebetrieb eingestellt und das weithin sichtbare Wahrzeichen der Dampfzentrale, ein 50m hoher Kamin, abgebrochen.
1973: Mit der Demontage der Dieselaggregate wurde die Dampfzentrale zur Industriebrache und mehr schlecht als recht als Lager genutzt. Nach der Stilllegung der Kraftwerkräume gab es Projekte für neue Schwimm- und Turnhallen. Die Dampfzentrale wäre abgerissen worden, wenn 1981 nicht die Denkmalpflege eingegriffen hätte.
Mitte der achtziger Jahre war das Veranstaltungsangebot der Bundesstadt äusserst bescheiden. Die freie Tanz- und Theaterszene suchte nach Auftrittsorten. Die Reitschule war verbarrikadiert, die Hüttensiedlung Zaffaraya niedergewalzt, Kulturorte wie Wasserwerk, Stufenbau, Cinématte etc. noch in den Sternen.
1986 gründeten aus dieser Notsituation heraus verschiedene kulturelle Organisationen der Stadt Bern den Verein Dampfzentrale. Mit dem Ziel, die Dampfzentrale kulturell zu nutzen, reichten sie ein Gesuch beim Gemeinderat der Stadt Bern ein.
1987: Im Mai kam es für eine Nacht zu einer inzwischen legendären Besetzung. Züri West machten darüber den Song «Hansdampf»: «D Wäut schteit uf em Chopf u dräit sech überem Parkett, 1000 Bärner dräie mit u i schtah irgendwo ir Mitti, u cha nid gloube, was i gseh.» Was Kuno Lauener 1987 nicht glauben wollte, war tatsächlich ein kleines Wunder. Denn es hätte auch anders kommen können.
19.10.87: Der bürgerliche Gemeinderat sah Handlungsbedarf und bewilligte den Versuchsbetrieb der Kulturhallen Dampfzentrale. Gleichzeitig beauftragte er das Architekturbüro Haltmeyer + Flückiger, ein Projekt zur Renovation und Neunutzung des geschützten Industriebaus auszuarbeiten. Im bald eingespielten Dauerprovisorium bespielte zeitgenössiche Kultur die Kraftwerkhallen.
1995: Die Dampfzentrale-Crew war hungrig und der Sandwiches überdrüssig. Es geisterten erste Ideen zum Bau eines Restaurants in den Köpfen herum, die bald konkreter und zu handfesten Plänen wurden.
1997: Im September war es soweit: Das Restaurant Dampfzentrale wurde eröffnet. Zu Beginn fanden eher wenig Menschen den Weg in die Beiz fern der ausgetrampten Pfade. Doch bald sprach sich herum, dass hier in besonderer Atmosphäre fein gespiesen werden kann. Das Restaurant ist aus der Dampfzentrale nicht mehr wegzudenken.
1997, zehn Jahre nach Aufnahme des Kulturbetriebs, sprach der Berner Stadtrat einstimmig 4.1 Mio. Franken für die Sanierung der Kulturhallen Dampfzentrale. Das Architekturbüro Haltmeyer + Flückiger passte das Renovationsprojekt von 1992 an und führte - in enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsleiter Christoph Balmer - von September 1998 bis August 1999 die Gesamtsanierung durch. Der Kulturbetrieb war während dieser Zeit eingeschränkt, jedoch keineswegs lahm gelegt.
1999 startete die Saison in den frischen Hallen. Die Gesamtsanierung hievte die Kulturhallen Dampfzentrale in höhere Gefilde. Die Räume blieben in ihrem Charakter erhalten, die technische Infrastruktur jedoch den Bedürfnissen eines zeitgemässen Kulturbetriebs angepasst. Sichtbarste Veränderungen sind die neue Bühne mit einer Zuschauertribüne für 400 Personen im Turbinensaal und ein grosses Foyer mit Bar. Das «Foyer International» wurde dank der besonderen Atmosphäre bald zum einzigartigen Veranstaltungsort, wo häufig Konzerte, Lesungen, Dancefloors und Lounges stattfinden.
Seither ist der Kulturbetrieb in allen Dimensionen gewachsen. Derzeit arbeiten der Vorstand, bestehend aus einem 6-köpfigen KünstlerInnengremium, zehn fest Angestelle und zahlreiche freie MitarbeiterInnen und externe VeranstalterInnen für jährlich über 500 öffentliche Anlässe mit 2000-3000 beteiligten KünstlerInnen. Daneben gibt es Probelokale und Probebühnen für regionale TäterInnen.
2002 erhalten die Kulturhallen Dampfzentrale den mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis der Burgergemeinde Bern. Danke! Damit wird KD-Digital lanciert, ein Internet-Projekt, das den Kulturbetrieb um eine Dimension erweitert – die digitale. Auf der Internetbühne werden Bild- und Tonübertragungen von Liveanlässen ins Internet möglich und die Artmap ist ein Kunstprojekt, das die digitale und die analoge Welt verbindet.


Balmer ohne Groll
Ich bin doch kurz irritiert. Wie kann ein Mann, der 12 Jahre Kultur veranstaltet hat und meines Erachtens öffentlich skandalös demontiert wurde, keinen Groll haben? Ist es möglich, dass ich mich mehr geärgert habe als Balmer? Vielleicht nicht, aber offensichtlich hat Balmer einen besseren Charakter als ich. «Ich habe überhaupt keinen Grund meine 12 jährige Dampfgeschichte mit Groll oder gar einem gebrochenen Rücken zu beenden» sagt er in einem ruhigen überlegten Ton. Christoph Balmer ist nicht einer der den Hampelmann spielt, ist nicht einer der auf dem Ego Trip segelt und sich bei jeder Gelegenheit selbst zelebrieren muss. Das unentwegte schrillen und summen seiner Telefone irritiert ihn nicht, er hört meinen Fragen zu, überlegt… das Telefon schrillt… und er gibt in zwei Sätzen eine klare Antwort. 12 Jahre Dampfzentrale machen wohl gelassen. Ich bin erstaunt, der Mann muss einen Stahlrücken haben, man sieht ihm die Jahre der Kulturarbeit nicht an.
Er, als Betriebsleiter, hat die Dampfzentrale da hin geführt wo sie jetzt vom Publikum geschätzt wird. Die öffentliche Institution ist ein Markenzeichen des kulturellen Lebens in Bern, mit einer breiten Palette an Darbietungen. «Wir bringen hier Klassik mit Experimental Groove, Schauspiel mit abstrakten Tanzvorführungen und Cybertech Sounds mit Brunch-Symphonie zusammen. Das ist eine Herausforderung, die verschiedene Sprachen voraussetzt, um den weiten Spagat zu kommunizieren. Töchter und Söhne gehen hier nach einer Veranstaltung raus, am nächsten Morgen kommen deren Eltern und geniessen ein Streichquartett. Interdisziplinär. Das Haus bringt Leute und Kulturen zusammen, die sich sonst nicht treffen. Das Haus verbindet.» Ist das tatsächlich so?
«Nein natürlich nicht!»
Es sei schwierig das Ausgehpublikum für ein Theater zu motivieren. Dann kämen die Theater Liebhaber und fänden es sei zuviel Ausgehkultur und die Klassikfreunde scheuen sich, weil die Dampfzentrale auch als Hotpot Sound Tempel gelte, meint Balmer. Tatsächlich aber ist die Dampfzentrale ein Mehrsparten-Haus, durchaus vergleichbar mit einem Stadttheater. Nur, dass die Aareluft die Kreativität zu beflügeln scheint. Balmer verneint: «Das war nicht ich. Die Leute hier sind professionell, zuverlässig und wir haben ein gut funktionierendes, eingespieltes Team. Ich muss nicht einem Stempelkissen für die Kasse nachrennen und ich muss nicht um zwei Uhr morgens kommen, um Kleingeld zu wechseln. Wir machen unsere Jobs und wir machen sie gut.»
Kultur ist gratis
Geld ist ein gutes Schlagwort, dacht ich mir, das muss ihn ins schwitzen bringen. Was sind denn all die Vorwürfe in der Presse? Geld Probleme? Balmer schwitzt nicht. «Ich bin froh, dass sie das erwähnen, das liegt mir wirklich am Herzen», meint er. «Wir haben nie ein Budget überschritten, wir haben die nötigen Finanzreserven, das Unternehmen Dampfzentrale steht auf gesunden Füssen da.» Geld ist natürlich ein Thema, denn die Dampfzentrale bekommt öffentliche Gelder und ist somit auch in öffentlicher Verantwortung stehend. Der Kulturtempel bekommt Geld von der Stadt, dem Kanton, der Burgergemeinde und aus dem Mirgros Kulturprozent und trotzdem ist die Dampfzentrale gezwungen einen relativ hohen selbstfinanzierungsgrad bereitzustellen. Kunst kostet Geld, grosse Namen kosten grosses Geld und dabei wird die Sitzplatz Kapazität verständlicherweise nicht grösser. Einerseits will man qualitativ Grossartiges zeigen, es darf aber nichts kosten. Um trotzdem die guten Namen auf hohem Niveau zu bekommen ist die Dampfzentrale somit gezwungen mehr Party Events zu machen, mit dem Resultat, dass das Haus zu einem Discotempel werden könnte, der ab und an mal eine Lesung macht. Die Situation ist paradox.
«Kann dies das Ziel sein?»
Kann nicht. «Jene die meinen Job übernehmen werden, müssen sich überlegen wie sie die Dampfzentrale positionieren wollen. Ich hoffe die Strukturreform kommt zu einem positiven Ende». Balmer hat recht, denn selbst bei Partyanlässen sind die Zeiten vorbei, als der Veranstalter einem DJ 200 Franken in die Hand drückte und er sich danach mit Geld zählen auseinander setzten konnte. «Wirtschaftsponsoren?» fragt Balmer. Ich nahm einen Schluck Bier, in der Hoffnung er möge sich selber antworten und er macht’s: «Nein! Die Wirtschaft investiert nicht mehr in die Nischenkultur, auch wenn sie sich eigentlich etabliert hat.» Er weiss wovon er spricht, Balmer hat’s versucht und er ist nicht der einzige. Die grosszügigen Sponsoring Quellen sind versiegt, doch das ist offensichtlich noch nicht in aller Munde.
WC putzen ist auch gratis
Balmer, der den Betrieb 1993 übernommen hatte, krempelte den Laden zum Güte Siegel um. Mit ihm wurde der ganze Betrieb professionalisiert. «Ohne Professionalisierung hätte die Dampfzentrale den steigenden Bedürfnissen des Publikums und den Künstlern nicht gerecht werden können. » Ich muss ihm das bestätigen: Denn die Dampfzentrale wird bei Promotern und Künstlern in ganz Europa als eine Hochangesehene Gaststätte mit kompetentem Personal geschätzt. Trotz gutem Leistungsausweis und erfolgreichen Veranstaltungen, wird ihm vorgeworfen sein Betriebskredit von 400‘000 Franken hauptsächlich in Lohnkosten verheizt zu haben. Das wären 10 Personen Entourage zu Mikrolohn. Plakataushang, Technik, Kasse, Sicherheit, WC Putzen, Licht, Backstage, Büro etc. Aufwendiger wurde die Professionalisierung 1999, als die Dampfzentrale eine eigene Haustechnik erhielt. «Eine komplexe Angelegenheit. Wir haben ein gutes System, das den Anforderungen grosser Produktionen gerecht wird. Es hat aber auch Tücken. Unser Licht ist auf 9 Meter Höhe. Stellen sie sich vor: wir können nicht verantworten, dass irgendwelche halbseidenen da mit weiss was im Kopf rumrutschen.» Wer auf Stage gearbeitet hat, der weiss wie der Schweiss trieft. «Dies soll nicht Fronarbeit sein, ganz bestimmt nicht. Meinen sie, am Sonntagmorgen, nach langer Tanznacht des Ausgehpublikums die WC Anlagen zu putzen sei lustig?» Das ist nicht lustig…
Das Ass von der Planke stossen
12 Jahre schlimmer Balmer. Offensichtlich ist man nicht zufrieden mit seinen Leistungen. Er sei nicht dynamisch, nicht engagiert, man schenke ihm kein Vertrauen. Nach zwölf Jahren, nonstop Einsatz, die meisten Wochenenden dazu, ein kläglicher Versuch einer Demontage. 12 Jahre beweisen das Gegenteil. «Windwechsel» sagt Balmer ohne Groll. «Es habe natürlich schon mit dem Weggang von Bejazz und dem Konkurs des Restaurants und der eingeleiteten Strukturreform zu tun. Wenn man jene wirklich Umsetzen will, dann ist es die richtige Entscheidung mich von der Planke zu stossen.» Und doch wurde Balmers Arbeit vorher gelobt. «Ja, natürlich, sonst wäre ich kaum 12 Jahre mit ähnlichem Produkt hier gewesen oder?» Balmer sieht sich nicht in der Rolle des Opfers. «Nein, die Opferrolle spiel ich nicht mit. Ich weiss was ich hier geleistet habe, was ich gutes gemacht und… stellen sie sich vor, ich weiss auch ganz genau was ich nicht gut gemacht habe. Klar! Ich gehe mit einem geraden Rücken und freue mich auf meine dampflose Zeit.»
Balmer schaut mich an. Ich klopf mir auf das Bein und denk: Der Kerl ist ein Ass, sein Weggang ein Verlust für die Kultur Bern.
Bild: Christoph Balmer
Foto: Pierre Marti
...und ging des Weges erschien in der April Ausgabe von ensuite kulturmagazin
Zur Dampfzentrale:
Die Kulturhallen Dampfzentrale liegen direkt an der Aare auf dem Areal des Marzilibads. Ihre Geschichte beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Elektrizitätsbedarf Berns sprunghaft anstieg und das bestehende Flusskraftwerk Matte bei geringer Wasserführung zu wenig Strom lieferte.
1904 baute der Architekt Eduard Joos, der sich zuvor mit dem Bau des Uni-Hauptgebäudes auf der Grossen Schanze einen Namen gemacht hatte, im Auftrag des Elektrizitätswerks der Stadt Bern das thermische Kraftwerk. Die kohlegefeuerte Dampfzentrale sollte diese Lastspitzen decken. Per Schiff gelangte die Kohle, die in der Brienzersee-Region abgebaut wurde, zur Dampfzentrale. Im Kesselhaus wurden die Heizkessel eingefeuert und im Turbinensaal standen die Drehstrom-Turbinen, die elektrische Energie erzeugten.
1924 wurden die Kohlenkessel durch Dieselaggregate ergänzt. 1939 wurde der Kohlebetrieb eingestellt und das weithin sichtbare Wahrzeichen der Dampfzentrale, ein 50m hoher Kamin, abgebrochen.
1973: Mit der Demontage der Dieselaggregate wurde die Dampfzentrale zur Industriebrache und mehr schlecht als recht als Lager genutzt. Nach der Stilllegung der Kraftwerkräume gab es Projekte für neue Schwimm- und Turnhallen. Die Dampfzentrale wäre abgerissen worden, wenn 1981 nicht die Denkmalpflege eingegriffen hätte.
Mitte der achtziger Jahre war das Veranstaltungsangebot der Bundesstadt äusserst bescheiden. Die freie Tanz- und Theaterszene suchte nach Auftrittsorten. Die Reitschule war verbarrikadiert, die Hüttensiedlung Zaffaraya niedergewalzt, Kulturorte wie Wasserwerk, Stufenbau, Cinématte etc. noch in den Sternen.
1986 gründeten aus dieser Notsituation heraus verschiedene kulturelle Organisationen der Stadt Bern den Verein Dampfzentrale. Mit dem Ziel, die Dampfzentrale kulturell zu nutzen, reichten sie ein Gesuch beim Gemeinderat der Stadt Bern ein.
1987: Im Mai kam es für eine Nacht zu einer inzwischen legendären Besetzung. Züri West machten darüber den Song «Hansdampf»: «D Wäut schteit uf em Chopf u dräit sech überem Parkett, 1000 Bärner dräie mit u i schtah irgendwo ir Mitti, u cha nid gloube, was i gseh.» Was Kuno Lauener 1987 nicht glauben wollte, war tatsächlich ein kleines Wunder. Denn es hätte auch anders kommen können.
19.10.87: Der bürgerliche Gemeinderat sah Handlungsbedarf und bewilligte den Versuchsbetrieb der Kulturhallen Dampfzentrale. Gleichzeitig beauftragte er das Architekturbüro Haltmeyer + Flückiger, ein Projekt zur Renovation und Neunutzung des geschützten Industriebaus auszuarbeiten. Im bald eingespielten Dauerprovisorium bespielte zeitgenössiche Kultur die Kraftwerkhallen.
1995: Die Dampfzentrale-Crew war hungrig und der Sandwiches überdrüssig. Es geisterten erste Ideen zum Bau eines Restaurants in den Köpfen herum, die bald konkreter und zu handfesten Plänen wurden.
1997: Im September war es soweit: Das Restaurant Dampfzentrale wurde eröffnet. Zu Beginn fanden eher wenig Menschen den Weg in die Beiz fern der ausgetrampten Pfade. Doch bald sprach sich herum, dass hier in besonderer Atmosphäre fein gespiesen werden kann. Das Restaurant ist aus der Dampfzentrale nicht mehr wegzudenken.
1997, zehn Jahre nach Aufnahme des Kulturbetriebs, sprach der Berner Stadtrat einstimmig 4.1 Mio. Franken für die Sanierung der Kulturhallen Dampfzentrale. Das Architekturbüro Haltmeyer + Flückiger passte das Renovationsprojekt von 1992 an und führte - in enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsleiter Christoph Balmer - von September 1998 bis August 1999 die Gesamtsanierung durch. Der Kulturbetrieb war während dieser Zeit eingeschränkt, jedoch keineswegs lahm gelegt.
1999 startete die Saison in den frischen Hallen. Die Gesamtsanierung hievte die Kulturhallen Dampfzentrale in höhere Gefilde. Die Räume blieben in ihrem Charakter erhalten, die technische Infrastruktur jedoch den Bedürfnissen eines zeitgemässen Kulturbetriebs angepasst. Sichtbarste Veränderungen sind die neue Bühne mit einer Zuschauertribüne für 400 Personen im Turbinensaal und ein grosses Foyer mit Bar. Das «Foyer International» wurde dank der besonderen Atmosphäre bald zum einzigartigen Veranstaltungsort, wo häufig Konzerte, Lesungen, Dancefloors und Lounges stattfinden.
Seither ist der Kulturbetrieb in allen Dimensionen gewachsen. Derzeit arbeiten der Vorstand, bestehend aus einem 6-köpfigen KünstlerInnengremium, zehn fest Angestelle und zahlreiche freie MitarbeiterInnen und externe VeranstalterInnen für jährlich über 500 öffentliche Anlässe mit 2000-3000 beteiligten KünstlerInnen. Daneben gibt es Probelokale und Probebühnen für regionale TäterInnen.
2002 erhalten die Kulturhallen Dampfzentrale den mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis der Burgergemeinde Bern. Danke! Damit wird KD-Digital lanciert, ein Internet-Projekt, das den Kulturbetrieb um eine Dimension erweitert – die digitale. Auf der Internetbühne werden Bild- und Tonübertragungen von Liveanlässen ins Internet möglich und die Artmap ist ein Kunstprojekt, das die digitale und die analoge Welt verbindet.

sfux - 31. Mär, 22:41 Article 2893x read